Die besten TV-Serien im September – Seite 1

Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Der Dunkle Kristall – Ära des Widerstands"

36 Jahre ist es her, dass ein kindsgroßer Gelfling namens Jen das Böse besiegte, indem er das Herz seiner Welt, einen Kristall, wieder zusammenfügte: 1982 kam der Puppentrickfilm Der Dunkle Kristall der Muppets-Schöpfer Jim Henson und Frank Oz in die Kinos. Das Prequel Ära des Widerstands auf Netflix erzählt nun in zehn Episoden die Vorgeschichte, ausführende Produzentin war Jim Hensons Tochter Lisa. Sie hat sich nicht etwa dafür entschieden, die bekannte Spezies am Computer neu zu erschaffen. Es sind wieder Puppen, die die Fantasywelt von Thra bevölkern, handgemacht in dieser Welt.  

Die erkennbare Gemachtheit der Figuren ist es, die die Serie aus der Masse fantastischer Produktionen heraushebt. Während Zeichentrickfilme und Games größtenteils am Bildschirm entstehen und kaum noch unterscheidbar sind, besitzen Puppen die Authentizität des Materials, aus dem sie bestehen. Sie sind geformt, geschnitzt, geklebt, bemalt. Und auch wenn ihren kugeläugigen Gesichtern die ausgefeilte Mimik fehlt, die Computeranimationen immer realistischer nachahmen, so sind sie doch auf eine andere, warme Art lebendig. Wenn etwa der Held der Geschichte, der jugendliche Gelfling Rian, erfährt, dass sein eigener Vater ihm misstraut, liest man Fassungslosigkeit aus seinem Gesicht, auch wenn sich seine Miene nicht verändert. Lider und Münder klappen auf und zu, der Rest passiert im Kopf des Zuschauers. 

Rian ist also auf sich allein gestellt. Niemand glaubt, was er gesehen hat, dass nämlich der Kaiser und seinesgleichen eine korrupte Mörderbande sind. Seit langer Zeit beherrschen die gierigen, geierartigen Skekse die Welt von Thra. Sie haben sich des Kristalls der Wahrheit bemächtigt, dessen Energie sie aussaugen, um dem Tod zu entgehen. Der Preis dafür ist der Untergang, der als Verfinsterung über die Welt kommt. Rian bricht auf, um der bösartigen Gerontokratie ein Ende zu bereiten, bevor es zu spät ist. Zuschauer, die mit Star Wars oder Die unendliche Geschichte aufgewachsen sind, werden sich in ihre Kindheit zurückversetzt fühlen. Auch wenn die Story keinen Fantasy-Fan wirklich überraschen wird, folgt man den Figuren gern bei ihrer Heldenreise durch die von herrlich verschrobenen Nebendarstellern bevölkerten Kulissen. Einige kinderbuchartige Dialoge hält man auch als Erwachsener aus.

Unter Rians Mitstreiterinnen ist eine junge wissbegierige Prinzessin. Zwar heißt sie nicht Greta, sondern Brea, dennoch kann man die Serie (zumindest in den fünf vorab gezeigten Episoden) durchaus als Kommentar zur Gegenwart verstehen: Beinahe ausnahmslos jugendliche Helden setzen sich über die Autorität der Eltern hinweg, weil sie erkennen, dass deren Nichtstun zur Auslöschung ihrer Welt führt. Nach dieser Lesart wäre der dunkle Kristall für die Bewohner der Sagenwelt Thra, was Kohle und Öl ("schwarzes Gold") für uns Menschen sind: eine Energiequelle deren übermäßige Nutzung alles aus dem Gleichgewicht bringt. Selbst der finstere Wissenschaftler der Skeske weiß das. Als er seinem Kaiser erklärt, dass man den Kristall nicht überstrapazieren dürfe, schreit der ihn an: "Es gibt keine Verfinsterung." Dabei klingt er wie ein Klimawandelleugner.

(Alexander Krex)

Die zehn Episoden von "Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands" sind auf Netflix abrufbar.

Überwältigungsfernsehen: "Carnival Row"

"Carnival Row"

Wer dreht das nächste Game of Thrones? Während HBO dabei ist, seine ungefähr acht potenziellen Spin-offs auf den Weg zu bringen, gibt es bei Amazon Prime jetzt schon einen Anwärter auf den Thrones-Thron. In Carnival Row von René Echevarria (diverse Star-Trek-Formate) und Travis Beacham (Pacific Rim) ermittelt Rycroft Philostrate (Orlando Bloom) in einer Mordserie, die den viktorianisch angehauchten Steampunk-Moloch The Burgue erschüttert. Ein möglicherweise übernatürlich bekräftigtes Schurkenwesen hat es vor allem auf die Schwachen und Schutzlosen in der Stadt abgesehen.

Was im Fall von Carnival Row meistens heißt: auf Feen und Kobolde, die ihren eigenen Kontinent Tirnanoc verlassen mussten, nachdem es dort zu einem Krieg zwischen Soldaten aus The Burgue und einem Militärverbund namens The Pact gekommen war. Als Geflüchtete führen die Fabelwesen in ihrer neuen Heimat oft trostlose Leben: Sie sind Haushälterinnen, Gaukler oder Sexarbeiterinnen. Mehrheitsgesellschaft und Staatsapparat begegnen ihnen, je nach Tagesform, mit subtiler Ablehnung oder offener Feindseligkeit.

Was Carnival Row allegorisch über Kolonialismus, heutige europäische Außenpolitik, darauffolgende Fluchtbewegungen, Fremdenhass und nationale Abschottung zu sagen hat, ist ambitioniert, vermittelt sich jedoch eher mit der Holzhammer-Methode. Sehenswert ist der wilde Ritt trotzdem. Ihr Publikum hält die Serie nämlich nicht nur mit einer komplizierten Anti-Romanze zwischen Philostrate und der Fee Vignette Stonemoss (Cara Delevingne) auf Trab. Sondern auch als Schauerspektakel für Menschen, die gern darüber rätseln, welches Organ wohl der nächsten Leiche fehlen wird.

(Daniel Gerhardt)

Eine ausführliche Rezension von "Carnival Row" lesen Sie hier.

Die acht Folgen von "Carnival Row" laufen auf Amazon Prime.

Fox News und #MeToo: "The Loudest Voice"

"The Loudest Voice"

"Ich weiß, was die Leute über mich sagen werden: rechts, paranoid, fett." So beginnt The Loudest Voice, eine siebenteilige Miniserie über den verstorbenen Roger Ailes, der die ideologische Triebfeder der republikanischen Partei aufgebaut hat: den Nachrichtensender Fox News. Man könnte Ailes' selbstbeschreibender Aufzählung noch hinzufügen: misogyn und machtgeil.

Der Australier Russell Crowe spielt diesen Ailes mit Gusto, während er in seinem imposanten Fettanzug und unter einem Berg von Silikon im Gesicht durch die Büroräume spuckt, schreit und schlabbert und in Hotelzimmern seine Mitarbeiterinnen sexuell demütigt – bis Naomi Watts als Gretchen Carlson auftaucht. In den letzten drei Folgen übernimmt die ehemalige Fox-Moderatorin die Geschichte. Sie zeigte Ailes 2016 wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz an – ein Jahr bevor #MeToo zum Hashtag wurde. Ailes musste sein Imperium am Ende verlassen.

Basierend auf dem Buch The Loudest Voice in the Room (2014) von Gabriel Sherman, widmen sich der Drehbuchautor Tom McCarthy (Spotlight) und der Showrunner Alex Metcalf (Sharp Objects) in jeder Episode einem anderen Jahr im Leben von Ailes, beginnend mit der Gründungsphase von Fox News 1995 bis zu seinem Tod 2017.

Die Serie ist eindeutig eine Russell-Crowe-Show. Neben ihm wirken Sienna Miller als Ehefrau Elizabeth und sogar Naomi Watts als Carlson relativ blass. The Loudest Voice schlug bei seinem Start in den USA im Juni hohe Wellen: Laurie Luhn (verkörpert von einer großartigen Annabelle Wallis) verklagte den Sender Showtime, weil sie in der Serie als Komplizin dargestellt werde, die Ailes geholfen habe, "Sexsklavinnen" zu finden. Es wäre interessant gewesen, Gretchen Carlsons Sicht der Dinge zu erfahren; aufgrund einer Geheimhaltungsvereinbarung, die sie mit Fox geschlossen hat, durfte sie aber an der Produktion nicht mitwirken. 

The Loudest Voice ist unterhaltsames, schonungsloses, parteiisches Fernsehen. Die Serie beschreibt, wie die USA in der Trump-Ära angekommen sind, und zeigt recht eindringlich, dass diese Entwicklung untrennbar mit der sexuellen Erniedrigung von Frauen verbunden ist.

(Marietta Steinhart)

"The Loudest Voice" wird ab 16. September bei Sky ausgestrahlt.

Was sonst noch so läuft: "Die Neue Zeit" über die Bauhaus-Frauen

"Die Neue Zeit"

Es ist schon lustig, was herauskommt, wenn sich zwei öffentlich-rechtliche Sender an demselben Thema abarbeiten. Zum runden Gründungsjubiläum des Bauhauses haben einhundert Jahre später sowohl ARD als auch ZDF mit arte fiktionale Dramen über die einst bedeutendste Kunstschule der Klassischen Moderne produziert, beide Male erzählt aus dem Blickwinkel einer jungen Studentin in den frühen Zwanzigerjahren. In der ARD lief der Film Lotte am Bauhaus schon im Februar, ZDF und arte ziehen nun im September mit der sogenannten Eventserie Die Neue Zeit nach.

Vielleicht haben die beiden Regisseure Gregor Schnitzler (Lotte) und Lars Kraume (Neue Zeit) mal beim ein oder anderen Bier zusammengesessen. Vielleicht bieten sich manche Bilder auch einfach zu sehr an, als dass man auf sie verzichten wollte. Auf jeden Fall sind manche Szenen geradezu deckungsgleich. Die Neue Zeit kommt einem arg bekannt vor: die nackt in der Ilm badenden Bauhaus-Studentinnen, der glatzköpfige Kunstpädagoge und Esoteriker Johannes, der vor seinen Schülern wütet, und natürlich die Auseinandersetzung zwischen der jungen wissbegierigen Frau und ihrem konservativem Vater.

Im direkten Vergleich gewinnt Die Neue Zeit. Das liegt zum einen daran, dass hier aus der Perspektive einer tatsächlichen Künstlerin, der Malerin und Grafikerin Dörte Helm, erzählt wird – und nicht wie in Lotte eine Figur zusammengebastelt wird, anhand derer man alle "Frauenprobleme" der Reihe nach abarbeiten kann. Und zum anderen liegt es daran, dass diese Dörte Helm von Anna Maria Mühe gespielt wird. Die hat es zuletzt sogar geschafft, in der vor Klischees strotzenden Netflix-Serie Dogs of Berlin ihrer dortigen Figur etwas Außergewöhnliches zu geben.

Dennoch bewegt sich auch das Drehbuch von Die Neue Zeit (Lars Kraume, Judith Angerbauer und Lena Kiessler) in den eng gesteckten Grenzen des Histotainments. Die Erzählung wird zusammengehalten von dem etwas bemühten Rahmen eines Interviews, das der Bauhaus-Gründer Walther Gropius (August Diehl) viele Jahre später mit einer Journalistin in New York führt. Dies führt dazu, dass immer dann der Geschichtsstunde Zeit eingeräumt wird, wenn die emotionale Erzählung Fahrt gewinnt – und umgekehrt. So verfolgt man als Zuschauerin irgendwann keinen der beiden Stränge mehr ernsthaft. Nur manchmal erlauben sich die Serienschöpfer etwas Ironie. Zu Beginn etwa erscheinen die Rückblenden in Schwarz-Weiß, bis der Erzähler Gropius sagt: "Übrigens: Alle erinnern sich an das Bauhaus nur in Schwarz-Weiß." Daraufhin wird in Farbe weitererzählt.

(Carolin Ströbele)

Die sechs Episoden von "Die Neue Zeit" laufen am 5. und 12. September um 20.15 Uhr auf arte und sind ab 8. September in der ZDF-Mediathek abrufbar; im ZDF wird die Serie ab 15. September in Doppelfolgen immer sonntags um 22.15 Uhr gesendet.

Neues aus der Hitparade amerikanischer Serienmörder: "Mindhunter 2"

"Mindhunter 2"

Serienmörder gehen ja immer, am liebsten echte. Derzeit aber nimmt die Faszination für das Böse sonderbare Ausmaße an. Der Vergewaltiger und Frauenmörder Ted Bundy etwa taucht gleich in zwei Serien auf: Mädchenschwarm Zac Efron mimt ihn in Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile als charmanten Kerl mit Waschbrettbauch, während Netflix anlässlich der Dokuserie Ted Bundy: Selbstporträt eines Mörders auf Twitter vor einer Romantisierung des Killers warnt. Der für Blutbäder berüchtigte Charles Manson wiederum taucht in Quentin Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood als charismatischer Seelenfänger auf, und sein Darsteller Damon Herriman spielt die Rolle nun gleich noch einmal: in der zweiten Staffel von Mindhunter

Die Herangehensweise an Serienmörder war in der ersten Staffel dieser Serie von Joe Penhall und David Fincher ernüchternd anders als in der Populärkultur sonst üblich. Im Zentrum der Geschichte standen nicht die Killer, sondern die beiden fiktiven FBI-Agenten Holden Ford (Jonathan Groff) und Bill Tench (Holt McCallany), die in den Siebziger- und Achtzigerjahren Pionierarbeit auf dem damals umstrittenen Gebiet des Profiling leisteten. Die Serienschöpfer ließen den "Co-ed Killer" Ed Kemper (Cameron Britton) aus dem Nähkästchen plaudern und enthüllten dessen Selbsttäuschung, wahnhaften Narzissmus und das Gefühl von sexueller und sozialer Ohnmacht.

Die zweite Staffel – mit einem neuen Autorenteam und einem Regie-Trio aus Fincher, Andrew Dominik und Carl Franklin – geht mit einem ähnlich zurückhaltenden Ton und der gewohnt düsteren Optik weiter. Aber auch mit einer Dringlichkeit, die der ersten Staffel gefehlt hat.

Während die lesbische Psychologin Wendy Carr (Anna Torv) vom neuen Chef des FBI (Michael Cerveris) verdrängt wird, weil sie eine Frau ist, untersuchen Ford und sein Partner Tench die Atlanta Child Murders, eine Serie von mehr als 28 Morden an afroamerikanischen Jugendlichen und Erwachsenen, die sich zwischen 1979 und 1981 abspielte. Dabei entdecken sie nicht nur eine Verbindung zwischen Politik, Armut, psychischen Problemen und Rassismus, sondern auch, dass trotz der ausgefeiltesten Profiling-Methoden die dunkelsten Abgründe der menschlichen Natur oft genau das bleiben: dunkel.

(Marietta Steinhart)

Beide Staffeln von "Mindhunter" sind auf Netflix abrufbar.

Inneneinsichten, die nicht viel zeigen: "Inside Borussia Dortmund"

"Inside Borussia Dortmund"

Kann das gutgehen? Eine Serie, bei der die Zuschauer von Anfang an wissen, wie sie ausgeht? Jeder, der sich die vierteilige Amazon-Prime-Dokumentation Inside Borussia Dortmund vornimmt, weiß: Dortmund wird am Ende der Saison 2018/19 Zweiter und verspielt neun Punkte Vorsprung auf die Bayern.

Doch die Miniserie verspricht etwas, was im Profifußball rar geworden ist: Innenansichten. Der Regisseur Aljoscha Pause hat sich mit sehenswerten Fußballdokus einen Namen gemacht: Trainer! (2013) etwa oder Tom meets Zizou (2011). Nun also der BVB. Der Club, der nach dem FC Bayern die meisten Anhänger in diesem Land hat. Pause zeigt Marco Reus im Rehazentrum, begleitet Axel Witsel und Paco Alcácer zum Deutschlernen und lässt den Zeugwart von seiner Bergmann-Vergangenheit erzählen. Und ist es auch ganz nett zu sehen, wie Julian Weigl nach dem Frühjahrs-Todesstoß in München, der 0:5-Niederlage, in die Kabine stapft und brüllt: "Wir spielen wie die kleinen Kinder." Das sind jene Einblicke, die es sonst nicht gibt.

Nur: So richtig in Fahrt kommt das alles nicht. Pause verwebt die wichtigsten Spiele der vergangenen Saison mit bedeutenden BVB-Momenten der Vergangenheit, den Pokalsieg 1989 (Dickel!) etwa oder den Champions-League-Sieg 1997 ("Ricken, lupfen jetzt, ja!"). Diese Zeitsprünge aber machen die Miniserie hektisch und inkonsistent. Wenn die Bosse des BVB zusammensitzen und die Kamera zu einem Meeting zulassen, mag das intim aussehen. Doch jedem ist klar, dass in diesem Moment niemals Wichtiges besprochen würde. Die Spieler werden unmittelbar nach dem Abpfiff interviewt. Diese häufig seichte Interviewführung mit den immer gleichen Antworten aber kennt man leider schon aus dem Fernsehen. Warum der BVB in der vergangenen Saison so abstürzte und sich noch einholen ließ: Man weiß es auch nach Inside Borussia Dortmund nicht.

(Fabian Scheler)

Die vier Folgen von "Inside Borussia Dortmund" laufen auf Amazon Prime.

Klimakatastrophe in Belgien und Holland: "Wenn die Deiche brechen"

"Wenn die Deiche brechen"

Die Serie für Klimapessimisten: Die niederländisch-belgische Koproduktion The Swell (vom NDR zielgruppentauglich in Wenn die Deiche brechen umgetauft) ist gutes Katastrophen-Fernsehen. Verschiedene Protagonistinnen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten werden durch einen gigantischen Sturm zusammengeworfen, der die Küsten von Holland und Belgien heimsucht: der lebensmüde Star-Violinist und das Mädchen, das nicht von der Schule abgeholt wurde; der Unternehmer, der gerade dabei ist, seine Familie zu verlassen, und nun wieder mit Frau und Töchtern in eine Notgemeinschaft gezwungen wird; der Wachmann, der entscheiden muss, ob er die Gefangenen aus ihren Zellen lässt und damit einen Ausbruch riskiert.

Die Serie, geschrieben von Karin van der Meer, Maarten Lebens und Wout Thielemans, ist spannend, ohne zu viele Klischees zu bemühen, realistisch in der Darstellung von politischem Pragmatismus, medialer Erregung und emotionalem Aufruhr in der Bevölkerung. Der niederländische Premier zögert, den Katastrophenalarm auszurufen, weil er wirtschaftliche Schäden für eine große Metropolregion befürchtet. Gleichzeitig warnt er seine Frau, die Gegend zu verlassen und in eine höhere Region zu fliehen. Als auf Social Media verbreitet wird, wie diese ihren alten Vater aus dem Seniorenheim in Sicherheit bringt, führt das zu einem Massenexodus auf der Autobahn mit fatalen Folgen.

Wenn die Deiche brechen ist ein gutes Beispiel für den prosperierenden Serienmarkt in Belgien. Man würde ihm einen prominenteren Sendeplatz wünschen.

(Carolin Ströbele)

Die sechs Folgen von "Wenn die Deiche brechen" laufen in Doppelfolgen am 3., 4. und 5. September um 22 Uhr im NDR und sind im Anschluss 30 Tage in der NDR-Mediathek abrufbar.

Amazons erste Animationsserie: "Undone"

"Undone"

Depressionen, Selbstverletzung, Schuldgefühle, eine Protagonistin, die nach einem Autounfall plötzlich durch die Zeit reist und den Mörder ihres Vaters sucht: Es scheint, als wolle Amazon mit seiner ersten Animationsserie Undone möglichst viele Themen gleichzeitig bedienen. So richtig schlau wird man aus den ersten drei vorab gezeigten Folgen nicht. Das liegt nicht nur an der Fülle teils wirrer Informationen, sondern auch an der visuellen Umsetzung. Die scheint, als hätte man einen Comicfilter über vorab gedrehte Szenen gelegt, wodurch Undone an Graphic Novels wie The Boys erinnert.

Das sieht mal mehr, mal weniger gut aus. Wenn zum Beispiel die Hauptprotagonistin Alma, verkörpert von Rosa Salazar (Bird Box), durch ein Krankenhaus irrt, um kurz darauf in eine Szene aus ihrer Vergangenheit zu stolpern, macht das optisch was her. Sitzt sie dagegen mit ihrer Schwester in einer Bar, wirkt es unheimlich unnatürlich. Das liegt vermutlich daran, dass sich die Animationen seltsam stockend bewegen, was einem erst in ruhigen Momenten auffällt.

Dennoch schafft es die Serie dank kleiner Details, Atmosphäre aufzubauen. Nimmt Alma etwa ihr Hörgerät ab, wird der Ton ausgeblendet. In solchen Szenen werden die Zuschauer Teil von Almas Welt. Positiv fällt außerdem auf, dass die Serie Erkrankungen wie Depressionen realistisch darstellt – ganz ohne pseudopsychologisches Gehabe. Die Idee zu Undone stammt unter anderem von Raphael Bob-Waksberg, bekannt als Schöpfer von BoJack Horseman, einer Geschichte über ein Pferd, das nach dem Ende seiner Sitcom-Karriere depressiv wird. Bereits hier hatte er bewiesen, dass man psychische Probleme in ein Comic-Setting einarbeiten kann, ohne sie unnötig zu pathologisieren. Wie BoJack Horseman wird auch Undone als Dramedy gelabelt; viel zu lachen gibt es allerdings nicht.

(Tim Kröplin)

Die acht Episoden von "Undone" sind ab 13. September auf Amazon Prime abrufbar.

Eher nicht: "Frau Jordan stellt gleich", "Tote Mädchen lügen nicht 3"

Gleichstellungsbeauftragte mit Körbchengrößenproblem: Katrin Bauerfeind in der Serie "Frau Jordan stellt gleich". © Christiane Pausch/​Joyn/​ProSieben

"Frau Jordan stellt gleich"

An dieser Serie ist so viel zum Heulen, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Vielleicht gleich mit der Einstiegsszene. Eva Jordan, titelgebende Gleichstellungsbeauftragte einer Kleinstadtbehörde, polstert ihren BH aus und sagt: "Ich hab gleich ein Gespräch mit dem Bürgermeister. Ich passe meine Körbchengröße seinen Dioptrien an." Man muss einfach annehmen, dass Katrin Bauerfeind das Drehbuch nicht gelesen hat, bevor sie ihren Vertrag als Hauptdarstellerin unterschrieben hat. Welche Schauspielerin will ernsthaft im Jahr 2019 noch folgende Dialogzeilen sprechen: "Man kann emanzipiert sein und trotzdem Spaß haben." (Jordan) – "Und warum sehen Sie dann nie so aus, als hätten Sie welchen?" (Kollegin)

Kurz: Frau Jordan stellt gleich ist der peinliche Versuch des Showrunners Ralf Husmann (Stromberg), sich seinem Publikum mit #MeToo-Witzen, "Man wird das ja wohl noch sagen dürfen"-Sprüchen und Kalauern des vergangenen Jahrhunderts anzubiedern. Dann lieber gleich Mario Barth.

(Carolin Ströbele)

"Frau Jordan stellt gleich" läuft ab 23. September auf der Streamingplattform Joyn.

"Tote Mädchen lügen nicht 3"

Tote Mädchen lügen nicht ist die wohl am heftigsten kritisierte Serie der Firma Netflix. Die erste Staffel, erschienen im März 2017, erzählte vom Suizid der Highschool-Schülerin Hannah Baker, die 13 Gründe für ihre Tat in Form von Musikkassetten als Vermächtnis bei ihren Mitschülern hinterließ. Eltern waren entrüstet, Psychologen warnten vor Nachahmerinnen, Forscher kritisierten, dass Hannahs Entscheidung verherrlicht würde.

Tatsächlich gibt es Studien, die zu zeigen scheinen, dass nach der Ausstrahlung der ersten Staffel in Suchmaschinen verstärkt nach Begriffen wie "Selbstmord" gesucht worden ist und dass die Suizidrate im April 2017 (dem Monat nach Ausstrahlung der Serie) unter US-amerikanischen Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren um 28,9 Prozent gestiegen ist. Im Juli dieses Jahres erklärte Netflix schließlich, man habe die Szene, die Hannahs Suizid sehr explizit zeigte, entfernt.

Bei aller Kritik an der ersten Staffel war sie dramaturgisch sehr stringent, spannungsgeladen erzählt und in sich schlüssig. Die zweite Staffel, die vom Prozess gegen Hannahs Vergewaltiger Bryce Walker (Justin Prentice) handelte, fiel dagegen als laue Gerichtsshow deutlich ab.

Staffel 3 schließt nun an das verhinderte Schulattentat an der Liberty High an und erzählt von den Folgen für den Protagonisten Clay (Dylan Minnette) und seine Freunde, die mit der Betreuung des immer noch psychisch instabilen Fast-Amokläufers rund um die Uhr beschäftigt sind. Eine interessante Ausgangslage, doch offenbar ist man bei Netflix nun etwas vorsichtiger geworden im Umgang mit brisanten Themen. Darum wohl lässt der Serienschöpfer Brian Yorkey kurzerhand den Bösewicht Bryce Walker töten und stellt die wenig überraschende Frage: Wer war's? Nachdem das gesammelte Serienpersonal dem Jungen den Tod gewünscht hat, ist genug Verdächtigenmaterial vorhanden, um 13 neue Folgen zu füllen. 

Erzählt wird die Geschichte von einer bisher unbekannten Protagonistin: Ani (Grace Saif) ist das new girl an der Liberty High. Dieser Figur fällt leider nur die undankbare Aufgabe zu, alle anderen permanent zu kommentieren und den Zuschauer mit Kalendersprüchen im Paulo-Coelho-Stil zu martern: "Wir alle haben Geheimnisse, die wir mit uns herumtragen." – "Wir sind alle Lügner" – "Gute Menschen sind nicht von schlechten zu unterscheiden." Mehr als ein klassisches whodunnit mit Kalendersprüchen ist das nicht.

(Carolin Ströbele)

Alle drei Staffeln von "Tote Mädchen lügen nicht" laufen auf Netflix.

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Und was gucken Sie so? Schreiben Sie in den Kommentarbereich, welche Serien Ihnen den Schlaf rauben. Hildegard von Binge dankt es Ihnen.