Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"The Boys"

Superhelden, heißt es, sind Einzelkämpfer. Tendenziell wertkonservative Weltenretter, die maximal einen Hänfling wie den Batman-Handlanger Robin neben der eigenen Egostrahlkraft dulden können. Das stimmt natürlich schon lange nicht mehr. Spätestens seit den Avengers herrscht unter Superheldinnen und -helden ein neuer Wille zur Dachverbandsgründung. Mehrere Exemplare tun sich zusammen zu einer Supergroup des Superheldentums und kämpfen mit gebündelten Kräften gegen allerlei Bösewichte, Naturkatastrophen und Nuklearwaffen. Die Fernsehserie The Boys verknüpft dieses Prinzip mit einer ganz neuen Frage: Was, wenn der Dachverband der Superhelden ebenso korrupt und profitorientiert geführt würde wie zum Beispiel die Fifa?

In der Comicadaption von Eric Kripke, Evan Goldberg und Hollywoods liebenswürdigstem Kiffer Seth Rogen (letztere beide haben bereits an der Vampirserie Preacher mitgeschrieben) kümmert sich ein Unternehmen namens Vought um die Einsatzgebiete von zwei Superheldinnen und fünf Superhelden. Diese Hochbegabten sorgen nicht nur mit praktischen Fähigkeiten wie Unsichtbarkeit, Laserblick und Unterwasseratmung für Recht und Ordnung in einem Amerika der nahen Zukunft. Sie werden auch vermarktet wie Influencer und Popstars – und legen das entsprechende Klischeeverhalten zwischen Überheblichkeit, Dauergeilheit und Rauschgiftgenuss an den Tag.

Als wahres Heldenteam von The Boys bringt sich derweil eine bunte Verlierertruppe in Position, die das werbewirksam aufpolierte Gebären der Superhelden durchschaut und den Vought-Konzern zu Fall bringen will. Der IT-Freak Hughie (Jack Quaid, Sohn von Dennis Quaid und Meg Ryan) verliert in der ersten Folge seine Freundin bei einem Unfall mit Superheldenbeteiligung und tut sich daraufhin mit dem CIA-Freelancer Billy (Karl Urban) und dessen Waffen- und vielleicht auch Drogendealer Frenchie (Tomer Capon) zusammen. Abgesehen von der Fähigkeit, einen WLAN-Router korrekt einzurichten, bringen diese Männer zwar keine besonderen Fähigkeiten mit. Was ihnen an Superkraft fehlt, machen sie jedoch durch besonderen Größenwahn wieder wett.

The Boys erzählt diese relativ geradlinige Geschichte mit streckenweise aufreizender Spielverzögerung. Für eine Actionserie schlägt die Show ein eher gemächliches Tempo an. Der Wirkung ihrer strategisch platzierten Splattermomente kommt das jedoch zugute: Allein in den ersten drei Folgen gibt es drei Todesszenen, die The Boys mit der Freude jenes Nerdprojekts auskostet, das die Serie trotz all ihrer Blockbusteranwandlungen wirklich ist.
(Daniel Gerhardt)

Die acht Folgen von "The Boys" laufen auf Amazon Prime.