Wenn Sie nicht unbedingt das Neueste sehen müssen, empfehlen wir Ihnen in den Sommermonaten ausgesuchte Serien, die wir jederzeit wieder gucken würden.

"Carnivàle"

Ein junger Mann begräbt seine tote Mutter im Staub, während ein Bagger die windschiefe Hütte der Familie fortreißt. Es geht hart zu im Amerika des Jahres 1934. In Oklahoma, wo die HBO-Serie spielt, herrschen Hunger, Arbeitslosigkeit und Verzweiflung. Die gerodeten Ebenen des Präriestaats werden außerdem von gewaltigen Sandstürmen heimgesucht. Von Umweltschäden spricht man damals noch nicht, vielmehr vom Zorn Gottes.

Die HBO-Serie Carnivàle gehörte zu den großen ersten Erfolgen des Bezahlsenders Anfang der Nullerjahre. Die Geschichte um einen Wanderzirkus zur Zeit der Großen Depression lief etwa zeitgleich mit The Wire und den Sopranos und erreichte mit der ersten Staffel Rekordeinschaltquoten für den Sender. Carnivàle ist mit der Kategorie Drama nur unzureichend beschrieben; vielmehr changiert die Serie zwischen Historienerzählung und einem mystischen Gut-gegen-Böse-Plot. 

Ausstattung und Kostüme der Serie sind grandios und erzeugen eine beklemmende Stimmung. Während der Dreharbeiten wurde tonnenweise Sand über dem Set verstreut, um die Ödnis der dustbowls zu illustrieren. Die Hoffnungslosigkeit treibt viele Menschen in die Kirchen oder in den Aberglauben. Im Wanderzirkus Carnivàle, der von dem kleinwüchsigen Samson (Michael J. Anderson, bekannt aus David Lynchs Twin Peaks) angeführt und von einem nie sichtbaren "Manager" beherrscht wird, werden Tarotkarten gemischt, Träume gelesen und Gedankenübertragungen vorgenommen. Als der junge Sam Hawkins (Nick Stahl) zu der Truppe stößt, erkennen viele, dass auch er übersinnliche Fähigkeiten besitzt. 

Die beste, weil gruseligste Figur der Serie ist der Methodistenprediger Justin Crowe (Clancy Brown), der nach und nach erkennt, dass seine Gaben wohl eher aus dem Reich des Teufels stammen. Visionen von Krieg und Gewalt, Frauen, die Geldmünzen speien – Carnivàle meistert den Wechsel zwischen dem Realismus des Wirtschaftskrisen-Amerikas und einer zeitlosen Mystik so stimmig, dass man schnell dem unheimlichen Sog dieser Serie verfällt.
(Carolin Ströbele)

Die beiden Staffeln von "Carnivàle" sind unter anderem auf Amazon, maxdome, iTunes und Sky Ticket abrufbar.

"Black Spot"

In der New York Times wurde kürzlich diskutiert, ob man Kinder allein noch in den Wald lassen darf, ohne GPS, Handytracker und Drohnenüberwachung. Allen Eltern, die dazu nun laut "Nein" sagen, dürfte immerhin die französische Serie Black Spot (im Original: Zone Blanche) recht geben. In der finster umwaldeten Kleinstadt Villefranche scheinen die Bäume ein geheimes Leben zu führen, von dem man aus deutschen Naturbestsellern nichts erfährt. In der Stadt geschehen sechsmal so viele Verbrechen wie im Rest des Landes, und die meisten Spuren führen die lokale Polizeichefin Laurène Weiss eben ins Baumdickicht, in dem sie selbst als junge Frau einst verschleppt und mehrere Tage angekettet worden war. Bis heute weiß sie nicht, wieso und von wem.

Jede Folge ist ein einzelner Fall, in jeder Folge allerdings versucht die Polizistin, ihre eigene Entführung aufzuklären, deren Indizien in eine Geisterwelt führen, mit röhrenden Hirschgestalten und Wölfen, die melancholisch an der Landstraße stehen. Ansonsten läuft das übliche Personal durch die Handlung: Es gibt die vor sich hin murmelnden Dorfirren, einen zwielichtigen Bürgermeister und die staubige Kleinstadtklaustrophobie, an der Serien sich offenbar noch immer nicht sattgesehen haben. Dass Black Spot in dieser inzwischen recht beliebigen Kulisse tatsächlich Spannung erzeugt, liegt an dem sich langsam entfaltenden, gut inszenierten Mysteryteil und seinen Waldgeistern, die man eine Weile nicht vergisst.
(David Hugendick)

Die beiden Staffeln von "Black Spot" sind auf Netflix abrufbar.