Das Lustige an Pressekonferenzen ist, dass sie für Melancholiker gemacht scheinen, dort aber eigentlich niemals etwas Melancholisches geäußert wird. Ein paar Leute sitzen auf einem Podium vor einem großen Haufen Journalistinnen und Journalisten, und die zur Melancholie neigenden unter ihnen denken wohl vor allem darüber nach, was alles nicht gesagt wird. Weil eine Pressekonferenz einfach keine Gelegenheit ist, bei der irgendetwas Wesentliches gesagt wird.

Und dann passiert manchmal das Unerwartete, jemand sagt tatsächlich etwas, das nach etwas Wesentlichem klingt, und das ist dann so, als höre man in die größte Stille hinein das Knarzen einer alten Tür, hinter der sich womöglich das tatsächliche Innenleben eines Menschen befinden könnte. "Quentin erzählt in dem Film den Prozess des Film- und Fernsehmachens, indem er das Verhältnis zwischen einem Schauspieler und seinem Stuntman zeigt, das in jenen Zeiten wesentlich enger war, als es heutzutage ist", sagt da also Brad Pitt. Und – nun wird es wesentlich – führt fort: "Wir alle, die wir hier sitzen, sind auf unsere Freunde angewiesen, um diese Sache zu überstehen, diese Sache zu genießen, uns durchzuschlängeln. Es gibt eine Menge Stillstand in diesem Beruf. Viel mehr als Zeiten, in denen wirklich mal etwas passiert."

Da sitzt er also vor ein paar Tagen im Keller eines Berliner Hotels, wie knuffig er wieder aussieht mit seiner Schlägermütze auf dem Kopf und der Andeutung von Bart im Gesicht, der Brad, und neben ihm sitzen Leonardo DiCaprio und Margot Robbie und Quentin Tarantino. Sie sind hier, um über Tarantinos neuen Film Once Upon a Time in Hollywood zu reden, der im Jahr 1969 spielt und unter anderem vom Film- und Fernsehmachen handelt. Man würde in diesem Augenblick, als Pitt über Letzteres spricht, zu gern in Tarantinos Kopf schauen können, um zu erfahren, ob er wirklich denkt, was man denkt, dass er gerade denkt: What the fuck is Brad talking about? Die Einsamkeit des Schauspielers, des Hollywoodstars zumal?

Es ist alles nur eine Projektion

Aber das ist nur eine Projektion. Dass man zum Beispiel davon ausgeht, dass Quentin Tarantino eher kein Verständnis für so etwas wie Seelenleben hat. Seine Filme machen halt diesen Eindruck. Und dass man umgekehrt geneigt ist, Brad Pitt zu unterstellen, dass er sich relativ ausführlich mit der Seele als solcher beschäftigt, seiner eigenen und womöglich sogar der von anderen. Auch in seiner Freizeit. Im Job muss er das ja eh.

Überhaupt ist alles, was mit Filmen zu tun hat, nur eine Projektion, buchstäblich ebenso wie metaphorisch und, nun ja, massenpsychologisch. Wie ein Hollywoodstar zum Beispiel wirklich ist, weiß niemand. Vielleicht nicht einmal er oder sie selbst. Entscheidend jedoch ist, was für einen Menschen die Leute in ihm und ihr sehen. Sehen wollen. Man nennt das wohl Wirkung, und Brad Pitt, der mittlerweile 55 Jahre alt ist, beherrscht das Wirkungverbreiten so gut wie kaum jemand sonst auf der Welt.

Genau das tut er nun auch wieder in Once Upon a Time in Hollywood. Pitt spielt darin einen Mann namens Cliff Booth, der einen heutzutage wegen des ganzen Computerspezialeffektmists etwas aus der Mode gekommenen Hollywood-Handwerkerberuf hat: Er verdient sein Geld als Stunt-Double des Fernsehstars Rick Dalton, und den wiederum spielt Leonardo DiCaprio. Cliff und Rick sind fiktive Figuren in einer ansonsten der Wirklichkeit des Los Angeles des Jahres 1969 nachgestellten Welt. Nur sehr am Rande geht es in dem Film um die real geschehenen Morde an Sharon Tate und fünf anderen Menschen und um die Manson-Bande, die sie verübt hat. Entsprechend ist auch Margot Robbie, die Tate spielt, nur eine Randfigur. Leider. Sie hat eigentlich nichts zu spielen als eine flache Fantasie von einer Frau.

DiCaprio hat da mehr Glück. Und ist sehr gut darin, den nicht sehr guten und in einem Karrieretief steckenden Schauspieler Rick zu mimen. Rick neigt zum Jammern, ist offenkundig nicht sehr helle und relativ ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Das gibt DiCaprio die Gelegenheit, ausführlich zu grimassieren und zu chargieren, sich auszutoben an diesem hilflos verzweifelten Schauspieler Rick, an dem die Zeit vorbeiläuft. Rick hat den Sprung vom Fernsehen zum Film verpasst, nach New Hollywood, in diese Ende der Sechzigerjahre gerade heraufziehende Epoche von Regisseuren wie Robert Altman, Francis Ford Coppola, Roman Polanski. Letzterer zieht zu Beginn von Once Upon a Time in Hollywood gerade mit seiner tollen Ehefrau Sharon Tate nebenan ein, am Cielo Drive im Benedict Canyon. Nachbar Polanski würde Rick, den TV-Heini, niemals in einem seiner Filme besetzen. Oder höchstens als Witzfigur. Es ist zum Verzweifeln. Für Rick.

Cliff hingegen, der Rick nebenbei auch als Fahrer, Aushilfshandwerker und breite Schulter zum Ausheulen dient, scheint ganz zufrieden mit sich und der Welt. Solange er in einem Auto durch Los Angeles kurven kann, Fenster runter, Radio brülllaut, Mrs. Robinson von Simon & Garfunkel läuft einmal, aus dem Soundtrack von Mike Nichols’ Die Reifeprüfung (1967). Abends serviert Cliff seinem Pitbull eine fiese Portion Futter, lässt sie genussvoll aus der Dose in den Napf platschen, zu Hause in dem Wohnwagen, den Hund und Herrchen bewohnen, irgendwo im trostlosen Valley jenseits von Los Angeles hinter einem, selbstverständlich: Autokino. Draußen in der Dunkelheit flimmern die Filme für die Liebespaare in ihren Straßenkreuzern, und hinter der Leinwand, ganz buchstäblich, sitzen die einsamen Herzen von Mann (Pitt) und Hund (Pitbull) selbstgenügsam beisammen: ein hübsches, aber gewaltbereites Paar, wie sich weisen wird.