"Ich habe überall nur noch Fälle von Kindesmisshandlung gesehen" – Seite 1

"Es sind Kinder, die keinen Halt haben", sagt die Regisseurin Nora Fingscheidt. © Philip Leutert

Der Film "Systemsprenger" kommt am 19. September ins Kino. Er handelt von der unbändigen und oft aggressiven neunjährigen Benni, die von einem Heim zum nächsten geschoben wird. Obwohl sie unbestreitbar auch viel Charme besitzt, gelingt es niemandem, eine Bindung zu ihr aufzubauen. Immer wieder rastet das Mädchen aus, wobei es nicht nur die Einrichtung, sondern auch sich und andere gefährdet. Die 36-jährige Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Fingscheidt gewann mit ihrem Spielfilmdebüt im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale gleich den Silbernen Bären für neue Perspektiven der Filmkunst. Im August wurde ihr Film als deutscher Kandidat für die Oscarnominierungen ausgewählt. Fingscheidt recherchierte und drehte für den Film mehrere Jahre in Kinderheimen und Kinderpsychiatrien in ganz Deutschland.

ZEIT ONLINE: Sie haben lange über psychisch extrem auffällige Kinder recherchiert. Welche Erlebnisse haben Sie besonders geprägt?

Nora Fingscheidt: Mir tat sich plötzlich eine ganze Reihe neuer Welten auf: Kinderheime, Kinderpsychiatrien, Schulen für Erziehungshilfe. Ich war in ganz Deutschland unterwegs: in Rosenheim, Berlin, Stuttgart, Ostfriesland. Keine Institution, kein Gespräch ist spurlos an mir vorübergegangen. Jeder einzelne Recherchetag ist in diesen Film geflossen.

ZEIT ONLINE: Wie belastend war diese Zeit?

Fingscheidt: Mein Weltbild hat sich total verfinstert. Irgendwann konnte ich nicht mehr U-Bahn fahren, weil ich überall nur noch Fälle von Kindesmisshandlung gesehen habe. Außerdem war ich zu der Zeit eine junge Mutter, mein Sohn war während der Recherche etwa zwei, drei Jahre alt. Da habe ich gemerkt: Stopp! Jetzt verliere ich die Distanz. Ich unterbrach die Recherchen für ein Jahr und machte einen ganz anderen Film: Ohne diese Welt.

ZEIT ONLINE: Ihren Dokumentarfilm über deutschstämmige Mennoniten in Argentinien, für den Sie 2017 den Max-Ophüls-Preis gewonnen haben.

Fingscheidt: Das ist auch eine total radikale Welt, diese Gemeinschaft lebt ohne Strom, ohne Autos, mit nichts als der Bibel als Schulbuch. Aber das Projekt hat mir geholfen, wieder das große Ganze zu sehen und eben nicht mehr nur die schlimmen Dinge durch meine Schreckensbrille. Als ich dann wiederkam, merkte ich: Jetzt kann ich das Projekt Systemsprenger wieder anfassen.

ZEIT ONLINE: Als "Systemsprenger" bezeichnet man Kinder oder Jugendliche, die sich nicht ins soziale Hilfesystem zu integrieren scheinen. Sie sind äußerst verhaltensauffällig, unberechenbar und oft aggressiv. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Fingscheidt: Während eines Drehs über ein Heim für wohnungslose Frauen. Dort zog eines Tages ein 14-jähriges Mädchen ein. Für mich war es total schockierend, ein so junges Mädchen an diesem Ort zu sehen, aber die Sozialarbeiterin sagte ganz gelassen: "Tja, Systemsprenger. Die dürfen wir immer an ihrem 14. Geburtstag aufnehmen. Dann sind sie durch alle anderen Institutionen durch." Das war der Moment, in dem ich dachte: "System-was-bitte?" Ich fing an, zu recherchieren und wusste: Darüber möchte ich einen Spielfilm machen.

ZEIT ONLINE: Wieso keinen Dokumentarfilm wie bisher?

Fingscheidt: Mein Zugang musste fiktional sein, denn ich wollte das Publikum wirklich mitreißen, emotionalisieren und diese unbändige Energie des Mädchens transportieren.

ZEIT ONLINE: War die 14-Jährige, die Sie damals erlebten, ähnlich aggressiv und unkontrollierbar wie Ihre Hauptfigur Benni im Film?

Fingscheidt: Ja, auf jeden Fall! Auch deshalb wollte ich auf gar keinen Fall einen Dokumentarfilm machen. Ich wollte nicht mit der Kamera in das Leben eines betroffenen Kindes eindringen. Systemsprenger sind ja Extremfälle. Es sind Kinder, die keinen Halt haben. Ich hätte es unverantwortlich gefunden, so viel Aufmerksamkeit auf sie zu richten. 

ZEIT ONLINE: Im Film erzählen Sie sehr wenig von Bennis Hintergrund. Nur, dass sie keinerlei Berührung an ihrem Gesicht duldet, weil ihr jemand als Kleinkind die vollen Windeln ins Gesicht gedrückt hat. War das ein Beispiel, von dem man Ihnen erzählt hat?

"Ausgedacht sind die allerwenigsten Sachen"

Fingscheidt: Ja. Ausgedacht sind die allerwenigsten Sachen in diesem Film. Sie sind nur verfremdet und neu zusammengefügt, bis es eine eigene stimmige Geschichte wurde. Ich muss sogar sagen: Die Realität wäre schwerer auszuhalten als der Film.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie beschönigt?

Fingscheidt: Frau Banafé – die von staatlicher Stelle Zuständige für Benni – wäre im realen Leben wohl eher drei oder vier verschiedene Personen. Der Film musste aber auch aushaltbar bleiben, ich wollte nicht schockieren und abstoßen.

ZEIT ONLINE: In Systemsprenger sind tatsächlich alle, die im deutschen Sozialsystem arbeiten, professionell und zugewandt. Sie zeigen aber, dass die Struktur dieses Systems es manchen dennoch nicht ermöglicht, Hilfe und Bindungen dauerhaft aufzubauen.

Fingscheidt: Das Grunddilemma für Sozialarbeiter und Heimerzieher besteht darin, dass sie sich mit den Kindern verbinden müssen, sich gleichzeitig aber nicht zu sehr verbinden dürfen, denn die Kinder werden irgendwann erwachsen und gehen wieder. Dabei brauchen gerade die Kinder in staatlicher Fürsorge wirkliche, bedingungslose Zuwendung. Im Film kommt noch die Dynamik mit der labilen Mutter hinzu.

ZEIT ONLINE: Diese Mutter ist äußert unzuverlässig: Sie verspricht Benni immer wieder, sich um sie zu kümmern oder sie wieder nach Hause zu holen – Bennis sehnlichster Wunsch. Doch dann hält sie sich nie an ihre Zusagen. Nicht mal einfache Termine kann sie einhalten.

Fingscheidt: Wäre diese Mutter in Bennis Leben gar nicht präsent, dann wäre es für die Sozialarbeiter unter Umständen sogar einfacher, das Mädchen zu stabilisieren und für sie einen Platz im System zu finden.

ZEIT ONLINE: Bennis Pflegemutter im Film wirkt hingegen vorbildlich empathisch, fast zu schön, um wahr zu sein.

Fingscheidt: Oh doch, solche Figuren gibt es im echten Leben schon auch. Ich habe auch großartige Initiativen kennengelernt, in deren Häusern nur drei Kinder mit fünf Erwachsenen wohnen, weil diese Kinder so spezielle Bedürfnisse haben, dass sie in einer großen Gruppe nicht zu halten wären.

ZEIT ONLINE: Hat sich durch die Arbeit an diesem Film Ihre Sicht auf Kinder verändert?

Fingscheidt: Nein, aber meine Sicht auf mein Muttersein. Ich dachte vorher immer: "Oh, mein armes Kind, ich arbeite so viel und bin so wenig zu Hause!" Nach der Recherche dachte ich: "Nee, es ist alles in Ordnung." Denn wenn ich zu Hause bin, bin ich wirklich da für meinen Sohn. Ich liebe ihn bedingungslos. Und das braucht ein Kind.

ZEIT ONLINE: Während der Dreharbeiten und der Postproduktion von Systemsprenger haben Sie zum Teil Tag und Nacht gearbeitet. Wie kriegt man das hin mit der Familie?

Fingscheidt: Das geht nur mit sehr viel Organisation. Man kann es nicht alleine stemmen, es klappt nur mit einem Netzwerk, in meinem Fall die Großeltern, und mein Freund, der auf unseren Sohn aufgepasst und sich selbst zurückgenommen hat, während ich drehte.

ZEIT ONLINE: Arbeitet er auch?

"Das Gefühl, keine gute Mama zu sein"

Fingscheidt: Ja, er ist Fotograf, freiberuflich. Eigentlich ist es für ihn eine Katastrophe, so lange von der Arbeit weg zu bleiben. Man sagt das immer so leicht: Die Frauen sollen Karriere machen und Kinder bekommen. Aber im Alltag ist das superschwierig.

ZEIT ONLINE: Deswegen die Frage.

Fingscheidt: Ich habe mir nach der Premiere vorgenommen, das nächste halbe Jahr zu Hause zu bleiben. Ich werde schreiben, um am Nachmittag, nach der Schule, Zeit für unseren Sohn zu haben. Wenn ich es durchziehen würde, immer wegen meiner Arbeit von zu Hause weg zu sein, hätte ich das Gefühl, keine gute Mama zu sein.

ZEIT ONLINE: Und dann gibt es noch einen Partner, mit dem man möglicherweise ja auch Zeit verbringen möchte.

Fingscheidt: Natürlich, sonst sagt der irgendwann "Tschüss!" Nein, jetzt ist mein Freund dran. Er muss wieder arbeiten können.

ZEIT ONLINE: Andererseits haben Sie einen großen Festivalerfolg gehabt, nun kommt Ihr Film ins Kino. Gibt es nicht auch andere Stimmen, die sagen: Das ist eine super Phase, nutze sie für weitere Projekte?

Fingscheidt: Ja, aber das ist in der Branche ohnehin das Problem: Wann ist der richtige Zeitpunkt für Kinder? Vor dem Film? Nach dem Film? Der Zeitpunkt kommt nie! Irgendwann muss man manche Dinge einfach machen. Und wenn man eine Pause machen muss, muss man eben eine Pause machen.

ZEIT ONLINE: Hat sich der Film am Ende auch finanziell für Sie gelohnt?

Fingscheidt: (lacht laut auf) Nein! Um Gottes willen! Aber ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben, mit dem, was ich wirklich machen will, meine Miete bezahlen. Das war für mich schon total verrückt.

ZEIT ONLINE: Jetzt lachen Sie. Aber während der langen Jahre der Entstehung – haben Sie da nie Zweifel beschlichen?

Fingscheidt: Diesen Beruf macht man nicht, um Geld zu verdienen. Man investiert Jahre, weiß nicht, ob es am Ende ein guter Film wird. Manchmal weiß man nicht mal, ob es überhaupt irgendwann ein Film wird. Die Sorgen sind durchaus existenziell.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie mit solchen Ängsten um?

Fingscheidt: Ich habe ein gewisses Vertrauen ins Unbekannte und denke mir immer, ich komme schon irgendwie durch. Ich habe zum Beispiel Filmworkshops gemacht, einmal habe ich mit Geflüchteten gearbeitet. Manchmal muss man sich etwas Geld leihen, dann kommt ein Preis – Ohne diese Welt hat den Ophüls-Preis gewonnen und für das Drehbuch zu Systemsprenger habe ich den Thomas-Strittmatter-Preis erhalten. Da reichte die Kohle wieder für ein paar Monate, in denen ich schreiben konnte. So habe ich mich irgendwie durchgewuselt. Aber klar, es liegen inzwischen 15 Jahre hinter mir, in denen ich von morgens bis abends umsonst gearbeitet habe.

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon einen neuen Systemsprenger, an dem Sie sich abarbeiten können?

Fingscheidt: Ja. Ein Thema beschäftigt mich schon seit zwölf Jahren. Es ist extrem schwierig. Noch schwieriger als Systemsprenger. Aber ich weiß, dass jetzt die Zeit gekommen ist, es aufzuschreiben. Außerdem kam noch ein verrücktes Angebot ins Haus, zu dem ich einfach nicht Nein sagen konnte.