Die Versetzung des Brandenburger Polizeirufs an die deutsch-polnische Grenze hat dem Schauplatz gutgetan. Heimatliebe (RBB-Redaktion: Daria Moheb Zandi) ist der nunmehr siebte Fall, den Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) mit kolega Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) bestreitet. Ein gelungener.

Nicht zum ersten Mal geht es um unterschiedliche Geschlechterbilder. Der leichte Ernährer-Machismo von Raczek, der für die Hausarbeit eine Frau hat, die ihm die Stullen schmiert, sorgt im Kontrast zum straighten Alleinerziehenden-Feminismus von Lenski für eine Reibung, auf die Drehbuchautorinnen bei einer deutschen Männerfigur heute vielleicht gar nicht mehr kommen würden.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Zudem erweitert das Nebeneinander von zwei Ländern, die eine nicht unproblematische Geschichte verbindet, die Stoffbreite. Deutsche Reichsbürger, die im ARD-Sonntagabendkrimi schon einige Auftritte hingelegt haben, können hier polnischen Ultranationalisten gegenübergestellt werden. Patriotismus trägt in diesem Polizeiruf immer zwei Farben, was die Komplexität zweifellos erhöht.

Die Geschichte von Heimatliebe ist nicht unschick entwickelt. Erst wird dem Bauern Wojciech Sekula (Grzegorz Stosz) der Viehstall abgebrannt, dann ist er tot. Wojciechs deutsche Frau Jenny (Anna König) sitzt als eine der Verdächtigen direkt am Esstisch der Familie. Sie will den Hof zu Geld machen, um in Berlin der Fettlebe frönen zu können, während der Aus-erster-Ehe-Sohn Tomasz (Joshio Marlon) lokal verwurzelt und deshalb für den Blut-und-Boden-Extremismus von Onkel Andrzej (Marcin Pietowski) offen ist.

Im Hintergrund tummelt sich der deutsche Reichsbürger Bernd Emil Jaschke, den Waldemar Kobus mit seinem markanten Organ eher tumb-clownesk anlegt. Weil Jaschke doch nur der Helfershelfer von scheinbar höherstehenden Kreisen ist – einer Familie mit dem praxisfernen Namen von Seedow-Winterfeld, die den hohenzollernden Revanchismus des Adels in den Kampf um Hof und Hektar einbringt.

Der Ortsbürgermeister Roland (Hanns Zischler) und die greise Mama (die große Gudrun Ritter hübsch hochnäsig) haben den Zweiten Weltkrieg nicht verkraftet, können es sich zugleich aber leisten, Geschäftstüchtigkeit (Landkauf in Polen) mit Sentimentalität ("Das da oben, das war mein Zimmer") zu kombinieren.

Der polnische Strohmann Majewski (Tadeusz Chudecki), der für den depravierten deutschen Adel die schmutzigen Deals mit den lokalen Grundbesitzern erzwingen muss, kriegt dafür den Hass ab – beziehungsweise einen Zeigefinger und ein Ohr. Allein ihm zuliebe ist die Betrachterin froh, dass der Fall nach 90 Minuten geklärt ist. Hätte das Ganze noch länger gedauert, wäre Majewski, dem man die Getriebenheit in der Tretmühle des Kapitalismus andeutungsweise anmerkt (und der ein Spitzenhaus bewohnt – Szenenbild: Wolfgang Arens), wohl in seine Einzelteile zerlegt worden.

Das Spiel mit den verschiedenen Motiven und Interessen wirkt bei Heimatliebe (Regie und Buch: Christian Bach) organisch. Der Großkino-Look, nach dem die ARD-Sonntagabendkrimi-Redaktionen sich mitunter sehnen wie unsere Jüngsten vor zwei Jahren nach dem Fidget Spinner, produziert zwar am Anfang ein arg dramatisches Bild mit verdutzter Familie vor abfackelnder Stallung und auch die Musik (Sebastian Pille, Martin Rott) hätte ohne größere Neuverfugungen in andere Krimis eingepasst werden können und dennoch: der Polizeiruf malt den Schauplatz in eigenem Kolorit aus.