Nur noch Sonne und Kürbiskern – Seite 1

"Furios" ist nicht das richtige Wort für den Auftakt zur ARD-Sonntagabendkrimi-Spielzeit 2019/20. Der Magdeburger Polizeiruf: Mörderische Dorfgemeinschaft (MDR-Redaktion: Johanna Kraus) hat, um in die Kategorien der fast parallel startenden Bundesliga-Saison zu wechseln, eher Testspielcharakter. Da erscheint die Niederlage mitunter als heilsam.

Der Fall ist übersichtlich, ein klassisches Cluedo-Setting, in dem auch der Allergrößte eine gute Figur gemacht hätte: Einer ist tot, der in einer verschworenen Gemeinschaft für zu viel Unruhe und Bewegung gesorgt hat. Der eine ist Jurij Rehberg (Tambet Tuisk), von dem allerdings lange Zeit die Leiche fehlt.

Bei der verschworenen Gemeinschaft handelt es sich um ein beschauliches Dorf, das aus so kanonischen Figuren besteht wie dem Bäcker (Christian Beermann) und seiner Frau (Katrin Wichmann) und seiner Mutter (die große Jutta Wachowiak), dem Patriarchen (Hans Uwe Bauer) sowie dessen von Rehberg geschwängerter Tochter (Katharina Heyer), dem klammen Biogasanlagen-Betreiber (Urs Rechn), dem Automechaniker (Tom Keune) und seiner Physiotherapeutinnen-Gattin (Angela Scherz), die mit Rehberg eine Affäre hatte.

Katzenstreu als Zwischenlager

Drumherum springt weiteres illustres Personal – in Gestalt einer schmissigen Barfrau aus der Stadt (Tatiana Nekrasov), die, man ahnt es, mit Rehberg ebenfalls was hatte. Oder einer angeschrullten Außenseiterin der dörflichen Community (Tilla Kratochwil), die mit Rehberg gerne was gehabt hätte. Immerhin fischt Letztere dem vor die Wand der Verschwiegenheit laufenden Ermittlerpaar Brasch (Claudia Michelsen) und Dixie Köhler (Matthias Matschke) schließlich die Hand des Ermordeten aus einem Fass, in dem der zerhackte Rehberg in Katzenstreu zwischengelagert wurde.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Dieser Rehberg soll dem Dorf ganz klassisch als Kontrastmittel von außen dienen (Drehbuch: Katrin Bühlig, Drehbuchbearbeitung: Philipp Leinemann): Den Ladys wird der Kopf verdreht, wenn sie nicht reserviert reagieren wie die Bäckerin. Die Männer bekommen Rehbergs Virilismus und dessen Freiheitsversprechen nicht verarbeitet, falls sie ihn nicht als Freund idealisieren wie der Bäcker, der eigentlich auch gern raus möchte aus dem Trott und der Enge. Und allen leiert der Mann aus Kaliningrad ordentlich Kohle aus dem Kreuz.

Brisanz entwickelt Mörderische Dorfgemeinschaft allerdings kaum (schon der Titel wirkt arg prosaisch). Was zum einen damit zu tun hat, dass die Attraktivität der Rehberg-Figur in den wenigen Rückblicken eher Behauptung bleibt – als Charmebolzen und Menschenfänger kommt der Charakter da jedenfalls nicht rüber. Würden Sie so jemandem 100.000 Euro geben oder Ihre Bäckerei überschreiben? Leider nein.

"Alle reden viel, aber keiner sagt was"

Zum anderen bewegen sich die Autochthonen kaum raus aus den Umrissen, die ihnen das jeweilige Rollenprofil zuschreibt. Die Figuren bleiben vage, was den Vorteil hat, dass sich damit alle die Chancen bewahren, Täterin gewesen zu sein. Es gibt aber auch einen Nachteil, der leider überwiegt: Man verliert bald das Interesse, obwohl es einer ja gewesen sein muss.

"Alle reden viel, aber keiner sagt was", stöhnt Brasch zwischendurch und die Betrachterin mit ihr. Weil klar ist, dass etwas nicht stimmt, wenn keiner traurig ist oder aufgeregt, sondern jeder abweisend und genervt. Also hochgradig dubios.

Eine Baumarkt-Küche von Kriminalfall

So wirkt der Polizeiruf ein wenig, als habe er vergessen, das Scharnier für die Spannung einzubauen in seine Baumarkt-Küche von Kriminalfall: Nachdem das Ermittlerteam einmal durch ist mit allen Befragungen, öffnet sich eigentlich keine Ahnung, wie die Tat noch aufgeklärt werden könnte, bevor der Film zu Ende ist. Brasch und Köhler haben nichts mehr zuzusetzen, wie es in der Diktion von Sportreportern heißt. Darüber können einem die 90 Minuten relativ lang werden – wo alles im Allgemeinen und Schemenhaften verharrt, hätten es 60 oder 45 auch getan. Zum Glück erbarmt sich die Außenseiterin und schickt die Hand. Am Ende dann Aussprache in großer Runde, bei der die Bäckersfrau schließlich gesteht.

Wo die Leiche abgeblieben ist, muss im Epilog noch durch vermeintlich cleveres Kombinieren erklärt werden (in der Biogasanlage, deren Betreiber die anderen Parteien dafür sein dringend benötigtes Geld überweisen). Dabei wurde das Fass mit Rehberg doch öffentlichkeitswirksam auf einem Traktoranhänger abtransportiert, als die Polizei gerade einen Großeinsatz veranstaltete.

In manchen Momenten entsteht so der Eindruck, dass der Film als Komödie mehr Potenzial gehabt hätte – darüber, wie eine unterkomplexe Ermittlung an unterkomplexen Figuren scheitert. Immerhin: Die gleichförmige Universalität der Geschichte wird von der auf Kino getrimmten Schickheit der Bilder (diese geometrischen Drohnenaufnahmen von Fahrzeugbewegungen!) und dem geschäftigen Soundtrack (Musik: Sebastian Fillenberg) adäquat in Szene gesetzt (Regie: Leinemann). Mörderische Dorfgemeinschaft bildet überzeugend den Stand von um Schönheit bemühten, zeitgenössischen filmischen Möglichkeiten ab, die auch in Werbevideos zum Einsatz kommen könnten.

Versonnen verabschiedet sich dieser Polizeiruf mit Ronald Zehrfeld als Rahmenhandlungsjäger, der einem Wolf nachspürt. Der vielleicht wahrscheinlich als Metapher für Jurij Rehberg gelesen werden können müssen sollte. Nichts Genaues aber weiß man nicht.