Es wird viel Auto gefahren im ARD-Sonntagabendkrimi. Das war letzte Woche im Magdeburger Polizeiruf so und es ist diese Woche im Dresdner Tatort: Nemesis (MDR-Redaktion: Sven Döbler) nicht anders. Autofahrten der Ermittlerinnen halten die Erzählung zusammen, sie sind die Interludes der Fallmoderation, das Äquivalent zu den Gängen, die ein Showmaster aus der Zeit der großen Samstagabendunterhaltung zwischen Musikact und nächstem Kandidatinnenpaar absolvieren musste.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Vielleicht könnte sich eine Doktorarbeit auf dem Feld der Medienwissenschaft dieses Phänomens einmal annehmen – unter besonderer Berücksichtigung der Kameradrohnenaufnahme von oben. Deren Einsatz steht, wäre eine erste Annahme, in Zusammenhang mit Länge und Richtung der jeweiligen Spritztour: Je weiter es rausgeht, je landschaftlicher der Hintergrund wird, desto wahrscheinlicher ist ihr Einsatz.

Für Nemesis heißt das: Wenn die Kommissarinnen Gorniak (Karin Hanczewski) und Winkler (Cornelia Gröschel) gegen Fallende aus dem städtischen Dresden ins idyllische Oybin reisen, schwingt sich der Blick auf den fahrbaren Untersatz in himmlische Höhen auf, um das Bunt der die Landstraße umstehenden Wälder abzustauben. Immerhin wirken die Aufnahmen hier (Kamera: Hendrik A. Kley) nicht so arg unmotiviert wie die Drohnenflüge vergangene Woche.

Am Fallanfang liegt ein Mann mit Kopfschuss auf dem Schreibtisch. Es ist ein Szenegastronom mit Verfassungsgerichtspräsidentenname: Joachim "Jojo" Benda. Spuren führen in die Welt der organisierten Kriminalität, über die Winklers alte Spitzel-Spezl Spiro (Atheer Adel) kompetent und unreißerisch aufklärt: dass das Ganze nicht umsonst "organisierte" Kriminalität heiße, weil es wie der Rest vom Kapitalismus auch nur am Profit interessiert sei.

Leider spricht Spiro – ähnlich wie später ein Psychiater und ein dubioser Immobilienmogul – ein ziemlich ergebnisorientiertes Auskunftsdeutsch; als wäre der Drehbuchtext (Mark Monheim und Stephan Wagner) erst mit dem Reinschnitzen von Information zu Drehbeginn fertig gewesen, weshalb es fürs Lackieren mit einem spezifischen Tonfall nicht mehr gereicht hat. So hat Nemesis in vielen seiner Auftritte etwas Statisch-Unverbundenes (Regie: Stephan Wagner). Uwe Preuss als Winkler-Vater und Polizistenlegende, der als Chief Röder im Rostocker Polizeiruf doch so zupackend schnarrt, schlägt hier einen Ton an, als wäre er das Orakel in einem Endgame, in dem sich Darth Vader und Katniss Everdeen gegenüberstehen. Und selbst Martin Brambach als Revierleiter Schnabel muss eine sogenannte Schippe drauflegen, um sein Dialogmaterial halbwegs in die Schnoddrigkeit seiner greinend-rührenden Figur übersetzt zu kriegen.

Völlig unverständlich ist es nicht, warum der Tatort eher ins Weihevolle strebt: Der Film will die Gefühle der Trauer großmachen, die Bendas Witwe (schlägt sich am besten: Britta Hammelstein) beim Besuch im Restaurant demonstriert – um hinter ihnen allmählich eine psychisch kranke Frau zu entdecken, die nicht davor zurückschreckt, den eigenen Kindern dem Mord am Vater aufzutragen.

"Gaslighting" ruft der Gorniak-Winkler-Assistent Ingo (den als zu kurz gekommenen Bescheidwisser keiner besser spielen kann als Leon Ullrich) einmal als Motiv-Stichwort ins Erklärungsraten auf dem Revier hinein. Diese Form der Manipulation, in der die Opfer dazu gebracht werden, ihre eigenen Erfahrungen anzuzweifeln, erfreut sich in der populären Kultur seit einiger Zeit gewisser Beliebtheit und kann in den Zeiten von Trump, Brexit und dem ganzen Angstgemache durchaus gesellschaftlich gelesen werden (wie in diesem Guardian-Text).

Über die klugscheißerische Erwähnung kommt dieser Tatort aber nicht hinaus, weil erstens nicht so richtig klar wird, wer gasgelighted wird (klassischerweise die Frau, während in Nemesis eher die Benda-Kinder gemeint zu sein scheinen). Und weil vor allem von dem für einen Krimi doch nicht unattraktiven Wie der Beeinflussung in der Erzählung gar kein Gebrauch gemacht wird, da die schreckliche Tat ja schon geschehen ist.

So reduziert sich die Anwendung des Motivs aufs Finale, wenn die Benda-Witwe mit ihren Kindern auf dem Dach eines eindrucksvollen Parkhauses steht und ihr älterer Sohn mit gezückter Pistole die Richtigkeit ihrer Geschichte (Papa hatte eine Freundin und wollte die Familie verlassen) anzweifelt. Bei so viel Durcheinander in der Kommunikation kommt die um Deeskalation bemühte Kommissarin Gorniak – ein wenig unfreiwillig komisch – überhaupt nicht zum Zuge.

Aufs Dach geführt hatte im übrigen eine Verfolgungshatz, die für die wissenschaftliche Beforschung des Autoeinsatzes im ARD-Sonntagabendkrimi durchaus von Interesse sein dürfte. Denn damit wird die Grenze markiert, die das ganze Rumgefahre im deutschen Fernsehfilm hat: Kaputtgehen darf nämlich nix (so viel Produktionskapital lässt sich nur in Hollywoodfilmen verschrotten), weshalb die Dynamik vons Janze spürbar leidet. So brav und sorgsam wird im Auto nur da geflohen, wo das Budget für teure Crashs und gesperrte Straßen nicht reicht. Deshalb wäre die dem Tatort adäquate Action das Hinterherrennen, die Fußverfolgung.