Würde man eine Liste der mühsamsten Charakteraccessoires erstellen, mit denen neue Hauptfiguren im ARD-Sonntagabendkrimi als total individuell ausgedacht werden – einer der vorderen Plätze wäre dem Tumor von Ulrich Tukurs HR-LKA-Mann Murot sicher. Allerdings muss man dem Sender zugutehalten, dass er relativ fix gemerkt hat, was er sich für einen Quark eingerührt hat mit der Idee, ein erwachsener Kommissar führe regelmäßig Gespräche mit seinem Geschwulst – und die Sache schon beim dritten Auftritt wieder, nun ja, entfernt wurde.

Was es dagegen immer noch gibt, ist die aktuell nicht zu schlagende Fotoleidenschaft der Frankfurter Kommissarin Anna Janneke. Die wird von Margarita Broich gespielt, die selbst auch fotografiert. Spitzen-Selbstmarketing, aber für die Tatort-Folgen komplett überflüssig.

Weshalb das Hobby in der neuen Folge Falscher Hase (HR-Redaktion: Jörg Himstedt, Liane Jessen) früh durchroutiniert wird: Janneke fotografiert am ersten Tatort, eine Mitarbeiterin aus der Kriminaltechnik (Eva Meckbach) weist darauf hin, dass das Teil ihres Arbeitsauftrags sei, woraufhin Janneke antwortet: "Ich mach das nur für mich." Irgendwann vielleicht auch so, dass die Millionen vor dem Bildschirm dabei nicht mehr zuzusehen brauchen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Das Publikum hat in Falscher Hase eh selten Ermittler vor der Nase. Was ein Pluspunkt ist, weil die Geschichte sich laufend weiterentwickelt. Es geht schon damit los, dass noch vor den Eingangscredits ein Prolog zu sehen ist: Biggi Lohmann (Katharina Marie Schubert, die vor kurzem schon in Stuttgart toll war) steht vor ihrem an den Bürostuhl gefesselten Hajo Lohmann (Peter Trabner), um ihm kalkuliert ins Bein zu schießen. Damit soll ein Raubüberfall fingiert werden, bei dem angeblich Seltene Erden entwendet wurden. Leider wird dieser geplante Versicherungsbetrug von Dilettanten ausgeführt. Denn das traute Miteinander der Lohmanns wird gestört von Wachmann Röhrig (Thorsten Merten), den Biggi mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen tötet.

Das Rätseln um die Schießfertigkeiten der Täterin (Zufallstreffer oder Vollprofi?) beschäftigt die Ermittlung die ganze Zeit über. Und markiert als Motiv damit das Feld, auf dem dieser Tatort spielt – der Film vermisst den weiten Raum zwischen Perfektion und Amateurtum, wobei die Perfektion eher die Möhre ist, der die Zuschauerin nachzujagen gewohnt ist.

Falscher Hase lebt entschieden davon, dass unterkomplexes Personal vom Coup des Lebens träumt. Die Lohmanns, aber auch ihre Erpresser, der eigentlich zufriedene Lagertechniker Uwe Ohlberger (Godehard Giese) und sein geschäftigerer Freund Lukas "Sahni" Sanders (Ronald Kukulies). Die wollen nicht nur Geld von Biggi Lohmann, sondern zusätzlich die vermeintlich geraubten Seltenen Erden verticken, anstatt sie zurückzugeben. Die Hehler-Infrastruktur führt dann allerdings zu hochkriminellen Akteuren, die große Dinger mit dem Feinkostenladenbetreiber Guy Kremer (Werner Daehn) drehen.

Guy Kremer kommt aber auch nur ins Spiel, weil sein kleiner Bruder Rick (Friedrich Mücke mit Brad-Pitt-Gedächtnis-Haardach-Blondierung), der von der Guy-Gattin Anouk (Johanna Wokalek) beschlafen wird, endlich auch mal am großen Rad drehen will.

So geht es mitunter durcheinander, weil der Plan der Lohmanns nur auf dem Papier überzeugend aussah – an die permanent störenden Interessen ist dabei natürlich nicht gedacht worden.