Weil die Menschen erfahren wollen, worum es bei der gesamten Schöpfung geht, schleudern sie Männer – und inzwischen auch Frauen – in den Weltraum. Was sie dort finden, ist allerdings bereits in Hülle und Fülle auf der Erde gefunden worden, wie der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut in seinem satirisch-philosophischen Science-Fiction-Roman Die Sirenen des Titan schrieb: "einen Alptraum der Sinnlosigkeit, die kein Ende hat", und weiter: "leere Heldentaten, ein schlechter Scherz und sinnloser Tod". Die einzige echte Terra incognita sei unsere Seele. Auch im optisch oft prachtvollen Weltraum-Kammerspiel Ad Astra richten die Menschen noch immer ihre Aufmerksamkeit so intensiv zu den Sternen, nach Außerirdischen fahndend, dass sie oftmals das Unmittelbare nicht sehen.

Das ist die simple Idee im Kosmos des Films von James Gray, der den Roman von Vonnegut natürlich gelesen hat. Grays Science-Fiction beginnt mit dem imposanten Bild eines Mannes, der auf die Erde fällt. Er ist ein stoischer Astronaut namens Roy McBride (Brad Pitt) und repariert gerade eine Weltraumantenne, unter der sich die Erde wie ein blaugrüner Teppich ausbreitet. Es ist ein unglaublich schöner Augenblick, da wird Roy von einer mysteriösen Strahlenexplosion erschüttert und stürzt Richtung Erdboden.

Was blieb, war ein Schwarzes Loch

Dank eines Fallschirms und seines Talents, in den gefährlichsten Situationen cool zu bleiben, überlebt er. In dieser Hinsicht ähnelt Roy seinem Vater Clifford McBride (Tommy Lee Jones), einem Pionier der Weltraumforschung, der vor Jahrzehnten – auf der Suche nach außerirdischem Leben – auf Neptun verschwand und ein Schwarzes Loch von der Größe eines Sonnensystems in seinem Sohn hinterlassen hat.

Jetzt behaupten Regierungsbeamte nicht nur, dass Clifford am Leben sei, sondern dass er derjenige ist, der für die mysteriösen Explosionen verantwortlich sein und die Menschheit in den Untergang treiben könnte. Es liegt natürlich eine grausame Ironie darin, dass derselbe Vater, der Roy in eine lebensbedrohliche Situation gebracht haben soll, ihm auch die Fähigkeiten mitgegeben hat, sie zu überstehen.

Roy wird also ins Herz der galaktischen Finsternis geschickt. Er soll zum Mond, zum Mars und darüber hinaus, um an die Vernunft des Vaters zu appellieren, nicht sicher, ob er den alten Mann auch wirklich finden will. Neptun scheint ein furchtbar weiter Weg für eine Familientherapiesitzung zu sein. Was folgt, ist eine klassische Weltraumodyssee, die sich genauso auf die mythische Odyssee von Homer stützt, wie auf die philosophisch-psychedelische Space-Oper 2001: Odyssee im Weltraum (1968) von Stanley Kubrick.

Ähnlich wie Grays letzter Film Die versunkene Stadt Z (2016), Percy Fawcetts lebenslange Suche nach einer verlorenen Zivilisation in Südamerika, ist Ad Astra eine intellektuelle, akribisch gestaltete Reise, auf der ein Abenteurer mit seinen inneren Dämonen ringt. Ähnlich wie Kapitän Marlow in Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis (und in Francis Ford Coppolas Verfilmung Apocalypse Now) den Fluss hinaufsegelt, zu Mr. Kurtz, einem ominösen Kolonialisten. Ad Astra trägt als Titel eine lateinische Redewendung, die Joseph Conrads Held zweifellos zu schätzen gewusst hätte. Per aspera ad astra heißt es bei Seneca: Durch Strapazen gelangt man zu den Sternen.

Wie einst Marlow ist auch McBride Junior von der krankhaften Besessenheit jenes Mannes angewidert, den er sucht, sich aber seiner eigenen Rolle im Spiel unsicher: Wird er nicht der gleichen Besessenheit und Hybris anheimfallen? Am Ende wird so oder so keine Legende stehen, kein Held – nur ein Mann. Immerhin ist es Brad Pitt.