Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Criminal"

Der Hauptdarsteller dieser Netflix-Serie ist ein unbeweglicher Gegenstand: der Spiegel. Criminal spielt im Verhörraum. Einem Ort, an dem das Leben auf die Frage nach Schuld oder Unschuld zusammenschrumpft. Der Spiegel teilt den Raum in ein gut ausgeleuchtetes Davor und ein uneinsehbares Dahinter. Auf der einen Seite findet das verbale Ringen um die Wahrheit statt, auf der anderen wird die Reaktion der Beschuldigten analysiert. Bei welcher Frage zeigt sie Nerven? Bei welchem Vorwurf greift er den Kugelschreiber, um nervös darauf herumzuklicken?

Criminal ist ein internationales Kammerspiel mit wechselndem Cast. In zwölf Folgen gehen Ermittlerteams aus vier europäischen Ländern der Schuldfrage auf den Grund: Deutsche, Franzosen, Briten und Spanier. Während Sprache und Temperament changieren, bleibt das Set dasselbe: zwei Räume, ein Spiegel, ein Behördenflur, ein schlürfender Kaffeeautomat. Und hinterm Fenster die Lichter einer Stadt.

In einer der drei deutschen Episoden (Regie: Oliver Hirschbiegel) sitzen die Kommissare einem bulligen Bauunternehmer (Peter Kurth) gegenüber, dessen Aufstieg im Ost-Berlin der Nachwendezeit begann. Kommissar Schulz (Sylvester Groth) verhört ihn, weil man die Leiche eines Handwerkers gefunden hat, der damals für ihn Wohnungen renovierte. Er kenne den Toten, erklärt der Unternehmer, ordentlicher Kerl, nur sei der irgendwann einfach abgetaucht. Verrückte Zeiten eben. Warum er den Grabstein für die ihm unbekannte Mutter des Toten bezahlte, zum Todestag Blumen vorbeibringt, das kann er hingegen nicht erklären. Sehenswert ist auch der Fall, in dem eine entstellte Nina Hoss – die äußerlich an Charlize Theron in Monster erinnert – etwas Unbegreifliches begreifbar zu machen versucht: Wie sie ihrem Freund, einem Sexualmörder, seine Opfer zuführte.

Die beste britische Episode dreht sich um einen Londoner Mediziner (David Tennant: Inspector Alec Hardy aus Broadchurch hat die Seiten gewechselt), der seine Stieftochter vergewaltigt und ermordet haben soll. Die Kommissare haben sich wochenlang darauf vorbereitet, ihn erst zum Reden und schließlich zum Geständnis zu bringen. Doch all ihre mal herausgebrüllten, mal mit leiser Schärfe vorgetragenen Anschuldigungen perlen ab. Die roboterhaft vorgetragene Antwort des Doktors: "Kein Kommentar." So hat es ihm die Anwältin geraten. Am Ende kriegen sie ihn mit einem Trick.

Criminal ist eine Art Anti-Tatort, ein Krimi ohne Außenszenen, architektonische Wahrzeichen und Lokalkolorit. Und beweist: Auch im kleinsten Verhörraum ist Platz für große Spannung.
(Alexander Krex)

"Criminal" ist auf Netflix abrufbar.