Eine Serie macht Politik – Seite 1

Eine Frau, durchnässt, verängstigt, verloren, wiegt ihr weinendes Baby, während sie mitten in der Nacht einen Weg in die Sicherheit sucht. Als Grenzpolizisten ihr Decken reichen und medizinische Hilfe anfordern, erstarrt sie. Eine andere Frau, nach einer Vergewaltigung zum dritten Mal schwanger, sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit für einen illegalen Schwangerschaftsabbruch.

Beide Frauen sind Protagonistinnen der dritten Staffel der preisgekrönten Hulu-Serie Der Report der Magd (The Handmaid's Tale), die nun auch in Deutschland zu sehen ist. Beide tragen die blutroten Kleider der wenigen Frauen, die noch Kinder für die herrschende Klasse im Staat Gilead gebären können. Die sogenannten Mägde – darunter auch die Serienheldin June (Elisabeth Moss) – werden systemtreuen Kommandanten zugeteilt, von denen sie geschwängert werden. Nach der Geburt wird ihnen das Kind weggenommen, sie selbst werden in den nächsten Haushalt weitergereicht.

Diese fundamentalistisch-christliche Theokratie in Amerika hat sich die bald 80 Jahre alte kanadische Autorin Margaret Atwood für ihren bahnbrechenden Roman aus dem Jahr 1985 ausgedacht. Ihre Geschichte und deren serielle Weiterschreibung könnte aber auch von Frauen im Amerika der Gegenwart handeln. Schaltet man von Hulu auf CNN um, sieht man, wie der amtierende US-Präsident Donald Trump gegen Frauen, politische Akteurinnen, Minderheiten und Einwanderer hetzt.

"Man sollte meinen, dass diese Serie total übertrieben ist", sagt Bradley Whitford, der in der dritten Staffel den Kommandanten Joseph Lawrence spielt, der June helfen will, Kinder aus der Diktatur herauszuschmuggeln. "Aber sie kommt der Realität sogar ein wenig zu nahe."

Im Mai hatte der Senat von Alabama das strengste Abtreibungsgesetz des Landes verabschiedet, das Schwangerschaftsabbrüche sogar nach einer Vergewaltigung und im Fall von Inzest verbietet. Auch wenn es noch nicht in Kraft getreten ist, hatte es offenbar eine Signalwirkung auf weitere Bundesstaaten: Georgia, Kentucky, Ohio, Mississippi und Louisiana haben ebenfalls ihre Abtreibungsgesetze drastisch verschärft.

Der politische Kampf um Schwangerschaftsabbrüche tobt in den USA schon seit Jahrzehnten. In einem wegweisenden Grundsatzurteil legte der oberste Gerichtshof 1973 im Fall Roe v. Wade fest, dass eine Frau die Schwangerschaft während der ersten drei Monate abbrechen darf. Nun wittern konservative Politiker die Chance, diese Entscheidung zu revidieren. Sie hoffen, dass sich ihre Gesetzesentwürfe im höchsten amerikanischen Gericht durchsetzen werden, wo jetzt die konservativen Richter in der Mehrheit sind, nachdem Präsident Donald Trump seine Kandidaten Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh unter Applaus der christlich-konservativen Lobby eingesetzt hat.

"Wir leben in einem Land, in dem eine Frau an manchen Orten härter bestraft wird, wenn sie von einem Vergewaltiger geschwängert wurde und die Schwangerschaft abbricht, als der Vergewaltiger", empört sich Whitford, ein bekennender Demokrat und politischer Aktivist. "Ich glaube, dass Frauenfeindlichkeit im Reptilienstammhirn der rechten Ideologie steckt."

In der dritten Staffel von The Handmaid's Tale schildert der Serienschöpfer Bruce Miller nicht nur die Gefahren, die von religiösen Eiferern ausgehen, sondern auch den pseudowissenschaftlichen Unterbau für das patriarchale Regime von Gilead. In einer Szene bittet Lawrence June, ihm einen Text von Charles Darwin aus seinem Bücherregal zu bringen. In Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl aus dem Jahr 1871 beschreibt Darwin Erkenntnisse, die eine angebliche biologische Minderwertigkeit von Frauen gegenüber Männern behaupteten.

"Schaut nach draußen", empfiehlt die Hauptdarstellerin und Produzentin der Serie, Elisabeth Moss. Sie empfiehlt allen, die The Handmaid's Tale als zu schockierend empfinden, einen Blick in die Nachrichten zu werfen. Sie selbst habe seit Beginn der Serie ein dramatisches Erwachen verspürt, sagt Moss. "Ich hoffe, die Menschen nutzen diese Angst, um etwas gegen die aktuellen Zustände zu unternehmen."

Keine gewöhnliche Serie mehr

Elisabeth Moss, Hauptdarstellerin und Produzentin der Serie © Hulu

The Handmaid's Tale ist in den USA längst keine gewöhnliche Serie mehr, sondern ein gesellschaftskritischer Kommentar. Im Februar schaltete die Plattform Hulu während des Super Bowl zur besten Sendezeit einen Trailer zur dritten Staffel, eine bittere Satire auf Ronald Reagans legendären Wahlwerbespot It's morning in America aus dem Jahr 1984. Während Reagan damals ein Heile-Welt-Amerika in Pastellfarben zeichnete, sieht man im Hulu-Spot eine verwüstete, dystopische Welt, in der den Mägden ihre Kinder weggenommen werden und Systemgegnerinnen auf radioaktiv verseuchten Feldern arbeiten müssen. "Wach auf, Amerika", hört man schließlich die Hauptdarstellerin Elisabeth Moss sagen, "der Morgen ist vorbei."

Das übergeordnete Thema der dritten Staffel ist der Widerstand gegen das brutale System. June wird als Anführerin einer möglichen Revolution in Stellung gebracht, als "einzige Person, die von innen in das System eindringen kann", wie ihre Darstellerin Moss sagt.

Die Uniform als Zeichen des Widerstands

Die blutrote Uniform der Mägde ist auch in der amerikanischen Zivilgesellschaft zum Symbol des Widerstands geworden – gegen die Frauenfeindlichkeit der Trump-Regierung. Demonstrantinnen tragen sie vor US-Gerichten, auf Märschen und in Hollywood. "Ich bin stolz darauf, dieses Kostüm anzuziehen; es gibt mir Kraft", sagt Moss.

Inzwischen setzen sich die Stars der Serie auch gezielt für Frauenrechte ein. "Dies ist kein Buch. Dies ist keine TV-Serie. Dies ist Amerika. Dies ist unsere Realität", heißt es etwa in einem Werbespot für die Frauengesundheitsorganisation Planned Parenthood, in dem Moss, Whitford und weitere Stars der Serie gegen die aktuelle Abtreibungspolitik protestieren. In einem kurzen Video erklären sie, warum der Zugang zu legalen Abtreibungen ein Grundrecht für Frauen ist. "Wenn wir anfangen, den Zugang zur Abtreibung einzuschränken, kommt unser Land Gilead einen Schritt näher. Und das dürfen wir nicht zulassen."

In der Serie wird der Staat Gilead immer isolierter, "ein totalitärer Atomstaat", wie der Showrunner Bruce Miller sagt. Doch kein totalitärer Staat erlangt die vollkommene Kontrolle über seine Gesellschaft ohne die Komplizenschaft der Frauen. Tante Lydia (Ann Dowd), Herrscherin über die Mägde, ist einer der brutalsten Charaktere der Serie. Etwas zwiespältiger ist die Figur von Serena Joy (Yvonne Strahovski) angelegt, die geholfen hat, Gilead aufzubauen, und ihren Ehemann darin unterstützt, die Familienmagd June zu vergewaltigen. Auch dieser Aspekt der Serie hat eine aktuelle Tangente: immerhin haben bei der US-Wahl weiße Frauen mehrheitlich für einen frauenfeindlichen Präsidentschaftskandidaten gestimmt.

The Handmaid's Tale wird weitergehen, eine vierte Staffel ist für 2020 geplant. Zuvor wird Margaret Atwood am 10. September die literarische Fortsetzung ihres Romans mit dem Titel Die Zeuginnen vorstellen. An Vorbildern für eine weitere Dystopie dürfte es ihr nicht gefehlt haben.

Die 13 neuen Folgen von "Der Report der Magd" sind auf dem Streamingportal Magenta TV zu sehen. Auf dem Sender Tele 5 wird die erste Staffel ab 18. Oktober zu sehen sein.