Ein Priester vergeht sich jahrelang an Kindern in seiner Obhut und ein Kardinal deckt die Taten. Der Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche erschütterte Frankreich und brachte den Filmemacher François Ozon dazu, einen Film auf Grundlage der Ereignisse zu drehen. Im Februar feierte sein Film "Gelobt sei Gott" auf der Berlinale Premiere und erhielt den Großen Preis der Jury. Im März wurde der Kardinal zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Das Urteil für den Priester steht noch aus.

ZEIT ONLINE: Ihr neuer Film Gelobt sei Gott sorgte schon vor seinem Filmstart für einige Aufregung. Er erzählt vom Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche von Lyon – und der Täter, der ehemalige Priester Bernard Preynat, hat versucht, den französischen Filmstart per einstweiliger Verfügung zu verhindern.

François Ozon: Ja, Preynat hat gegen den Kinostart geklagt mit der Begründung, dass der Film sein Recht auf die Unschuldsvermutung verletze, weil das Urteil im Prozess schließlich noch nicht gesprochen ist.

ZEIT ONLINE: Moment – obwohl Preynat sofort gestanden hat, wie es im Film auch zu sehen ist, hat er auf sein Recht auf Unschuldsvermutung geklagt?

Ozon: Tja, da war auch ich etwas naiv. Die Unschuldsvermutung gilt auch im Falle eines Geständnisses des Angeklagten. Sie ist in Frankreich sehr wichtig. Der Richter hat dann aber abgewogen gegenüber einem anderen Recht, das sehr hoch geschätzt wird: der Freiheit der Kunst. Und er hat schließlich entschieden, dass in diesem Fall die Freiheit der Kunst wichtiger ist.

ZEIT ONLINE: Womit hat Ihr Interesse für diesen Stoff eigentlich begonnen?

Ozon: Ich wollte einen Film über verletzliche Männer drehen, wollte Männer mit ihren Emotionen zeigen. Sehr oft ist es im Kino ja immer noch so: Männer sind für die Action zuständig, Frauen für das Gefühl. Als ich dann nach einer passenden Geschichte gesucht habe, bin ich auf den Bericht von Alexandre gestoßen, der mich sehr berührt hat: Er ist ein wirklich überzeugter Katholik, der ein Opfer von Preynat wurde. Nach und nach begreift er, dass die katholische Kirche nicht bereit ist, ihm zu helfen, und er muss seinen Glauben hinterfragen.

ZEIT ONLINE: Gelobt sei Gott orientiert sich so eng an der Realität wie keiner Ihrer Spielfilme zuvor: Sie verwenden die echten Namen der Täter und halten sich auch im Ablauf der Ereignisse sehr eng an die wahren Ereignisse.

Ozon: Ja. Gerade deshalb haben mich die heftigen Reaktionen so sehr erstaunt: Ich zeige doch nur Dinge, die bereits bekannt waren! Und hätte ich einen weiteren Dokumentarfilm über die Ereignisse gedreht, hätte uns vermutlich niemand angefeindet. Ich kann mir das nur so erklären: Vor der Fiktion haben die Menschen Angst. Und zwar zu Recht. Fiktionale Erzählungen können eine große Kraft entwickeln, sie haben Macht, denn sie ermöglichen Verständnis, die sehr persönliche Identifikation der Zuschauer mit den Figuren. Mehr als eine Million Menschen haben den Film in Frankreich gesehen, darunter viele Katholiken. Ich bin davon überzeugt, dass der Film die Wahrnehmung verändert. Es gibt inzwischen Gemeinden, die ihn für die Priesterausbildung verwenden: damit die Anwärter sehen, welche Folgen Missbrauch für die Opfer hat.

ZEIT ONLINE: Haben Sie mit einer solchen Wirkung gerechnet?

Ozon: Wenn ich bisher gefragt wurde, ob das Kino meiner Meinung nach die Welt verändern kann, habe ich immer sehr entschieden geantwortet: "Natürlich nicht!" Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vielleicht können Filme tatsächlich zumindest einige Dinge in der Gesellschaft in Bewegung bringen.

ZEIT ONLINE: Trotz der fiktionalen Anteile des Films, die das Familienleben der Opfer betreffen, ist Ihr Stil auch dort sehr dokumentarisch, zurückgenommen. Das scheint mir eine große Veränderung zu Ihren früheren Filmen zu sein. Wie haben Sie diese Entscheidung getroffen?

Ozon: Für jeden meiner Filme versuche ich, aus der Geschichte eine neue Form abzuleiten. In diesem Fall war die Geschichte an sich schon so gewaltig, waren die Tatsachen schon so unglaublich, dass ich wirklich nur den realen Ereignissen zu folgen brauchte: Der Priester Preynat hat schon lange gestanden; die Kirche weiß seit mehr als 30 Jahren, dass er "Probleme mit Kindern" hat, dass er pädophil ist, und hat nichts unternommen. Da musste ich wirklich nichts dramatisieren. Im Gegenteil: Je weniger ich ästhetisch verstärkte, je genauer ich mich an die Tatsachen hielt, desto eindrücklicher wurden die Szenen meinem Empfinden nach. Außerdem ist es ja ein Film über die Kraft der Worte …

ZEIT ONLINE: … der Verein, den die drei Protagonisten gemeinsam gegründet haben, heißt sogar "La parole libérée", also "Das befreite Wort".

Ozon: Es ist wirklich ein Film, bei dem es ganz entscheidend darum geht, zuzuhören. Denn auch die Briefwechsel, die Zeugenaussagen und Verhörprotokolle, die Aussagen bei den Pressekonferenzen sind sehr wichtig. Die Inszenierung steht deshalb ganz im Dienst der Worte.