Wie im Siebzigerjahreporno – Seite 1

So einen Anfang muss man sich im ARD-Sonntagabendkrimi auch erst mal trauen: mit einer niedlichen Katze, einem zerzausten Jungen am Isar-Ufer, den die Kamera von hinten zeigt, wenn er sich nach unten beugt, um die Katze im Fluss zu, na ja, was – waschen? Ertränken?

Und das vor dem Hintergrund, dass der ARD-Sonntagabendkrimi nirgendwo so hart geguckt wird wie von den Leuten, die auf Twitter darüber witzelnd zetern. Den Netzaficionadas, deren Lieblingsnetztier doch die Katze ist, eine solche Szene vorzusetzen – das wird für Freude gesorgt haben. Würde ein Spaßvogel sagen.

Aber der neue Münchner Polizeiruf traut sich zum Debüt von Verena Altenberger als Oberkommissarin Elisabeth "Bessie" Eyckhoff in der Nachfolge von Matthias Brandts merveillösem Meuffels sowieso einiges. Der Ort, von dem die Wolken kommen (BR-Redaktion: Cornelia Ackers) ist ein Film, der sich viel Unbill zuziehen wird von Leuten, die es beim Fernsehgenuss gern so übersichtlich haben wie beim dreigeteilten Assiettenessen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Das geht damit los, dass es lange keine Leiche gibt, die doch im ARD-Sonntagabendkrimi in der Regel Handlung in Gang setzt. Es gibt nur diesen zerzausten, sozial dysfunktionalen Jungen, der kaum spricht, weil er nicht sprechen kann, und wenn er dann seinen Namen sagt, ist man auch nicht schlauer: Polou (sehr gut: Dennis Doms).

Der Film, der ein Krimi sein will, ist nach dem Auffinden und Unterbringen von Polou sehr lange damit beschäftigt, den Jungen zum Reden zu bekommen. Weil es den Verdacht gibt, er könnte einer lebensgefährlichen Situation entkommen sein, in der andere Kinder noch stecken. Um mögliche Anhaltspunkte für ein solches Verlies zu finden, kommt die begleitende Ärztin (Katja Bürkle) auf eine Idee, die der Frau vom Jugendamt (Anja Schiffel) nicht behagt, die mithilfe von Bessie Eyckhoff aber durchgesetzt wird: Hypnose.

Der Ort, von dem die Wolken kommen inszeniert den Ausflug ins Reich des Unbewussten ohne Klimbim (Regie: Florian Schwarz). Um präzisere Erkenntnisse zu gewinnen, reist beim nächsten Mal die Frau Oberkommissarin mit nach eine Etage tiefer im Kopf: "Und dann versuch ich, sie beide zu synchronisieren", sagt die Ärztin.

Wie auch immer das geht: Mit dieser leicht irren Idee erschließt sich der Polizeiruf erzählerisch neues Terrain. Einerseits geht es rückwärts in Polous Geschichte, andererseits vorwärts in Richtung Auflösung des Falls. Denn auch das, was die Zuschauerin für das Finale halten will, findet in der Hypnose statt – was im ersten Moment vielleicht nur daran zu merken ist, dass die Sonne des Unwirklichen durch die Fenster des Autos strahlt. In dem düsen Bessie Eyckhoff und ihr Mitarbeiter und Halbbruder Cem (Cem Lukas Yeginer) in die Schweiz, weil dort das Verlies steht, eine herrliche Betonvilla, in der ein deutscher Waffenhändler mit seiner Tochter mehrere Kinder gezeugt hat, darunter Polou.

Für Freunde des sogenannten Realismus wird Der Ort, von dem die Wolken kommen ein riesiger Schmarrn sein. Aber der Film funktioniert, das Rätselraten um Polou, bei dem der Junge wie das Medium eines Kriminalfalls wirkt, ist spannend und wirkt wie eine Metapher, vergleichbar einem Stapel alter Akten, die richtig gelesen werden müssen, um das darin versteckte Geheimnis zu finden.

Düsternis und Schönheit

Was hat er wohl erlebt? Polous (Dennis Doms) Erinnerung soll per Hypnose wiederhergestellt werden. © BR/​Roxy Film GmbH/​Hendrik Heiden

Seine Geschichte erzählt der Polizeiruf ungewöhnlich, und dass im Produktionsprozess nicht alles gelaufen ist, wie ursprünglich geplant, dafür spricht der Autorencredit "Thomas Korte", ein Pseudonym des großen Günter Schütter, bekannt für seine Zusammenarbeiten mit Dominik Graf. Neben "Korte" ist Michael Proehl aufgeführt, der in der letzten Saison den bonforzionösen Münchner Tatort: Wir kriegen euch alle verfasst hatte und davor Im Schmerz geboren oder den Matthias-Schweighöfer-Klassiker Weil sie böse sind.

Mit den beiden, Schütter und Proehl, verbinden sich zwei ziemlich verschiedene, auf ihre Weise aber hochstehende Schulen der aktuellen Tatort-Produktion. Kann man sich vielleicht so vorstellen, als ob Piet Mondrian ein Bild zu Ende malt, das Claude Monet begonnen hat. Im Fall von Der Ort, von dem Wolken kommen ist das gelungen, weil der Film trotz aller Düsternis und Merkwürdigkeiten unglaublich viel Schönheit produziert.

Die Geschichte trägt, weil die Beziehungen unter den handelnden Figuren so unangestrengt glaubhaft wirken. Die Szene am Anfang, als ein Mädchen mit Cem rumalbert, bis es ihm den Mittelfinger zeigt. Und aus der Art, wie Cems Verwandtschaft zu Bessie und seine Homosexualität ganz sachte peu à peu verplaudert werden, würden sich andere Schauplätze Stolz auf ihr "Problembewusstsein" schnitzen. Oder wie der Wolfi (Andreas Bittl) als Dritter im Bunde ausbalanciert ist, als Macho mit Herz und Zug ins Sexistische, die Figur in ihrer Widersprüchlichkeit also anschaulich wird als Gegenwartserscheinung, statt nur Vorwand zu sein, um eigene Ressentiments loswerden zu können. Es befällt einen unmittelbar nach Ende der Ausstrahlung die Sorge, dass eines Tages weniger elegante Drehbuchautoren diesen Figuren künstliche Konflikte und plakative Äußerlichkeiten anheften und den Zauber kaputt machen werden, der hier schwebt.

Wie man überhaupt die gesamte, wenig prominente Besetzung (Casting: Franziska Aigner) am liebsten einfrieren würde und als – von "Korte" und Proehl geschriebene und von Schwarz verfilmte – Serie wieder auftauen würde, weil schon die Andeutungen in den Charakteren größere Erzählungen versprechen: der leicht dubiose Strasser-Chisi (Norman Hacker), der als Vorgesetzter die Bessie anstachelt, das Ding mit der Hypnose gegen die Jugendamtsbedenken durchzuführen. Der mackerig-eloquente Dr. Sa'edi (Leonardo Nigro), mit dem die Stationsschwester Milli (Xenia Tiling) eine Beziehung hatte, die wiederum nun die Bessie fragt, ob man das ihrem Verhältnis anmerken würde. Wie toll auch Verena Altenberger eine Hauptfigur spielt, die als junge Frau in männerlastigem Metier zwischen wissen und warten pendelt – wissen, dass sie es kann; warten, ob sie es darf.

Beim Schwärmen nicht vergessen werden kann unmöglich das tolle Szenenbild (Maximilian Lange) und Location-Scouting (Ute Platzer), in dem München selbst dann trübe aussieht, wenn an der Isar rumgehangen wird, weil im Hintergrund Schornsteine schloten. Die Montage (Vera van Appeldorn), die einmal eine herrliche Kaffeebecherkette erzeugt von der dynamisch gefilmten Übergabe von Cem auf Bessie, um beim Wolfi anzukommen. Und natürlich die Musik von Sven Rossenbach und Florian van Volxem. In einer – ebenfalls im Grunde absurden – Szene legt sich die Bessie für ein Fahndungsfoto frischhaltefolienverklebt den Pelz einer mysteriösen Lady (der Mutter vom Polou) an, was der Polizeiruf wie ein Charles-Wilp-Shooting in unfroh entwirft. Dazu synthesizern sich auf der Tonspur Klänge zusammen, die aus einer in Japan produzierten französischen Scifi-Animationsserie stammen könnten, mit der Kinder vor 40 Jahren regnerische Freitagnachmittage verbracht haben, ohne zu verstehen, woher der faszinierende Grusel dystopischer Zukunftsaussichten rührt.

Bei all der Hingabe, die dieser Polizeiruf der Betrachterin abnötigt, wird einem vorgeführt, was Film eigentlich ist. Der Ort, von dem die Wolken kommen – schon dieser hingeworfene Schütter-Titel, der sich beim Abrutschen in den Poesiealbumskitsch blaue Flecken holen könnte, es aber eben nicht tut – mag nicht perfekt sein und auf der Ebene der Geschichte etwas dünn. Aber man versteht sehr eindrücklich, das Fernsehen viel mehr ist, als "Thema" oder "Information" von A nach B zu verwalten.