Eine glückliche Jugend mag immer dieselbe Geschichte sein, mit erster Liebe und ersten Erfolgen. Unglückliche Jugendliche hingegen sind, frei nach Tolstoi, auf ganz unterschiedliche Weise unglücklich. Bei Elisa zum Beispiel kommt gerade eine Menge zusammen: Ihre Eltern haben sich getrennt, weil der Vater eine andere hat. Zusammen mit der Mutter zieht sie aus dem schnuckeligen Häuschen mit Garten in eine karge Mietwohnung. Zum allgemeinen Unwohlsein kommt noch dazu, dass die 15-Jährige ab und an ganz unvermutet in Ohnmacht fällt und von ihren erbarmungslosen Mitschülern dafür gehänselt wird.

Mit nur wenigen Szenen und kargen Dialogen bringt die Regisseurin Luzie Loose in ihrem Langfilmdebüt Schwimmen die spezielle Not ihrer Protagonistin auf den Punkt. In der ersten Szene kratzt Elisa (Stephanie Amarell) im leeren Haus den geblümten Aufkleber vom Lichtschalter – es ist der Auszug aus dem Zuhause der Kindheit. Dann sitzt sie neben der Mutter im Auto und filmt mit einer alten Digicam die Mutter am Steuer, das Erster-Mai-Chaos auf den Straßen von Berlin und schließlich das Fenster der neuen Mietwohnung in einem hässlichen Neubaukomplex. Als Zuschauer begreift man ein Stück von der Isolation, die Elisa wohl spürt, von der Einsamkeit, die darin liegt, so genau zu registrieren, was vor sich geht, und sich gleichzeitig mit 15 Jahren absolut machtlos zu fühlen, etwas am eigenen Schicksal ändern zu können.

Auf der Maifeier wird Elisa wie ein Spielball herumgeschubst und mehrfach angeschnauzt – auch von einer Gleichaltrigen, die ihr in der Menge auffiel durch ihre gefiederte Jacke und ihr selbstbewusstes Auftreten. "Geh weg, du Stalkerin", schreit die Unbekannte sie an. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass diese Anthea (Lisa Vicari), Elisas neue Klassenkameradin ist. Und seltsamerweise sucht sich die vorlaute, forsche Anthea bald ausgerechnet die stille, introvertierte Elisa als Komplizin aus.

An der Peripherie rekurriert der Film auf so manches Klischee und verknappt dabei bekannte Problemfelder zum bloßen Zitat: Berliner Technopartys, schlecht gelaunte Erwachsene, routiniert müde Lehrer, Drogen handelnde, kotzende oder lebensmüde Klassenkameraden. In einem konventionelleren Film liefe all das, was danach käme, entweder auf Ermächtigung oder Liebe heraus, in jedem Fall aber auf die Geschichte einer großen Freundschaft.

Auch bei Loose erkennt man die vertrauten Bausteine zu einer Geschichte des Erwachsenerwerdens: die Schule als Ort der Demütigung, das mit Konflikten belastende Zuhause, die Freundschaft zu einer Außenseiterin, Mutproben, Drogenräusche und erste Küsse. Doch Looses Erzählung von Liebe und Ermächtigung bleibt aufregend zweideutig und ist vor allem keinesfalls die Geschichte einer großen Freundschaft. Im andauernden Cyberbullyingkrieg, der den schulischen Alltag von heute offenbar bestimmt, hilft die offensive Anthea der schüchternen Elisa zunächst dabei, aus der Opferrolle herauszufinden. Statt einfach zu ertragen, dass ein paar Mitschüler sie fotografiert haben, als sie einmal halbnackt unter der Dusche in Ohnmacht fiel, und die Aufnahmen in Umlauf brachten, filmt Elisa unter Anleitung von Anthea nun selbst die "Täter" in peinlichen Situationen und postet das Material anonym.

Loose montiert ihre Bilder mithilfe von Selfies und Handyvideos zu einem atmosphärisch bedrückenden Stimmungsporträt, das die kleinen Zwänge der "großen Freundschaft", all die kleinen Unfreiwilligkeiten, auf die sich Elisa sich einlässt, um sich frei fühlen zu können, sehr genau abbildet. Denn das Verhältnis von Anthea zu Elisa bleibt angespannt und vor allem: immer ungleich. Auf ihre Weise ist auch Anthea ein Bully. Es dauert, bis Elisa aufhören kann, sie dafür zu bewundern.

Hier, im Inneren der Handlung, wo Elisa darum ringt, aus der Isolation und Einsamkeit des eigenen Ohnmachtsgefühls herauszufinden, gelingt Loose eine faszinierend genaue und dabei absolut spezifische, sich von gängigen Mustern absetzende Zustandsbeschreibung. Wer längst genug hat von Coming-of-Age-Filmen, wird Schwimmen doch noch etwas abgewinnen können.