Der Herbst hält auch im ARD-Sonntagabendkrimi Einzug. Auf die sonnige Frankfurter Folge Falscher Hase letzte Woche folgt mit Maleficius aus Ludwigshafen (SWR-Redaktion: Ulrich Herrmann) ein spürbarer Temperaturabfall in der Begeisterung.

Es geht in diesem Fall um die ganz großen Zukunftsthemen, wie man in der Politik sagen würde: Im Prolog wird das Vaterunser gesprochen zu Bildern einer tentakeligen Operationsmaschine, die in klinisch weißer Umgebung mit der Menschenoptimierung beschäftigt ist.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Ein nobelpreisverdächtiger Arzt namens Sven Bordauer (Sebastian Bezzel emanzipiert sich hier ins offensiv Schluffelige aus seiner Zeit als anstelliger Bodensee-Assistent Perlmann) verspricht Leuten mit Behinderung, dass sie nach der Implantation eines Chips wieder gehen können. Dass die Methode noch am Anfang steht, zeigt sich am Ende: Da stampft der seit einem Verkehrsunfall querschnittsgelähmte Lukas Pirchner (Igor Tjumenzev) zwar in einer robocopesken Apparatur rum, aber wie diese schwere Gerätschaft im Alltag punkten sollte, weiß man nicht so recht.

Maleficius kokettiert mit der Trashigkeit solcher Bilder (gefilmt wird meist aus weitem Winkel: Cornelia Janssen) und Vorstellungen, um kulturkritisch Gegenwart zu erklären, ehe die in einer völlig veränderten Zukunft verschwindet (Buch und Regie: Tom Bohn). In einer zweiten Ton-Bild-Montage führen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) zu Aufnahmen der durch schönste Natur joggenden Senior-Kommissarin ein leicht sentimentales Hörspiel auf.

"Merkst du nicht, wie man uns immer mehr wegnimmt von dem, was uns ausmacht?", fragt Odenthal. Und meint damit den von Personen betriebenen Individualverkehr, weshalb man sich angesichts des großen Bogens, den der Film spannt, kurz fragt, ob Autofahren tatsächlich schon im biblischen Menschenbild vorgesehen war.

Odenthal und Stern müssen Pirchner suchen, dessen Rollstuhl am Flussufer rumsteht, während sein Körper nicht auffindbar ist. Die Ermittlungen führen in die Autotuner-Szene, in der Pirchner bis zu seinem Unfall zu Hause war, und in das Institut von Bordauer. Eine von dessen Ärztinnen liegt irgendwann als Leiche vor, ein Schicksal, das den – logischerweise – kulturskeptischen Pfarrer (Heinz Hoenig) auch noch ereilt. Das Auffinden des getöteten Pfarrers ist, könnte man sagen, als Reverenz an die Edgar-Wallace-Filme inszeniert, die dieser Tage auf 60 Jahre Kinostart zurückblicken können: Großorgelige Musik (Hans Franek), eine Gläubige, die durch die Tür zur Kapelle schlüpft, um nach ein paar Sekunden einen krassen Schrei auszustoßen.

Die Musik wuchtbrummt überhaupt sehr; einmal hilft sie mit voller Lautstärke, eine Seite aus der Versicherungsakte von Pirchner umzuschlagen. Was lehrt: Filmische Mittel werden hier nicht unbedingt subtil eingesetzt. Statt mit dem feinen Pinsel sind die Charaktere mit dickem Marker gezeichnet.