Das Who's who der Kaiser – Seite 1

Gesichte erfreuen sich im ARD-Sonntagabendkrimi gerade einiger Beliebtheit. Vor zwei Wochen begleitete Verena Altenbergers neue Münchner Polizeiruf-Ermittlerin einen zerzausten Jungen in dessen Hypnose, um in den Visionen Anhaltspunkte zur Falllösung zu finden.

Und in der Stuttgarter Folge Hüter der Schwelle (SWR-Redaktion: Brigitte Dithard) begegnet der Betrachterin nun ein Mittelalterfreak namens Luxinger (André M. Hennicke), der seine Informationen aus "magischer Schau" bezieht, wie er zu Protokoll gibt, und hohepriestermäßige Ekstase-Events in Kellergewölben veranstaltet.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Tot ist der Student Marcel Richter (Max Bretschneider), der auf einem Feld gefunden wird mit magischem Zeichen auf der Brust. Die Ermittlungen führen zu Luxinger, der unbeteiligt wirkenden Mutter (Victoria Trauttmansdorff), die ein Müllverbrennungsunternehmen betreibt, und der feschen Kommilitonin Diana (Saskia Rosendahl). Zwischendurch geht Bootz (Felix Klare) relativ ausführlich einem Hinweis nach, der sich allerdings als ein sehr irdisches Vergnügen entpuppt ("weißes Licht") – als eine Fight Club-artige Klopperei mit einem Restaurantbesitzer (Gerdy Zint), in der sich der Kommissar relativ wacker, nun ja, schlägt.

Es raunt, flüstert und wabert in Hüter der Schwelle so lange, dass der Film darüber seinen Fall zu vergessen scheint. Oder vielmehr verlieren das Raunen, Flüstern und Wabern zwangsläufig an Spannung, weil nicht hervortritt, was hinter dem ganzen Hokuspokus steht.

In München war vor zwei Wochen zu sehen, dass man aus einer Quatsch-Idee (die synchronisierte Hypnose, bei dem die eine in das Unbewusste des anderen lugen kann) einen interessanten Film produzieren kann. In Stuttgart ist es nun leider so, dass das Interesse am höheren Stuss, den Luxinger so von sich gibt, ziemlich bald schwindet.

Was auch damit zu tun hat, dass der Kult, dem Luxinger vorsteht, nicht sonderlich aufregend ist (Buch: Michael Glasauer). Die Ekstase-Events sehen aus wie eine Mischung aus schlecht besuchter Goa-Party und mittelmäßigem Tanztheater. Und der angedeutete Umstand, Marcel Richter könne sich in einem früheren Hexenjäger namens "Juschtinus" Pfaff wiedererkannt haben, wird durch das Bild, das Pfaff in einem super wichtigen Buch zeigt, eher nicht gedeckt. Dabei hätte man sich doch ein schickes Requisit basteln können, in dem eine gewisse Ähnlichkeit für ein wenig mehr Brisanz in Sachen ewige Wiederkehr oder anderer kosmischer Ordnung sorgte.

Inszeniert ist der Quark mit Sinn für Gravität und Größe (Regie: Piotr J. Lewandowski), was das Grundproblem aber nur verlängert: Der Film schafft es nicht, sich seinen Stoff anzueignen und vermittelt stattdessen den Eindruck, er sei von seinem Stoff gekapert worden.

Richy Müller spielt Lannert zwar sehr zurückgenommen, auch wenn ihn am Ende doch noch mal andeutungsweise die Irrationalität des Luxinger-Laberns streift. Ärger ist es mit dem Kollegen Bootz, der Kommilitonin Diana schöne Augen macht. Denn daraus entsteht eine für Zuschauer äußerst unangenehme Szene, die jedoch durchaus symptomatisch für den Tatort ist: Der Kommissar ist der jungen Frau derart verfallen, dass Lannert ein paar Mal streng gucken muss, was natürlich auch eine alberne Reaktion ist, zumal er später nicht mehr drauf zurückkommt.

Vermutlich soll mit dem würdelosen Angeklampfere etwas von Dianas halbmagischer Strahlkraft erzählt werden. Was wiederum keinen Abstand schafft zwischen dem Wabern und der Ermittlung, die doch eigentlich dazu da sein sollte, das okkulte Gefasel okkultes Gefasel sein zu lassen. Dabei ist es keine abwegige Idee, dass der Herr Kommissar bei der Arbeit auch mal eine Zeugin kennenlernt, mit der er abends ausgehen wollen würde.

Bootz als Schwaben-James Bond

Langatmige Actionszene: Bootz auf Rettungsmission in der Müllverbrennungsanlage © SWR/​Benoît Lindner

Aber anstatt sich daraus einen hübschen Binnenkonflikt zu basteln (Trennung von Arbeit und Beruf) oder die Bootz-Figur weiter zu konturieren (er will mit Diana nur ins Bett), und das vielleicht auch kritisch, also sexistisch (er benutzt dafür sein Alter und seine Autorität), erschöpft sich die, nun ja, Beziehung in verklemmtem Einfühlsamkeitskitsch. Beim nächsten Treffen will die selbst permanent verhörende Diana vom Polizist wissen: "Träumen Sie manchmal von Ihrer Arbeit?" Woraufhin der gefühligsgeflashte Kommissar mit einem schon jetzt legendär depperten Satz reagiert: "Es stimmt, ja, ich kann oft am Abend nicht einschlafen."

Am Ende rettet der tapfere Bootz als Schwaben-James Bond in einer ziemlich langatmigen Actionszene dann noch Diana vom Müllverbrennungslaufband bei der Richter-Mutter. Um der dadurch aus ihrer vernebelten Mediumshaftigkeit erwachten Frau den verlorenen Turnschuh hinterher zu tragen und den in seiner Einfallslosigkeit dennoch beliebtesten Satz des deutschen Films zu sagen: "Diana, was ist denn los mit dir?"

Tja. Zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt von Hüter der Schwelle ist das keine Frage mehr, für die sich ein Großteil des Publikums noch interessieren könnte. Zumal sich die ganze Geschichte ziemlich uncharmant als "okkulter Unfall" auflöst: Marcel Richter hatte sich in seinem Wahn selbst umgebracht. Dafür sitzt man Sonntagabend doch nicht 90 Minuten vorm Empfangsgerät.