Der große Eberhard Fechner, der auch in die Liste der Tatort-Regisseure gehört, sprach von seinen Dokumentarfilmen als "Erzählfilmen". Ein unscharfer, letztlich unnützer Begriff, der sich aus Fechners Dokumentarismus ableitete: Verschiedene Leute wie etwa die Mitglieder der frühen Popmusikformation Comedian Harmonists erzählen vor der Kamera von ihrer Geschichte. Mit seiner Cutterin Brigitte Kirsche schnitt Fechner dann auf Anschluss und verband so die Interviews mit Einzelpersonen zu einer kollektiven, sich mal ergänzenden, mal widersprechenden Erzählung.

Warum rede ich hier von Eberhard Fechner? Weil es nicht leicht ist, vom neuesten Weimarer Tatort: Die harte Kern (MDR-Redaktion: Sven Döbler) zu sprechen. Es ist doch immer das Gleiche, auch wenn das Drehbuch dieses Mal von Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr stammt – und nicht vom Stammduo Murmel Clausen und Andreas Pflüger (die aber einen Credit für die "Dialoge" haben).

Und dann hilft die Abschweifung hin zu Fechner (1926–1992), weil sich auf diese Weise wenigstens an den Filmemacher erinnern lässt und der Begriff "Erzählfilme" eingeführt wird. Mit dem wären die Weimarer Folgen vielleicht adäquat beschrieben, gerade weil das Label so unscharf ist, wie es die Witzel-Krimis sind. In Die harte Kern wird auch unglaublich viel erzählt und wenig gehandelt. Eigentlich besteht dieser Tatort aus lauter Dialogsituationen, in denen sich Leute gegenseitig die Geschichte vortragen, um die es geht.

In diesem Fall: Ein Schrotthändler (Heiko Pinkowski) ist tot, ermordet mit der Dienstwaffe von Lessing (Christian Ulmen). Lessing wird von einer internen Ermittlerin namens Eva Kern (Nina Proll) in Gewahrsam genommen. Am Ende stellt sich aber raus, dass das gar nicht so gemeint war, "die harte Kern" wollte nur die wahre Täterin (Schrotthändlers Schwägerin) in Sicherheit wiegen mit dieser Aktion.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der tolle Trick mit der falschen Verdächtigung hinterlässt aber ein schales Gefühl, weil der Film die wahre Täterin (Katharina Marie Schubert) die ganze Zeit über versteckt. Man spürt also gar nicht, wie sich jemand in Sicherheit wiegt und versteht deshalb auch nicht, warum die interne Kern so doof sein sollte, Lessing zu verdächtigen. Und warum sie allmählich von dieser Annahme abrückt. Und wenn sie am Ende ihren Trick aufklärt ("Jetzt kann ich's euch ja verraten"), wirkt das überflüssig, weil man ihr sowieso nicht geglaubt hat.

Das ist das Problem, das die Zuschauerin mit den Weimarer "Erzählfilmen" haben kann: dass den Figuren alles, was sie sagen, immer nur kurzfristig angeheftet zu sein scheint. Im Buch steht für alles eine Begründung, aber diese Begründungen werden nie entfaltet durch filmische Mittel, werden nie bedeutet oder gewichtet, sie dienen immer nur dazu, dass, wenn jemand nachfragt, sich sagen lässt: Guckt hin, da steht doch die Motivation für diesen Moment. Als ginge es um Buchhaltung.

Wie diese Instantbegründungen aussehen, zeigt sich am Ende, wenn bei der Auflösung des tollen Tricks mit der falschen Verdächtigung nachgefragt wird, warum die interne Ermittlerin Lessing und Dorn nicht eingeweiht habe: "Hätte ich riskieren sollen, dass Lessing nicht mitmacht?"

Ein Satz, der oberflächlich etwas erklärt, in Wirklichkeit aber nur weitere Fragen aufwirft: Worin hätte denn das "Risiko" bestanden, wenn gar keine alternative Form der Ermittlung zur Diskussion stand? Wenn Lessing nicht gezeichnet ist als sturer Charakter, der macht, was er will? Wenn ja eigentlich überhaupt nicht ermittelt wird, sondern bei jedem Gespräch die Kommissarinnen wundersamerweise mehr wissen als vorher?

Wie in der Szene, in der Lessing beim Schrotthändler-Bruder (Marc Hosemann) vorbeikommt und vorher zwar in Erfahrung gebracht hat, dass dessen Alibi (er macht die Lichttechnik im Theater) nicht überzeugend ist, weil das Licht automatisiert abläuft – Lessing dann aber nicht ihn verdächtigt, sondern erklärt, dass der Lichttechniker seine Schauspielerfrau auf der Bühne vertreten hat, damit die weg und den Mord begehen kann?

Es ist im Weimarer Tatort nichts zwingend, weil alles so offen ist. Das merkt man an den Schauspielerinnen, die in anderen Zusammenhängen schon Spitzenauftritte hingelegt haben (Schubert, Hosemann), hier aber nur langweiligen Text aufsagen (eben Begründungen für die Buchhaltung).

Und man merkt es an der Inszenierung (Regie: Helena Hufnagel), wenn zu Beginn der fußlahme Schrotthändler mit seiner Krücke der Verhaftung zu entfliehen versucht, sich umschaut und die Polizei nicht mehr hinter ihm steht – dafür aber vor ihm, als er um die Schrottecke biegt. Wo hätte die Polizei auch hin sein sollen?

Es ist wie mit den Erklärungen: Die Vorstellung, dass jemand, der nicht rennen kann, abzuhauen versucht, mag etwas Komisches haben. Aber in der Realität des Films erschöpft sich die Idee umgehend. Es sei denn, man findet den Dorn-Spruch lustig: "100 Meter in sechs Minuten."