Lilyhammer, House of Cards, Orange Is The New Black, Hemlock Grove und BoJack Horseman: Am 16. September 2014 startete Netflix in Deutschland. Ganze fünf Eigenproduktionen waren damals abrufbar, dazu ausgewählte Serien, deren Vertriebsrechte Netflix erworben hatte: Luther, Top of the Lake, Die Brücke, The Killing – so ziemlich das Beste, was es damals auf dem Markt gab. 

Der Auftritt sah aus wie die gut sortierte Auslage eines Designerladens. Heute, fünf Jahre später, ähnelt Netflix dem Hochlager eines Großmarktes. Die Regale erstrecken sich bis unter die zwölf Meter hohe Decke und man ist schlicht zu erschöpft, um sich nach oben navigieren zu lassen. "Stöbern Sie gern weiter" – ja ja, aber wo denn und wonach eigentlich? 

Spricht man mit Freundinnen, Bekannten, Kolleginnen, so hört man neben einer Überforderung angesichts immer neuer Produktionen häufig auch die Kritik, Netflix-Serien hätten in der Qualität nachgelassen. Das wäre wenig verwunderlich, da die schiere Masse der Eigenproduktionen exponentiell gestiegen ist über die Jahre. Von 2017 bis 2018 hat sich die Zahl von 78 auf 151 fast verdoppelt.

Oder hat sich einfach nur ein gewisser Abnutzungseffekt eingestellt? Binge-Watching ist zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung geworden, und vielleicht hat man nach einer gewissen Zeit einfach alles Gute weggeguckt. Der durchschnittliche Mediennutzer konsumiert jedenfalls so viel wie nie zuvor. Eine GfK-Studie ermittelte, dass Nutzer kostenpflichtiger TV-Streamingplattformen in Deutschland von Januar bis März 2019 etwa 1,4 Milliarden Abrufe getätigt haben. In diesen drei Monaten verbrachten rund 22,7 Millionen Personen ab 14 Jahren im Durchschnitt 1,2 Milliarden Stunden mit ihren Video-Abonnements. Berücksichtigt man Einzelabrufe (zum Beispiel einzelne Fußballspiele) kommt man auf noch höhere Werte.

Nun ist die Bewertung eines Kulturprogramms immer subjektiv. Wie soll man also die Qualität auf Netflix messen? Die Plattform selbst weist keine Nutzerbewertungen aus und veröffentlicht nach wie vor auch keine Abonnentenzahlen für nationale Märkte. Als Vergleichsgröße hat ZEIT ONLINE daher die User-Ratings der Film- und Fernseh-Datenbank IMDb (International Movie Database) zu Netflix-Serien herangezogen. Gezählt haben wir nur solche, die zwischen 2012 und August 2019 ihre Premiere auf dem Streamingdienst hatten, Co-Produktionen mit anderen Sendern waren, oder ab einer gewissen Staffel von Netflix übernommen wurden (etwa The Killing von AMC oder Black Mirror von Channel 4). Insgesamt kamen wir dabei auf eine Gesamtzahl von 435 Serien. In die Wertung flossen außerdem nur Produktionen ein, die auf IMDb mindestens 5.000 Bewertungen aufweisen konnten – insgesamt 147. Die Bewertungen der einzelnen Serien sind natürlich nicht repräsentativ für einen Querschnitt der Gesellschaft, sondern spiegeln lediglich das Abstimmungsverhalten von IMDb-Nutzern.

Das Ergebnis: Einen generellen Abwärtstrend kann man nicht erkennen. Aber die Zeiten der handverlesenen Serien, die euphorisch gefeiert wurden, sind vorbei. Seit Beginn der Massenproduktion im Jahr 2016 gibt es deutlich mehr Ausreißer nach unten. 2019 gab es zum Beispiel zwei Produktionen, die extrem schlecht bewertet wurden (das Weltraumabenteuer Another World und die Zombiegeschichte Black Summer). Fairerweise muss man ergänzen, dass die Zahl der sehr gut bewerteten Serien in diesem Jahr ebenfalls gestiegen ist. Die Naturdokuserie Our Planet erreichte mit 9,4 Punkten den besten Wert überhauptgenerell schnitten Dokumentationen mit 8,1 Punkten auf IMDb überdurchschnittlich gut ab.

Am Beispiel der Dokumentarserien lässt sich gut erkennen, wie Netflix sein Angebot gezielt ausbaut. 2015 testete der Streamingdienst die ersten beiden Produktionen in diesem Genre. Mit Chef’s Table und Making A Murderer setzte man auf Formate, die beim Publikum grundsätzlich beliebt waren (Kochshows) oder solche, die gerade boomten (True Crime). In der Umsetzung ging man aber einen Schritt weiter: Chef’s Table beanspruchte für sich den Status eines visuellen Gault-Millau; während der Ausstrahlung von Making a Murderer identifizierten sich die Zuschauerinnen so stark mit der Kriminalgeschichte, dass sie mithilfe von Petitionen versuchten, auf den realen Fall einzuwirken. Beide Formate waren beziehungsweise sind ein großer Erfolg – bis heute folgten 73 weitere.