Wenn Außerirdische die Farm in Mossingham besuchen, auf der Shaun das Schaf mit seiner Herde lebt, dann kommen sie grundsätzlich in friedlicher Mission. Klar, sie richten eine Menge Chaos an: Sie probieren das Gebiss des schlafenden Bauern aus, lassen Pizzen durch die Luft fliegen, zaubern aus dem Nichts Knochen für Bitzer, den Wachhund, aus dem Hut und lassen sie wieder verschwinden oder bringen Shirley, das dicke Schaf, zum Schweben. Aber sie sind nicht als Invasoren auf die Welt gekommen, sondern eher durch Zu- oder Unfälle: In der Sieben-Minuten-Folge Außerirdische von 2007 sind es zwei übermütige, einäugige grüne Strichmännlein, die in ihrem Miniraumschiff von zu Hause ausgebüxt sind und von ihren strengen Eltern wieder nach Hause gebeamt werden. Und in der Folge Der Besucher aus demselben Jahr hat der Raumfahrer derselben anderen Art schlicht aus Spritmangel eine Bruchlandung hingelegt. Dabei ist das Verhältnis zwischen Außerirdischen und Schafen, allen voran Shaun, stets geprägt von Neugier und gegenseitigem Respekt. Kindgerecht, pädagogisch wertvoll, aber auch ziemlich lustig und im Detail einfallsreich wie die gesamte Serie.

Nun kommt mit Ufo-Alarm der zweite Shaun-das-Schaf-Langfilm in die Kinos, und er funktioniert nach dem gleichen bewährten Muster, das das Team um die Regisseure Will Becher und Richard Phelan gegenüber den Kurzfolgen geschickt auf epische Breite weitergestrickt hat. Wieder landet ein Raumschiff in Mossingham, dieses Mal nicht auf der Farm selbst, sondern in einem Waldstück außerhalb des Ortes. Doch entsteigen ihm keine kleinen grünen Männchen, sondern ein einzelnes recht knuddeliges blaues Wesen mit Birnenschädel und Kulleraugen, dessen cockerspanielähnliche Schlappohren bei Freude und Aufregung zu leuchten beginnen: Lula. Über Irrwege gelangt Lula auf die Mossy-Bottom-Farm und in den Stall der schlafenden Schafe, und es stellt sich bald heraus, dass sich Lula und Shaun beide an verspielten Verrücktheiten freuen und gar nicht so unähnlich sind. Wie Steven Spielbergs E.T.-Figur ist Lula eine unschuldig Gestrandete, die sich nach zu Hause sehnt. Wie die TV-Serie ist nun auch der Kinofilm von zahlreichen Anspielungen an den Filmklassiker durchzogen. Erwachsene haben bis heute ihre Freude daran, mit nostalgischen Gefühlen den popkulturellen Prägungen der eigenen Jugend ironisch gespiegelt wiederzubegegnen.

Dennoch ist es eigentlich überflüssig im Einzelnen auf die Handlung von Ufo-Alarm einzugehen, weil der Plot wie stets lediglich dazu dient, eine Reihe von allerdings ziemlich lustigen Einzelepisoden miteinander zu verklammern, allen voran eine grandiose Supermarktszene, an deren Ende ein Rülpser steht, der die Welt erschüttert. Weiterhin treten auf: der verpeilte Pizzabote, eine fiese Alienjägerin, deren Motive in Kränkungen und Zurückweisungen in ihrer frühen Kindheit liegen; selbstverständlich auch der deutlich desorientierte Hund Bitzer und der Bauer. In dem Ufo-Wahn, der Mossingham erfasst, erkennt er eine Chance zum Geldverdienen und zur Sanierung seines maroden Fuhrparks, weswegen er einen von außen betrachtet imposanten, in Wahrheit aber höchst schrammeligen Vergnügungspark auf den Acker setzt: "Farmageddon". Dort wird es am Ende zum furiosen Showdown kommen, und einen Ausflug ins All gibt es natürlich auch.

Shaun das Schaf ist 1995 als Spin-off der Serie Wallace & Gromit entstanden. Auch sie waren Knetfiguren des britischen Trickfilmers Nick Park, und das Studio Aardman Animation wurde mit ihnen so erfolgreich, dass es drei längere Filme über sie drehte. Im jüngsten, Unter Schafen von 1995, traten erstmals Shaun und seine Mitschafe auf, die bis heute nichts von ihrem Charme und ihrer Komik eingebüßt haben. 24 Jahre sind, gemessen an Pippi Langstrumpf, auch noch kein Alter. Der Trickfilmer Richard Goleszowski, der von an den liebevoll geformten Knetanimationen und deren eigenen Shaun-Ästhetik von Anfang an mitgearbeitet hat, beschrieb den Charakter seines Hauptschafs einmal als einen anarchistischen Zwölfjährigen, der zum einen immer das tut, was er gerade nicht soll, sich zum anderen aber untergründig dessen bewusst ist, dass er ohne feste Strukturen nicht überlebensfähig ist. Shaun ist weniger Aufrührer als subversiver Komiker. Das mögen Eltern. Und Kinder offenbar auch, zumal die Slapstickelemente noch immer so zielsicher überraschend gesetzt und rasant inszeniert sind wie stets. Das muss man erst einmal hinbekommen: einen schlauen 85-Minuten-Film für alle Altersstufen, in dem kein Wort gesprochen wird. Mä-äh-äh.