Die AfD hat die ARD-Berichterstattung von den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg einmal mehr dazu genutzt, eine besondere Behandlung durch die Medien zu beklagen. Zu Recht. AfD-Vertreter wurden im ersten Programm am Sonntag spürbar anders behandelt als die Politikerinnen und Politiker der übrigen Parteien – allerdings auch komplett anders, als es Alice Weidel im ersten Statement kurz nach 18 Uhr auf der ältesten Leier der Partei beklagte, als sie von "Ausgrenzung" sprach.

Vielmehr bemühten sich in den angeschlossenen sächsisch-brandenburgisch-berlinerischen Standorten die MDR-Moderatorin Wiebke Binder (Dresden), der RBB-Moderator Sascha Hingst (Potsdam) und die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel (Berlin) um eine Integrationsleistung gegenüber der AfD.

So wollte etwa Binder von dem sächsischen CDU-Bundestagsabgeordneten Marco Wanderwitz wissen, warum seine Partei kein Bündnis mit der AfD erwäge: "Eine stabile Zweierkoalition, eine bürgerliche, wäre ja theoretisch mit der AfD möglich." Was Wanderwitz mit einer knappen Antwort beschied ("Die AfD ist keine bürgerliche Partei"), die Binders Arglosigkeit auf den Punkt brachte. Hingst wiederum baute in der Tagesschau-Schaltung nach Potsdam dem Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz eine Brücke mit Bismarck-Zitat, als er von ihm wissen wollte, wo seine Partei Kompromisse machen würde (um, so der absurd-pseudo-originelle Subtext, als Koalitionspartner infrage zu kommen). Woraufhin sich Kalbitz, der auf eine lange Karriere in rechten und rechtsextremen Netzwerken verweisen kann, als freundlicher Parlamentarier gerieren konnte: "Anders funktioniert's ja in der Demokratie nicht."

Eine tiefe Verunsicherung

Hätte man Verschwörungstheorien und Pauschalerklärungen zur Erhitzung des eigenen Wahns so rasch bei der Hand, wie das bei Vertretern der AfD und deren Anhängern routinemäßig der Fall ist, hätte man angesichts der ARD-Berichterstattung mutmaßen können, dass Binder, Hingst und Hassel mit den rechtsextremen Landesverbänden der Partei in Sachsen und Brandenburg sympathisieren.

Die Wahrheit ist vermutlich trauriger. Die Arbeit der ARD-Journalistinnen und -Journalisten ist offenbar geprägt von einer tiefen Verunsicherung gegenüber der rechtsradikalen bis rechtsextremen Partei. Diese aber würde einen anderen medialen Umgang erfordern, als es die Berichterstattenden offenbar für die kommode Routine der Häppchenfragerei bei Vertretern demokratischer Parteien (von "Klatsche" bis "Koalition") gelehrt haben.

Die eigentlich doch bestens informierten ARD-Journalisten haben in sechs Jahren AfD-Auftritten scheinbar nicht verstanden, worum es sich bei der Partei handelt, wie verschieden sie intern und nach außen spricht und mit welchen Lügen und falschen Selbstviktimisierungen sie sich ihren Platz im öffentlichen Diskurs erbrüllt hat. Als Bernd Baumann, Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, in der Berliner Runde das ewige "Man-darf-gewisse-Sachen-nicht-sagen"-Mantra anstimmte, klang die kritisch gemeinte Antwort der Moderatorin Hassel wie eine Einladung: "Sie dürfen das ansprechen in all unseren Sendungen."

Warum es so schwer ist, aus dem erwartbaren AfD-Lamento souverän und klug eine naheliegende Gegenfrage abzuleiten ("Wie kommen Sie darauf?"), die Konfrontation zu suchen, statt sich zu entschuldigen, lässt sich nach all der Erfahrung, die das Öffentlich-Rechtliche mittlerweile mit Rechten haben könnte, nicht sagen. Es hat wohl damit zu tun, dass der Rechtsextremismusdiskurs in Deutschland für die gefühlte journalistische Mitte jahrzehntelang als vernachlässigbar galt. Dabei könnte sich ein Senderverbund wie die ARD, wenn er den Sachverstand schon selbst nicht hat, diesen problemlos durch Expertinnen oder Lektüre antifaschistischer Infoblätter draufschaffen.