In dem Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" entbrennt die junge Aristokratin Héloïse ganz buchstäblich. Um 1770 verliebt sie sich in eine junge Malerin, von der sie porträtiert werden soll. Die Rolle der schüchternen ehemaligen Klosterschülerin passt nur auf den ersten Blick so gar nicht zu Haenel, die sonst sehr selbstbewusste Frauenfiguren spielt: eine Aids-Aktivistin in "120 BPM", eine Kampfsportlerin in "Liebe auf den ersten Schlag", eine Ärztin, die einen Mord aufklärt, in "Das unbekannte Mädchen". Doch auch die Rolle der Muse interpretiert Haenel als eine sehr aktive. Ihren Durchbruch feierte die Schauspielerin 2007 als 18-Jährige mit "Water Lilies", dem Debütfilm der Filmemacherin Céline Sciamma. Privat waren die beiden für Jahre ein Paar. "Porträt einer jungen Frau in Flammen" ist ihre zweite gemeinsame Arbeit, die auf den Filmfestspielen in Cannes mit einer Palme für das Drehbuch (von Sciamma) ausgezeichnet wurde.

Haenel spricht sehr gut Deutsch. Für Chris Kraus' Spielfilm "Die Blumen von gestern" lernte sie die Sprache nahezu perfekt. Allerdings werde sie, wenn sie Deutsch spricht, immer so kategorisch, warnt Haenel, und nachdem ihr ein sehr deutscher Kraftausdruck ins Gespräch gerutscht ist, wechselt sie lieber ins Französische.

ZEIT ONLINE: In Porträt einer jungen Frau in Flammen spielen Sie eine zunächst sehr zurückhaltende Frau. Ihre Héloïse soll von einer Malerin porträtiert werden. Sie ist die Erfahrenere, eine selbstbewusste Künstlerin, in die Sie sich verlieben werden. Doch dann interpretieren Sie die Rolle der Muse neu.

Haenel: Es geht um Gleichwertigkeit. Ich glaube, dass die Rolle der Muse eigentlich eine aktive ist – und genauso wichtig wie die offizielle Künstlerrolle.

ZEIT ONLINE: Worin besteht die Aktivität oder diese Gleichwertigkeit in dem Verhältnis zwischen Ihnen als Porträtierter und der Malerin? Und was ist neu daran?

Haenel: Ich denke, in der Kunstgeschichte war Muse zu sein die Rolle, die Frauen zugestanden wurde. Deswegen haben die Männer gesagt: "Oh, es ist eine passive Rolle. Die Musen sind einfach nur im Raum, und wir träumen und fabrizieren ganz tolle Ideen im Kopf." Es war ihre Art zu sagen, dass sie als Männer die Einzigen sind, die Kunst machen. Das ist meiner Meinung nach Scheiße. Entschuldigen Sie. Wenn ich Deutsch spreche, bin ich immer ein wenig kategorischer. Aber so ist es. (Führt das Gespräch fortan auf Französisch fort)

Ich hingegen glaube, dass Musen immer schon aktiv waren. Sie wurden nur nicht so dargestellt. Das hat auch viel mit einer bestimmten Auffassung von Kunst zu tun. Kunst ist nicht einfach eine ideale Sphäre, die auf die Erde niederkommt durch einen ebenso absoluten wie genialen Künstler. Kunst entsteht vielmehr dadurch, dass man seine eigenen Entscheidungen immer wieder infrage stellt, wie auch die Gründe, die zu ihnen führen. Es gibt folglich sowohl etwas Heiliges als auch etwas gänzlich Unheiliges in der Kunst. Postulate zu hinterfragen, kontinuierlich das eigene Arbeiten zu hinterfragen, macht Kunst erst wirkmächtig. Und das entsteht viel eher aus einer Zusammenarbeit als aus irgendetwas anderem.

ZEIT ONLINE: In diesem Fall basiert die Zusammenarbeit auf Liebe. Muse und Künstlerin befinden sich auf Augenhöhe. Ihre Verbindung wirkt wie ein Motor und setzt die Kreativität der Künstlerin erst frei. Ist deswegen das erste Porträt, das die Malerin Marianne von Ihnen als Héloïse anfertigt, zwar handwerklich gut, aber nicht treffend?

Haenel: Es geht noch nicht mal um das rein Sukzessive, also nicht darum, dass erst die Liebe die Kunst besser macht, sondern tatsächlich um den Prozess. Darum, sich ständig Fragen zu stellen. Natürlich kommt dabei irgendwann ein Porträt heraus, aber es geht im Film nicht darum, ob das am Ende gut ist oder nicht. Das Problem des ersten, "misslungenen" Porträts ist, dass es jede Frage vermeidet. Es fragt eben genau nicht: Wer ist eigentlich diese Person? Welche Haltung hat die Malerin ihr gegenüber eingenommen? Hat das Modell eine Essenz, die wir versuchen zu erfassen und auf die Leinwand zu bringen? Oder handelt es sich einfach darum, einen ganz bestimmten Moment einzufangen? An diesem Punkt beginnt die Zusammenarbeit. Meine Figur Héloïse beginnt Marianne, die Künstlerin, zu befragen: "Was soll das sein?" Und wenn Marianne darauf antwortet: "So macht man das eben", fragt Héloïse zurück: "Was soll das heißen, so macht man das eben? Wie finden Sie sich darin wieder? Was ist Ihre Haltung dazu?" Und diesen Standpunkt kann man nicht einfach nur artikulieren, man muss ihn spüren.

ZEIT ONLINE: Kann man dieses Verhältnis vergleichen mit dem, das Sie als Schauspielerin zur Regisseurin Céline Sciamma haben?