Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

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Watchmen

Watchmen gehört zu den Hauptwerken der US-amerikanischen Comicliteratur. In der erstmals 1986 erschienenen Serie erzählen der geniale Szenarist Alan Moore und der Zeichner Dave Gibbons von einer Gruppe von Superhelden, bei deren Handeln sich nicht mehr unterscheiden lässt zwischen Gesetzesverteidigung und Selbstjustiz, zwischen höchsten und niedersten Motiven. Sie leben in einem Paralleluniversum, in dem Richard Nixon schon seit 20 Jahren Präsident ist, weil er mithilfe seiner Superhelden den Vietnamkrieg gewonnen hat. Zack Snyder hat diese Ursprungsversion der Geschichte 2009 in eher schlichter Weise verfilmt.

Damon Lindelof, Schöpfer von Lost und The Leftovers, spinnt die Story in seiner Watchmen-Serie für HBO nun weiter, seine Handlung setzt 30 Jahre nach der Originalhandlung ein. Inzwischen werden die USA von dem liberalen Präsidenten Robert Redford geführt; er hat sich um gesellschaftlichen Ausgleich bemüht und um die Beendigung des Rassismus. Doch hat er damit auch zur Polarisierung der Bevölkerung beigetragen: Gegen den Terror der neu auferstandenen weißen Rassisten und ihrer Milizen kämpft eine neue Generation von Superhelden und -heldinnen, allen voran die afroamerikanische Ninjakämpferin Sister Night.

Es tauchen einige Charaktere aus dem Original auf und viele Zitate, aber man muss die Watchmen-Comics nicht gelesen haben, um die Serie zu verstehen. In der ersten Folge kann man vielleicht noch glauben, einer schlichten antirassistischen Umwertung des Originals beizuwohnen. Doch je tiefer Lindelof einen in die Handlung verstrickt, desto komplexer und rätselhafter werden die Charaktere und desto unübersichtlicher die Verläufe der Fronten. Damit kommt er der komplexen, mit Zeitschleifen, Vor- und Rückblenden, Nebenhandlungen, systematischen Selbstwidersprüchen und Ambivalenzen operierenden Erzählkunst Alan Moores weit näher als damals Zack Snyder; und anders als zuletzt etwa Todd Phillips in seinem Superbösewicht-Film Joker braucht er auch keine Erklärungen aus dem Off, um die Welt seiner Geschichte mit historischer Tiefe zu versehen und mit den Differenzen und Ähnlichkeiten zu unserer eigenen Realität; es reichen ihm kleine Ereignisse, Szenen, Zitate.
(Jens Balzer)

Die neun Folgen von Watchmen sind ab 4. November immer montags um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic und auf Abruf mit Sky Ticket zu sehen.