Was sehen Mädchen und junge Frauen, wenn sie ins Kino gehen? Sich selbst? Das, was sie werden möchten? Oder vielmehr noch immer das Bild, das männliche Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten im Kopf haben: das arme Mädchen, das vom reichen Helden gerettet wird, das Mauerblümchen, das zur Ballkönigin wird, oder die Einzelkämpferin, die erst durch die Liebe Erfüllung findet. Mit dem Appell Rewrite her Story! (Schreib ihre Geschichte neu!) hat die Kinderhilfsorganisation Plan International die Darstellung weiblicher Figuren auf der Leinwand erfasst und mit den realen Wünschen und Bedürfnissen junger Frauen auf der ganzen Welt verglichen.

Über die Repräsentation von Frauen und Mädchen vor der Kamera hat es in der Vergangenheit schon viele Studien gegeben, keine von ihnen lieferte erfreuliche Ergebnisse: Männer sind meist doppelt so häufig zu sehen wie Frauen, haben deutlich mehr Redeanteil und einflussreichere Rollen. Schauspielerinnen werden hingegen oft auf ihr Aussehen reduziert und auf sexistische Art dargestellt.

Im Unterschied zu bisherigen Auswertungen, die sich meist auf ein Land, oft die USA, beschränkten, ließ Plan International die erfolgreichsten Filme in gleich 20 Ländern prüfen. Vor allem aber wurden in diesen Ländern mehr als 10.000 Interviews mit Mädchen und jungen Frauen im Alter von 15 bis 25 geführt, um herauszufinden, welche Auswirkungen die bisherige Art des Geschichtenerzählens auf deren Selbstverständnis und eigenen Ambitionen hat.

Mit der Auswertung wurde das Geena Davis Institute on Gender in Media beauftragt, das schon in der Vergangenheit die Darstellung von Frauen und deren Rollen im Film kritisch untersucht hat. Geprüft wurden die jeweils erfolgreichsten Produktionen in Indien, den USA, Kanada, Dänemark, Honduras, Japan, Deutschland, den Niederlanden, Peru, auf den Philippinen, in Vietnam, Schweden, Finnland, Süd-Sudan, Benin, Uganda, Sierra Leone, Simbabwe, Senegal und der Dominikanischen Republik. Mehr als zwei Drittel der umsatzstärksten Filme (69 Prozent) stammten aus den USA, 11 Prozent waren Bollywoodproduktionen, neun Prozent kamen aus dem spanischsprachigen Raum. Zusammengerechnet spielten all diese Filme 2018 weltweit rund 21 Milliarden US-Dollar ein.

Welche Filme genau bewertet wurden, gibt das Geena Davis Institut bewusst nicht heraus, weil es keine einzelne Produktion für ihre Inhalte und Umsetzungen anklagen will. Bekannt ist lediglich, dass es sich um Filme aus den Top Ten der einzelnen Länder handelte. In Deutschland waren die drei meistgesehenen Filme des vergangenen Jahres das Harry-Potter-Spin-off Phantastische Tierwesen – Grindelwalds Verbrechen, der Superheldenfilm Avengers: Infinity War und der Erotikfilm Fifty Shades of Grey – Befreite Lust. In den USA Black Panther, Avengers: Infinity War und der Animationsfilm Die Unglaublichen 2.

Viele Ergebnisse dürften nicht verwundern. Es gibt nach wie vor doppelt so viele männliche wie weibliche Rollen. Nur etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Charaktere sind Frauen. Frauen sind viermal häufiger in freizügiger Kleidung zu sehen als Männer und doppelt so oft halb nackt oder ganz unbekleidet. Auch den sogenannten male gaze, den männlichen Blick, bestätigen die Ergebnisse der Studie. In 15 Prozent der Filme gibt es Einstellungen, in denen die Kamera langsam über Frauenkörper schwenkt. Männerkörper werden nur in 4 Prozent der Filme so abgebildet. Der Redeanteil männlicher Figuren ist mit 67 Prozent doppelt so hoch wie der Redeanteil der Frauenfiguren (33 Prozent), außerdem werden Männer häufiger als Führungspersönlichkeiten dargestellt (42 Prozent im Vergleich zu 27 Prozent unter den Frauen). Nehmen Frauen Führungsrollen ein, werden sie dabei ebenfalls häufiger mit aufreizender Kleidung, halb nackt oder nackt dargestellt als ihre männlichen Äquivalente. Im Gegenzug werden Frauen in Führungspositionen als härter arbeitend (83 Prozent zu 73 Prozent) und deutlich intelligenter (81 Prozent im Vergleich zu 62 Prozent) als ihre männlichen Kollegen dargestellt.