Eines der schönsten Bonmots der Filmgeschichte stammt aus Godards Der kleine Soldat von 1960. Kino, sagt der männliche Protagonist, sei Wahrheit, 24 Bilder pro Sekunde. Meist wird der Satz dem Regisseur zugesprochen, als philosophischer Gedanke über das Wesen des Kinos. Tatsächlich ist es eine blöde Anmache, er will Anna Karina an die Wäsche. Die schminkt sich derweil gelangweilt.

Der Zusammenhang von Filmgeschwindigkeit und Realismus beschäftigt Kinopioniere seit über 100 Jahren. Das Auge ist ein träges Sinnesorgan. 24 Einzelbilder pro Sekunde reichen, um die menschliche Wahrnehmung zu überlisten, den "Flicker-Effekt" zu eliminieren. So entsteht die Illusion einer fließenden Bewegung. Einigen war das nicht gut genug.

Douglas Trumbull, verantwortlich für die visuellen Effekte in 2001: Odyssee im Weltraum und Blade Runner, experimentierte schon in den Sechzigern mit erhöhten Bildfrequenzen, um die Immersion in eine glaubwürdige Illusion vollkommen zu machen. Je mehr Bilder pro Sekunde, so seine These, desto flüssiger die Bewegungsabläufe, desto schärfer auch die Bildwiedergabe.

60 Bilder pro Sekunde wären erforderlich. Aber weil die Technik damals noch teuer war und die Filmbranche per se wenig innovationsfreudig, verabschiedete sich Trumbull frustriert vom Kino und konzipierte stattdessen für den Freizeitpark der Universal Studios einen Zurück in die Zukunft-Simulator.

Verfechter des "digital turn"

Godards Mythos von der "Wahrheit, 24 Bilder pro Sekunde" ist längst ein Fall für die Geschichtsbücher. Der Mythos der "flüssigen Realität", wie es die Filmhistorikerin Julie Turnock nennt, erlebt hingegen seit einigen Jahren ein Revival. Schuld ist die rasante Entwicklung in der digitalen Technologie, vor allem die Sorge der US-Filmindustrie um ihr schwindendes Publikum. Ang Lee gehört neben James Cameron zu den aggressivsten Verfechtern eines "digital turn": 120 Bilder pro Sekunde sollen eine perfekte Kinoerfahrung ermöglichen, als befände sich die Zuschauerin mitten im Geschehen.

Lees erster Versuch vor drei Jahren fiel ernüchternd aus. Die irre Heldentour des Billy Lynn über einen traumatisierten Irak-Heimkehrer erzürnte die US-Kritik, vom "Tod des Kinos" war die Rede. Andere erinnerten die hochaufgelösten 3-D-Bilder mit ihrer hyperrealen Detailschärfe an Sportübertragungen auf dem heimischen Flachbildschirm. An den Kinokassen floppte das Experiment. Der deutsche Verleih brachte den Film nur als 2-D-Version mit normaler Bildfrequenz in die Kinos. An den dramaturgischen Schwächen änderte das nichts.

Gemini Man mit gleich zwei Will Smiths, dem echten 51-jährigen Star und seinem 27 Jahre jüngeren, digital rekonstruierten Alter Ego, ist Lees zweiter Versuch, die Limitierungen der Technik zu überwinden. Doch der Film erweist sich als erneuter Rückschritt auf der Suche nach der "Zukunft des Kinos", wie sie die 3-D-Verfechter in der Filmbranche fordern – im Hinblick auf den Boom der Streamingdienste mit wachsender Panik.

Das Kino imitiert Videospiele

Hollywood arbeitet seit einigen Jahren daran, den schlechten Ruf von 3-D als teurem Gimmick aufzupolieren. James Cameron forderte nach seinem bahnbrechenden Spielzeug Avatar, Filmemacher müssten 3-D als neuartige Erzählform akzeptieren. Auf sein angekündigtes Kammerdrama wartet man bis heute, stattdessen filmt Cameron seit Jahren zwei Avatar-Fortsetzungen parallel.

Auch Ang Lee lässt jetzt einen Actionfilm folgen. Will Smith spielt den Agenten Henry Brogan, ein Mann für schmutzige Jobs, der unfreiwillig aus dem Ruhestand zurückkehrt, weil er Zeuge einer Verschwörung wird. Auf ihn angesetzt ist sein jüngeres Alter Ego, Junior, der Prototyp einer neuen Generation von "Klonkriegern". So weit, so schwachsinnig.