Crispr verstehen, bevor es zu spät ist – Seite 1

Dieser Film ist nicht besonders schön gedreht, beeindruckt weder mit prunkvollen Kostümen, noch mit oscarreifer Besetzung. Stattdessen kommt Human Nature im Aufbau einer wissenschaftlichen Abhandlung gleich: Einleitung, Forschungsstand, Diskussion – reizvoll klingt anders. Doch jeder sollte diesen Dokumentarfilm, der die Geschichte des Genwerkzeugs Crispr/Cas9 erzählt, anschauen. Warum? Weil Forscher mit diesem Werkzeug, so winzig es ist, Wunder vollbringen oder die Menschheit in die Katastrophe stürzen können. Fesselnder geht es nicht.

"Oft bemerkt man erst hinterher, dass gerade eine Revolution stattgefunden hat", beschreibt es die Bioethikerin Alta Charo in einer Szene. Recht hat sie. Denn wie der Film deutlich macht: Mit Crispr steckt die Menschheit bereits mittendrin.

Bakterien schützen sich mit dem System vor Virenattacken. Vor einigen Jahren haben Forscher die Methode abgeguckt und andere Organismen damit bearbeitet. Mit ihr lässt sich Erbgut ausschneiden, verändern und wieder einbauen. So schnell, präzise und sicher wie nie zuvor. Und egal, ob es um die DNA von Pflanzen, Tieren oder Menschen geht. Weil man es plötzlich konnte, wurden Farben von Schmetterlingsflügeln auf Wunsch angepasst, Malariamücken genetisch verändert, gar die Gene in den Embryonen chinesischer Zwillinge so modifiziert, dass die Kinder gegen HIV immun sein sollen – was zu weltweiter Empörung führte und manche dennoch nicht abhält, weiter an "gesunden Babys" zu arbeiten. Längst gibt es Firmen, die mit Crispr ungeachtet der ungeklärten ethischen Fragen Geld verdienen. Weil Science-Fiction gerade Realität wird, fehlt es dem Film nicht an Referenzen zu Star Trek und Jurassic Park, GATTACA und Blade Runner.

Nie gab es eine bessere Chance, um die Crispr-Begeisterung zu verstehen

Die Entdeckung von Crispr hat die Welt über Nacht verändert. Um sie zu würdigen, gibt der Regisseur Adam Bolt der Geschichte und allen Beteiligten entsprechend viel Zeit. Von den sechs Kapiteln, in die der Film eingeteilt ist, handeln drei davon, mit welchen Problemen Gentechniker in den vergangenen Jahrzehnten zu kämpfen hatten, weil "die Technologie einfach zu plump war, um sie bei Menschen einzusetzen". Wie man dann zufällig das System erst entdeckte – "etwas Ungewöhnliches ist immer interessant" – anschließend verstand und Forscherinnen und Forscher daraufhin weltweit in einen Experimentierrausch verfielen, weil sie plötzlich das "Schweizer Taschenmesser der Gentechnik" in Händen hielten.

Das mag mancher ermüdend finden. Anspruchsvoll ist es dazu. Aber nie gab es eine bessere Chance, zu verstehen, wieso Crispr so beliebt ist, als diese: Wenn etwa der Biochemiker Fyodor Urnov mit strahlenden Augen und energischen Handbewegungen erklärt: "Wenn ein Eindringling auftaucht, speichert das Bakterium einen Teil von dessen DNA in seiner eigenen. Kehrt der Eindringling wieder, kopiert das Bakterium diesen spacer, erstellt ein Fahndungsfoto davon und übergibt es dem Herzstück der fabelhaften Crispr-Maschine, dem außergewöhnlichen Protein Cas9." Cas9 sei wirklich wundersam, ist Urnov zu hören, während eine animierte Grafik die Erklärung visualisiert. "Es geht innerhalb der Zelle auf Streife und sucht nach Eindringlingen. Dabei trägt es das Fahndungsfoto vor sich her. Es fragt jeden, dem es begegnet: 'Verzeihung, tragen Sie die Sequenz auf diesem Fahndungsfoto in sich? Ja? Dann schneide ich Sie durch.'" Cas9 schneidet anhand einer Anleitung, die es in sich trägt. Diese Anleitung können Biochemikerinnen leicht selbst im Labor herstellen.

Menschen wie Urnov sind es, die diesen Film tragen. Wenn auch nicht oscarreif, so ist Human Nature nobelpreisreif besetzt. Auftritte haben Feng Zhang, Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, die selbst nicht recht glauben können, welchen Schatz sie mit Crispr gefunden haben, sowie der ausgeruhte David Baltimore, Wegbereiter der Gentechnik und Nobelpreisträger mit Würde. Und eben Urnov, schwankend zwischen Begeisterung und Sorge, der die Welt auch in einem offenen Brief warnte: Der Umgang mit dem Werkzeug ist außer Kontrolle, hört auf, die DNA in Spermien, Eizellen oder Embryonen zu verändern, um genetisch modifizierte Kinder zu schaffen.

Eine Schwäche des Menschen: Folgen abschätzen

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Skurrile Charaktere und Menschen mit Haltung sind es, die das Werk von Bolt und seinem Team zu mehr als einem verfilmten Fachaufsatz machen. Da ist der Genetiker, der das Verfahren unwissentlich schon vor der offiziellen Entdeckung nutzte und heute deshalb ein Auto mit dem Kennzeichen "CRISPR" fährt. Oder der Forscher, der Mammuts wiedererwecken will. Es gibt die Bioethikerin, die sich über die seit fünf Jahrzehnten mit jeder neuen Technik wieder entfachten Debatte über Designerbabys echauffiert, und den Jungen, der eine schwere Krankheit hat, mit der künftig dank Crispr womöglich kein Kind mehr geboren werden müsste. Angeblich sei das eines Tages möglich, erzählt ihm die Stimme aus dem Off. Er reagiert verblüfft, überlegt, sagt dann: "Ich finde cool, dass sie das in der Zukunft machen wollen. Aber ich finde, das Kind sollte das selbst entscheiden." Wie er das meine? Ob er nicht wünsche, es nie gehabt zu haben? "Nein", sagt er, "ich wäre nicht ich ohne die Sichelzellenanämie." 

Das wirkt nicht einstudiert, sondern ehrlich. Es ist eine starke Szene, die an zusätzlicher Bedeutung gewinnt, wenn die Zuschauerin anschließend erfährt, dass eine Sichelzellenanämie vor Malaria schützen kann. So gut sogar, dass es in Malariagebieten vermehrt Menschen mit der dafür verantwortlichen Genmutation gibt. Spätestens jetzt ist die Kernbotschaft des Films klar: Menschen sind gut darin, Neues zu erfinden, aber sehr schlecht darin, die Folgen abzuschätzen.

Über weite Teile gelingt es Regisseur Bolt, die Chancen und Risiken aufzuzeigen, ohne allzu dramatisch, gar pathetisch zu werden. Manchmal aber überzieht er doch. Etwa wenn das Orchester mit Mussorgskis Eine Nacht auf dem kahlen Berge und dem Finale Alla breve aus Rachmaninows 3. Klavierkonzert bedrohlich aufspielt. Wenn Doudna von einem Albtraum berichtet, in dem Adolf Hitler Interesse an der Crispr-Technologie zeigt. Oder Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin zu Beginn des vierten Filmkapitels mahnt: "Was ich gerade beschrieben habe, könnte schrecklicher sein als die Atombombe."

Fest steht: Crispr hat das Potenzial, die Beziehung des Menschen zur Natur grundlegend zu verändern. Pflanzen lassen sich stärker machen, um den Folgen des menschengemachten Klimawandels zu trotzen, beispielsweise. Bedrohte Tierarten lassen sich womöglich schützen, ausgestorbene Arten zurückholen; darum geht es in den letzten Teilen des Films. "Wenn wir wollen, ermöglicht es uns gar, die menschliche Evolution zu verändern. So tiefgreifend ist es," sagt die Biochemikerin Jennifer Doudna. Doch wollen wir? Wie weit darf, wie weit soll Forschung gehen? Und wer zieht eigentlich die Grenze?

Die Stärke dieses Films besteht darin, dass man am Ende das Bedürfnis hat, über all das zu diskutieren. Die wesentlichen Argumente und Gedankenanstöße liefert er mit, das macht Human Nature so sehenswert. Technischer Fortschritt hat schon immer soziale Verhältnisse verändert. Mit Crispr wird es ebenso sein, nur dass die Gesellschaft sich dieses Mal besser darauf vorbereiten könnte.

Der Dokumentarfilm "Human Nature" läuft von 7.11. an in ausgewählten Kinos in Deutschland.