Der gekränkte Clown – Seite 1

Selten ist über einen Film, der noch nicht angelaufen ist, so erbittert diskutiert worden wie über Joker von Todd Philips. Seit er überraschend den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig gewann, streiten sich Kritiker darüber, ob die Interpretation von Jokers Alter Ego Arthur Fleck als gekränktem Mann eine treffende Analyse des gegenwärtigen Amerika sei oder ein gefährlicher Anreiz für genau diesen Typ von Amokläufer. Im Time Magazine fragte eine Rezensentin kürzlich, warum man diese Geschichte überhaupt erzählen müsse – Amerika erlebe schließlich "einen Gewaltakt von einem Typen wie Arthur Fleck praktisch jede zweite Woche".

Aufgeheizt wurde die Debatte, als bekannt wurde, dass die US-Armee ihre Mitglieder vor Attentaten möglicher Incels anlässlich der Joker-Premiere in amerikanischen Kinos gewarnt hatte. Als Incels (involuntary celibates – unfreiwillig zölibatär) bezeichnen sich Männer, die sich von Frauen – und oft von der Gesellschaft als solcher – zurückgewiesen fühlen. In Foren stacheln sie sich zu Hass und zum Teil auch zu Gewalt an.

Als einer der Vorbilder der Szene gilt ausgerechnet der Attentäter James Holmes, der während einer Vorstellung des Batman-Epos The Dark Knight Rises im Juli 2012 zwölf Menschen in einem Kinosaal in Aurora erschossen hat. Der damalige Polizeichef New Yorks hatte nach der Tat bei einer Pressekonferenz gesagt, Holmes habe behauptet, er sei der Joker. Der in dem Fall zuständige Staatsanwalt in Colorado hat diese Aussage später als falsch entlarvt. Tatsächlich habe Holmes sich nie als Joker bezeichnet, entsprechende Berichte seien "vollkommen unzutreffend". Doch das falsche Gerücht blieb in der Welt: Die fiktionale Comic-Schurkenfigur Joker habe einen Menschen zu einer realen Mordtat inspiriert.

Die Frage "Ist Joker nur ein Film?", die Josephine Livingstone in der New Republic stellt, ist vor diesem Hintergrund alles andere als leicht zu beantworten. Die Figur des Batman-Gegenspielers tobt seit mittlerweile 30 Kino-Jahren ihren nihilistischen Spieltrieb in den Ruinen des amerikanischen Liberalismus aus. Sie kann gar nicht anders als politisch sein. In Tim Burtons Batman von 1989 machte Jack Nicholson den Joker zur fleischgewordenen Angstfigur des Law-and-Order-Amerikas. 2008 schuf Heath Ledger mit seiner bravourösen Darstellung in Christopher Nolans The Dark Knight einen Anarchist ohne Motivation, eine zersetzende Naturgewalt in greller Clownschminke. Jared Letos manieriert-bemühter Joker aus dem Film Suicide Squad (2016) wiederum imaginierte die Figur als Offline-Troll.  

Nun ist also Joaquin Phoenix dran, der den Joker als fahrigen, ausgemergelten, verletzten Mann darstellt, einen Typus, den er schon in P. T. Andersons The Master (2012) und Lynn Ramsays You Were Never Really Here (2017) so gut gemimt hatte. Der Regisseur Todd Phillips, bisher vor allem für die Hangover-Filme bekannt, inszeniert Joker nicht als Superheldenfilm, sondern als Sozialdrama. Sowohl optisch als auch thematisch orientiert er sich fast schon unheimlich an den Filmen der späten Siebziger und frühen Achtziger – insbesondere an denen Martin Scorseses. Ganze Sequenzen aus Taxi Driver (1978) und The King of Comedy (1982) werden in Joker zitiert. Der Auftritt des Joker in der Late-Night-Show von Murray Franklin (Robert De Niro) etwa übernimmt das Leitmotiv von The King of Comedy, in dem ein erfolgloser Comedian (damals von de Niro gespielt) seinen Lieblingstalkmaster stalkt, weil er unbedingt in dessen Show auftreten will.

Als Comic-Mythos ist Joker durchaus gut: Er arbeitet auf die Urszene des Batman hin und deutet diese um – statt der poetischen, fast schon existenziellen Frage "Schon mal beim blassen Mondlicht mit dem Teufel getanzt?," die Joker Batman in Tim Burtons Streifen von 1989 entgegengrinst, bekommen wir von Joaquin Phoenix ein "You get what you fucking deserve". Dieser neue Joker schießt nicht als Blitz aus heiterem Himmel herab, um die Welt zu zerstören, er ist das Resultat einer zerstörten Welt. Leider will Joker aber mehr sein als eine bloße Comic-Verfilmung. Und gerät dadurch auf die schiefe Bahn.

Fanal beleidigter und malträtierter Männlichkeit

Es ist auffällig, wie sich ambitionierte Comic-Verfilmungen vorzugsweise beim Kino der Siebzigerjahre bedienen. Als Marvel mit dem zweiten Captain America-Streifen etwas seriöser werden wollte, wurde daraus ein (sehr guter) Remix von Drei Tage des Condor, mit Robert Redford als Bösewicht. Und als James Mangold mit der soundsovielten Version der X-Men endlich mal ein bisschen Tiefen ausloten wollte, schuf er 2017 mit Logan einen existenzialistischen Pseudo-Western à la Sergio Leone.

Das Kino der Siebziger fungiert bei Joker nun als Fanal beleidigter und malträtierter Männlichkeit. Die fantasierte Gewalt des Comics wird zum Befreiungsschlag gegen eine Umwelt, die vom Protagonisten als ungerecht und brutal erlebt wird. Arthur Fleck (Phoenix), soeben aus der Psychiatrie entlassen, lebt mit seiner Mutter in einem langsam verfallenden Wohnblock in der Bronx. Er verdingt sich als Partyclown an der Kinderonkologie, bewirbt Restschlussverkäufe von pleitegehenden Geschäften und versucht sich an einer Karriere als Stand-up-Comedian. Seine ohnehin eher oberflächliche psychiatrische Betreuung fällt Kürzungen zum Opfer. Die Frage ist, wie Arthur es am Ende in seiner neuen, eigentlichen Identität als Joker ausdrückt, was passiert, wenn ein Klima der sozialen Kälte auf einen verstörten Einzelgänger trifft. "Ich hielt mein Leben für eine Tragödie", sagt er gegen Ende des Films, "aber jetzt erkenne ich, dass es eine Komödie ist."

Auch die Stadt, in der Joker spielt, ist erkennbar als das in unzähligen Filmen gezeigte anarchische, regellose New York der frühen Achtzigerjahre. Die Müllabfuhr streikt, die Mordrate schnellt nach oben, und die Menschen können dank staatlicher Sparmaßnahmen keine Hilfe erwarten. Lange Zeit existierte die Batman-Kulisse Gotham City transhistorisch und ortsunspezifisch. Sie war eher die Idee einer Metropole und der Moderne – und verkörperte alles, wovor wir uns in Städten fürchten: die Anonymität, die Achtlosigkeit, die Kriminalität. In Joker winkt einmal von Ferne Thomas Wayne (der Vater des späteren Batman Bruce Wayne), Großindustrieller und Bürgermeisterkandidat, der zwar den Armen helfen will, aber im gleichen Atemzug jene, die sich nicht selber zu helfen wissen, als "Clowns" bezeichnet.

Durchzogen von billigem Hollywood-Nihilismus

Travis Bickle in Clownsgestalt: Das Foto von Robert de Niro an der Wand ist eine der vielen Assoziationen zu "Taxi Driver". © Niko Tavernise/​ 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM & DC Comics

Das gesellschaftliche Klima, der Einzelgänger und die unheimliche Resonanz, die dessen Gewalt in einer abgestumpften Gesellschaft entfalten kann, sind klar Taxi Driver entlehnt. In Scorceses Meisterwerk aus dem Jahr 1976 wird der zutiefst gestörte Travis Bickle (Robert de Niro), der davon träumt, die Stadt vom "Abschaum" zu säubern, aus Versehen zum Helden. Joker erzählt die analoge Geschichte: wie ein Außenseiter mit Gewalt die Resonanz findet, die er mit Lachen und Lächeln nie erreichen konnte. Wenn Arthur Fleck lacht, dann weichen die Mitmenschen von ihm ab, machen sich über ihn lustig, verprügeln ihn. Wenn er ihnen weh tut, dann passen sie auf und ahmen ihn nach.

Diesen Aspekt der Figur stellt Hauptdarsteller Phoenix bravourös dar: Das gespenstische Lachen Arthurs hallt noch lange in den Ohren des Zuschauers nach. Unkontrollierbar gluckst es auf, wenn es am unpassendsten ist. Wenn die anderen nicht lachen, wenn Lachen weder erwünscht oder erwartet wird. Es gibt ein paar schöne Momente, in denen man Arthurs zwanghaftes Lachen aus großen Gruppen heraushört – das deplatzierte, das exzentrische Lachen als Geist in der Entertainment-Maschine. Nur einmal kann Arthur wirklich mitlachen, da findet sein Lachen den Rhythmus der anderen: im Kino, als Charlie Chaplin auf der Leinwand Pirouetten zieht.

Das anarchische, unpassende Lachen ist seit jeher ein Markenzeichen des Jokers. Hier wird es ziemlich klar zum Krankheitsbild umfunktioniert. Arthur hat einfach einen Tick, er lacht, wenn er nervös wird, wenn er mit seiner Umwelt aus dem Tritt gerät, wenn seine verschiedenen Traumata sich zurückmelden – was sie eigentlich ständig tun. Doch war dieses Lachen spannender und suggestiver, als es noch nicht so penetrant und überernst pathologisiert wurde, wie Joker es tut. An dieser Art von Überinterpretation krankt der Film generell. 

Der Film sagt zu allen Deutungsversuchen ja

Im DC Universum hat der Joker unzählige Backstorys, von den Ursprüngen der Figur zu erzählen ist also an sich schon verquer. Christopher Nolans Joker erzählte in The Dark Knight seine Vorgeschichte (und damit auch seine Motivation) ständig aufs Neue, und ironisierte damit die Frage nach dem Warum. Ist die Figur ein Kommentar auf den gekränkten weißen Mann, auf die soziale Kälte, auf den verordneten Optimismus Amerikas, auf die Selbstermächtigung durch Gewalt und ihre Rolle in der amerikanischen Psyche? The Dark Knight machte sich die Antwort des Batman-Butlers und Moralisten Alfred Pennyworth zu eigen: Es ist egal, es gibt nichts zu deuten – "manche Menschen wollen die Welt einfach brennen sehen". Joker hingegen liefert ungefähr genauso viele Erklärungen, meint sie aber alle ernst. Der Film sagt zu allen Deutungsversuchen Ja: Es liegt an der Gesellschaft, es liegt an den Eltern, es liegt an der Psyche, es liegt an Kindesmissbrauch, es liegt an der Politik. Verglichen mit Pennyworth' demonstrativem Achselzucken ist dies im Endeffekt die sinnentleertere Antwort.

Vom Sounddesign, das die gesamte Trickkiste "deprimierendes Mehrfamilienhaus" auf einmal bemüht, über die Sets, die sich an ihrer eigenen Ramschigkeit weiden, ist Joker durchzogen von billigem Hollywood-Nihilismus, der eigentlich nicht mehr zu sagen hat, als dass Menschen einander häufig schlecht behandeln. "Everybody is awful", erklärt Joker in seiner Summa, und das wäre vielleicht sogar interessant, wenn es nur die Sichtweise eines einzelnen verstörten jungen Mannes wäre, nicht die des Filmes, der ihn zu seiner Hauptfigur macht.  

Es liegt an der Gesellschaft, es liegt an den Eltern, es liegt an der Psyche, es liegt an der Politik: Joaquin Phoenix als Arthur Fleck.

Obwohl sich Arthurs eskalierende Aggression vor allem gegen reiche, weiße und überhebliche Menschen richtet, ist es auffällig, wie häufig diejenigen, die Arthur schlecht behandeln, eben nicht weiß sind: die gestresste Sozialarbeiterin, die ihm nicht zuhört, die halbstarken Kids, die ihn vermöbeln. Manchmal erinnert Joker an Joel Schumachers Rache-Drama Falling Down: Ein Ganz Normaler Tag von 1993, in dem sich Michael Douglas als Antiheld D-Fens zwei Stunden lang mit Waffen beladen durch die Southside von Los Angeles kämpft. Auch ein Film um einen weißen Mann, dem es zu viel wird, und dessen Gewalt zu sehr als Katharsis behandelt wird, um sie ehrlich verurteilen zu können.

Als Arthur Fleck von einem Kollegen eine Schusswaffe geschenkt bekommt, richtet er sie auf seinen Fernseher (auf dem, wie es der Zufall so will, drei afroamerikanische Sänger zu sehen sind), auf den Lieblingssessel seiner Mutter, und schließlich auf sich selbst. Seine erste Bluttat in einer U-Bahn ist dem Fall von Bernie Goetz nachempfunden, der 1984 auf vier unbewaffnete Afroamerikaner geschossen hatte und dafür in den Medien gefeiert worden war.

Ästhetisch schlägt sich Joker eindeutig auf die Seite seiner Hauptfigur. Die Frage nach der Kunst, schrieb die Fernsehkritikerin Emily Nussbaum in ihrem Buch I Like To Watch, sei immer auch eine Frage dessen, "was die Welt ernst nimmt". Gerade aus diesen Gründen ist Joker ein so fragwürdiger Film. Denn warum muss zum x-ten Mal männliche Anomie, männlicher Nihilismus, männliche Selbstversicherung durch Gewalt abendfüllend ausgewalzt, in 4.000 Kinos in den USA allein angesetzt und dann noch kräftig mit Preisen überschüttet werden? Pennyworth' Abwinken in The Dark Knight lief darauf hinaus, dass es nichts zu verstehen gab. Das war 2008, inmitten der amerikanischen Antiterrorkriege. Jetzt, da der Terrorismus im eigenen Land von weißen jungen Männern verübt wird, gerät dieser Nihilismus zur bloßen Verständnispornografie.

"Joker" läuft ab 10. Oktober in den deutschen Kinos. 

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes wurde ausgeführt, der Aurora-Attentäter James Holmes habe sich als Joker bezeichnet; die entsprechende Behauptung findet sich in diversen Medienberichten, die nach der Tat erschienen sind.

Der im Fall Holmes zuständige Staatsanwalt George Brauchler hat diese Behauptung unter anderem gegenüber der "Denver Post" und zuletzt dem Magazin "Vanity Fair"  jedoch als unzutreffend kritisiert: Holmes habe sich nie als Joker bezeichnet. Der für den Strafprozess gegen Holmes vom Gericht bestellte Sachverständige, der für sein psychologisches Gutachten den inhaftierten Holmes befragt hatte, sagte nun gegenüber "Vanity Fair": "Er (Holmes) hat mir gesagt, er habe von der Joker-Idee zum ersten Mal von einem Mitinsassen gehört".

Aufgrund dieser Aussagen haben wir den Text korrigiert. Ebenfalls verändert haben wir die ursprüngliche Formulierung "Joker-Epos The Dark Knight Rises": Die Figur des Joker taucht in dem Film nicht auf. Die unzutreffenden Formulierungen waren leider im Zuge der redaktionellen Bearbeitung des Ursprungstextes hinzugefügt worden.