Der Ripper von Rostock – Seite 1

Der Polizeiruf aus Rostock ist der Darling im ARD-Sonntagabendkrimi-Föderalismus. Wenn im deutschen Fernsehen noch jemand darüber nachdenken sollte, wie das funktionieren könnte mit diesen neuerdings schon eine ganze Weile so beliebten Serien – Rostock aus der Tatort-/Polizeiruf-Reihe auszukoppeln und zu einem Mikrokosmos mit mehreren Staffeln und Episoden zu machen, wäre das einfachste.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Daran erinnert die aktuelle Folge Dunkler Zwilling (NDR-Redaktion: Daniela Mussgiller), insofern sie viel zu viel Stoff aufbietet, als dass der in 90 Minuten gebührend verhandelt werden könnte. Umstandslos stoßen Bukoff (Charly Hübner) und Frau König (Anneke Kim Sarnau) auf eine Mädchenleiche, die sich in einer Reihe von Morden verorten lässt.

Auffällig ist etwa, dass der Täter gezielt vorgeht und die Schuhe seiner brutal getöteten Opfer sauber und ordentlich neben den toten Körpern drapiert. Das Muster und einige Details wie der tote Junge im Fußgängertunnel gemahnen an einen realen Fall in Frankfurt am Main, der erst nach dem Tod des Mörders gelöst werden konnte. Oder an Motive, wie man sie in amerikanischen Crime-Serien irgendwann mal gesehen hat.

Gezeigt wird in Dunkler Zwilling tatsächlich Ermittlungsarbeit, mitunter auch abstrakt-illustrativ, wenn nach einer Pressekonferenz lauter Hinweise aus der nun informierten Öffentlichkeit kommen – auch irreführende, wie eine Kamerarunde im Revier zeigt, wenn nacheinander Pöschi (Andreas Guenther), Everybody's Volker (Josef Heynert), der von Frau König erstmals "Thiesi" genannt wird, und Bukoff sich am Telefon mit aufgeregten Bürgerinnen rumschlagen müssen.

Es ist schön was los, aber genau das wäre der Grund, warum man dem Film (Regie und Drehbuch: Damir Lukačević, Dialogautor: Péter Palátsik) mehr Zeit gewünscht hätte, die einzelnen Momente der Investigation besser herauszupräparieren, Minuten und Szenen auch auf falsche Spuren zu verwenden. Die Frage, wie man einen Mann finden kann, der ein Taxi fährt (in das das später ermordete Mädchen laut Freundin gestiegen ist), den aber kein Taxi-Unternehmen kennt – das könnte die Betrachterin durchaus einige Zeit beschäftigen.

Zumal der Polizeiruf von Beginn an zwei Kandidaten als mögliche Täter präsentiert: den Kurzarmhemd-in-die-Hose-steckenden Umzugsunternehmer Fränkie Kern (bekannt als Inkasso-Heinzi aus Wien: Simon Schwarz), der eine bürgerliche Idylle mit Haus und Tochter Marla (Emilia Nöth) vorzuzeigen versucht. Und den merkwürdigen Langzeitstudentenkünstler Jan Hansen (Alexander Beyer), der mit einer nicht minder merkwürdigen Frau (die große Angela Winkler) verheiratet ist.

Auch diese frühe Einführung von verdächtigem Personal spräche eigentlich eher für serielles, multiperspektivisches Erzählen, weil dann etwa gezeigt werden könnte, wie Vertuschung funktioniert oder auf stärker werdenden Ermittlungsdruck reagiert wird.

Die Figuren reden Text, der zu ihnen passt

Vor lauter Materialfülle gelingt es dem Polizeiruf nicht immer, die einzelnen, entscheidenden Hinweise zu akzentuieren oder zu hierarchisieren. Wenn die Hansen-Frau auf dem Revier plötzlich Täterwissen präsentiert und "Thiesi" und Pöschi daraufhin erklären, dass sie die Fotos an der Wand nicht gesehen haben kann – dann will man schon wissen, woher sie ihre Kenntnisse nun hatte.

Und wenn sich im Wagen von Fränkie Kern keine Blutspuren finden, obwohl er beim Entfernen derselben zu Beginn von seiner Tochter überrascht wurde, dann unterschlägt der Film beinahe den Trick, dass der Wagen getauscht wurde.

Was allerdings für Rostock spricht, ist das handelnde Personal. Die Figuren reden Text, der zu ihnen passt, der Ton auf dem Revier inklusive Chief Röder (Uwe Preuss) stimmt. Sodass sogar, selten genug, Witze glücken. Einmal bringt Bukoff für die Spätschicht Pizza mit. Frau König: "Ich wollte Sushi." – "Ja, da sind Calamaris drinne." – "Das heißt Calamari." – (im gleichen Tonfall wie zuvor) "Ja, da sind Calamari drinne."

Etwas schade ist, dass Dunkler Zwilling auf der langen Zielgeraden die Ermittlung zur Seite legt, um sich aufs Gefühl zu "fokussieren" (Oliver Kahn). Mit einem Mal wird Marla Kerns innerer Trubel, zu wissen, dass der eigene Vater ein ruchloser Verbrecher ist, zum wichtigsten Tagesordnungspunkt.

Das Enddrama, das neuerdings im ARD-Sonntagabendkrimi noch mal Extra-Emotionen kurz vorm Abspann reinholen will (Gibt's dafür innerredaktionell eigentlich schon einen Fachbegriff: Schlusshebe? Finalfortissimo?), mündet in einen versuchten Suizid in der Badewanne, dem man schon bei der Vorbereitung ansieht, dass er auf eine Pietà in Zeitlupe zu angemessener Musik hinauslaufen wird, die Bukoff dann auch bewerkstelligt.

Immerhin bewahrt sich der Polizeiruf in dieser Situation einen gewissen Humor. Als Bukoff das Kind, das er auf den Armen trägt, auf der Wohnzimmer-Couch ablegt, und Everybody's Volker mit Verbandsbehelf das junge Leben retten will, muss sich der gerade verhaftete Vater Fränkie im Hintergrund übergeben. Und der leicht angewidert-genervten Schnute, die Pöschi darüber zieht, ist jedes Pathos schnurz.