Das geht hin und her in den Kommentarspalten – Seite 1

Mit 17 hat man noch Träume, sang dereinst Peggy March. Was in gewisser Weise für den 17. und letzten Fall des 2012 gestarteten Luzerner Tatort-Schauplatzes gilt. Denn Der Elefant im Raum (SRF-Redaktion: Adrian Illien) mobilisiert die Vorstellungskraft der Betrachterin in einen attraktiv wirkenden Konjunktiv hinein: Was hätte aus diesem Krimi werden können, wenn er mit der an Finesse und Komplexität interessierten Art entworfen worden wäre, in der etwa bestimmte US-amerikanische Serien und Filme Machtspiele entfalten!

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der letzte Fall von Reto "Flücki" Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ist derweil ein recht planes Unternehmen. Flücki wird auf einem Boot auf dem Vierwaldstättersee Zeuge eines merkwürdigen Anschlags: Ein maskierter Gesellschaftskritiker versetzt das Vernetzungstreffen der Luzerner Hautevolee auf einem Boot in Aufregung, als er ins fröhliche Schlabbern ausgewählter Speisen Leuchtraketen feuert.

Ein als links apostrophierter Journalist verschwindet und wird später tot aus dem Wasser gefischt, während ein doch eher als rechts und verschwörungstheoretisch erkennbarer Website-Betreiber (Veritas News) namens Frédéric Roux (Fabian Krüger), bei dem der tote Journalist allerdings veröffentlicht hatte, den Vorfall umgehend zum Skandal hochjazzt.

Flücki macht schon hier vor der ständig laufenden Kamera von Rouxens Redakteurin (Linda Gunst) keine gute Figur, und Liz Ritschard ist verschnupft. Die Ermittlungen führen zwar bald zum später erkannten Täter, dem ehemaligen Gastronomen Streuli (Aaron Hitz). Der haust mit Hund Nero in einer Hütte im Wald, weil er durch eine Intrige von Planker senior (Andrea Zogg, als Kommissar Carlucci Anfang der Neunzigerjahre Amtsvorvorgänger von Flücki) sein Lokal verloren hat. Planker senior ist Politiker und der Obervernetzer zwischen Politik und Wirtschaft auf dem Boot. Planker junior (Manuel Löwensberg) leitet eine global agierende Firma, die mit Waffengeschäften in Verbindung gebracht wird.

Weil der Beweis von Streulis Involviertheit fehlt beziehungsweise vom Tatort so früh einfach nicht ermittelt werden will, kann der Film noch mehrere Runden durchs Duell von Polizei und Veritas News drehen. Und an dieser Stelle hätte es interessant werden können, wenn das Drehbuch (Felix Benesch, Mats Frey, Regie: Tom Gerber) sich nicht mit urwüchsigen Empörungsgefühlen von Flücki und Kolleginnen begnügen würde.

Denn die Polizei macht gegenüber der ruchlosen, alles vulgär verfälschenden und übertreibenden Website keine gute Figur. Mehrfach laufen die Gesetzeshüter im Bunker auf, der die Redaktion von Veritas News sein soll, um bescheuerte Sätze in die Kamera zu sprechen – halbe Drohungen und ungeschickte Aufgeregtheit, kurz: Material, das sich leicht in die Verzerrung pimpen lässt.

Das beste Beispiel für diese nichts dazulernen wollende Ungestümheit ist der Auftritt der Kriminaltechnikerin Corinna (Fabienne Hadorn) bei Roux. Die kriecht zwar nur zum Schein zu Kreuze, weil sie in Wirklichkeit einen Keylogger in das System von Veritas News einstecken will (der dann auch den entscheidenden Hinweis auf Streuli liefert). Aber dass sich Der Elefant im Raum damit begnügt und nicht einen Gedanken oder gar Versuch darauf verwendet, wie das Spioniergerät wieder aus dem Veritas-News-System rausgeholt werden könnte, ist traurig. Denn natürlich wird der Keylogger entdeckt und von Roux entsprechend beklagt.

Ein Haufen von Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Trotteln

So kann man sehen, wie die Faulheit der Erzählung diesen Tatort merkwürdig akzentuiert. Der Film identifiziert sich mit der Polizei (Roux und seine Redakteurin sind die Bösen), stellt sie genau betrachtet aber als einen Haufen von Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Trotteln dar. Es werden Schnippchen geschlagen, die als Bumerang zurückkommen – worüber sich Der Elefant im Raum auch noch zu freuen scheint, wenn Corinna für ihren halbgewalkten Stunt die Suspendierung schon in Kauf genommen hat.

Dabei wäre doch gerade diese Auseinandersetzung eine, die auch der Gegenwart weiterhelfen könnte im Umgang mit Realitätsverdrehern, Falschdarstellerinnen und Lügenbaronessen, die politisch rechts stehend am Auseinandertreiben der Gesellschaft interessiert sind. Was einerseits die Fantasie beflügeln würde (wie ähnlich deppert stellt sich der Journalismus häufig gegenüber rechten Spins an) und andererseits der Geschichte von Der Elefant im Raum zu feineren Geschmacksnoten verhelfen.

Stattdessen wird zur großen Flasche Maggi-Würze gegriffen, damit's am Ende schön pathetisch wird. Nicht nur Corinna opfert sich, sondern auch Flücki. Der drängt mit seinem Gefährt die Hitsche ab, mit der Streuli einen Anschlag auf die Plankers, senior und junior, verüben wollte.

Es kommt zur Explosion, die – passend zur Halbgarheit vons Ganze – Flücki unbeschadet überlebt. So kann er am Ende seiner lange wenig berückenden Dienstzeit, die im letzten Jahr aber zwei markante Folgen hervorgebracht hat, mit Liz Ritschard über den See gondeln und den Schlussgag aus Manche mögen's heiß nachspielen.

Für Freundinnen filmischen Memory-Spielens dürfte das der Höhepunkt von Der Elefant im Raum sein. Allerdings muss man dem Film zugutehalten, dass er den Satz aus Billy Wilders Klassiker nicht einfach nur kopiert, um von der Größe des Ursprungsfilms etwas abzuhaben. Das Zitat wird eingeführt, wenn Liz Ritschard anfangs Manche mögen's heiß aus dem Laptop schaut. Und am Ende gewendet, wenn die lesbische Liz dem Kollegen Avancen macht ("Blöd, dass du keine Frau ist"), damit hier Flücki sagen kann: "Nobody's perfect."