Bei der ARD-Berichterstattung von der Landtagswahl in Thüringen stand der verantwortliche MDR unter besonderer Beobachtung. Auch weil die Moderatorin Wiebke Binder vor zwei Monaten anlässlich der Wahl in Sachsen den dortigen AfD-Spitzenkandidaten nach einer "bürgerlichen" Koalition mit der CDU fragte.

"Der Mitteldeutsche Rundfunk kämpft gegen den Vorwurf, die Rechten zu verharmlosen", hieß es auch wegen Binders Wortwahl in der aktuellen Ausgabe des Spiegels. Wer den Lapsus als spezifisches Problem der "Ostanstalt" zu verstehen meint, wie der Text des Spiegel-Autors Anton Rainer nahelegt, macht es sich allerdings zu einfach.

Denn die Moderatorin Binder kommt aus Westdeutschland, genauso wie der MDR-Redaktionsleiter Jörg Wildermuth. Der findet im Spiegel-Text Erwähnung, weil er einen Chemnitzer Neonazi zur Premiere einer Doku, in der dieser Neonazi vorkommt, auf die Bühne bitten wollte. Frauke Petry – ein weiteres Beispiel aus dem Spiegel-Text – hat sich auch vor in Westdeutschland aufgestellten Mikrofonen verbreiten dürfen. Über das, was man angeblich nicht mehr sagen darf (um bei dieser Gelegenheit ausführlich davon zu reden), wollte nicht allein der MDR eine Sendung machen – die vom WDR verantwortete Maischberger-Show hat es getan.

Wenn also der MDR sich tatsächlich freundlicher, dämlicher, naiver oder was auch immer anstellt im Umgang mit einer Partei, deren Thüringer Spitzenkandidat offiziell als Faschist bezeichnet werden darf, allein weil er die "Ostanstalt" ist – dann würde man schon gern mal wissen, wie die Ossifizierung von Binder und Wildermuth genau vor sich gegangen sein soll.

Das Problem im Umgang mit einer rechtsradikalen bis rechtsextremen Partei betrifft einen Großteil des (westdeutsch dominierten) Journalismus. Insofern eignete sich der prekärste Moment des Abends in der ARD-Berichterstattung, das Interview mit dem AfD-Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland, vermutlich kaum zum Beweis einer spezifischen MDR-Dumpfheit.

Gauland kam mit dem nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg schon erprobten Spin um die Ecke, seine Partei als "bürgerliche Volkspartei" schönzureden. Um auf die Nachfrage zum Rechtsextremismus des vom Thüringer Faschisten angeführten "Flügels" in der Partei zu erwidern, sagte er, er lehne das Wort "rechtsextremer Flügel" ab, der Thüringer Spitzenkandidat spreche klar aus, was viele denken, "das hat mit rechtsextrem nichts zu tun".

Der MDR-Reporter ließ diese Äußerungen unhinterfragt passieren. Dabei hätte man an der Stelle, wenn nicht mit Ironie, so doch mit einer offenen Gegenfrage reagieren können: "Was heißt denn für Sie rechtsextrem?"

Und weil sich Gauland dann, wie in der Talkshow nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg, vermutlich in definitorische Amnesie geflüchtet hätte (Ich weiß nicht, was soll es bedeuten), wäre es eine weitere Möglichkeit gewesen, ihn an seine früheren Bücher zu erinnern – als er sich lang und breit über Begriffe des Politischen ausgelassen hat.

Thüringenwahl - Mike Mohring fordert Konsequenzen für die Bundes-CDU Thüringens CDU-Chef hat nach dem schlechten Resultat der CDU ein Umdenken in der Bundespartei gefordert. Das Ergebnis könne auch in “Berlin niemand abschütteln”, sagte er. © Foto: Michael Kappeler/dpa

Gauland war nämlich nicht immer so dumm, wie er heute tut. In seinem 1991 erschienenen Buch Was ist Konservatismus? besteht seine Britishness aus weit mehr als aus Dackelkrawatte und Ärmelschonern – nämlich aus einer Verteidigung eines nicht völkischen, nicht nationalistischen Konservatismus im Anschluss an Edmund Burke: "Die deutsche Neigung zu politischer Romantik, zur theoretischen Rekonstruktion einer Gesellschaft aus dem christlichen Mittelalter, zum 'Zu-Ende-Denken' der konservativen Impulse, waren der von Burke begründeten protestantisch-konservativen Tradition fremd und blieben es dem britischen Konservatismus bis in unsere Tage."

Das ist für eine Ein-Minuten-Schalte auf der Wahlparty im Stakkato der Statements natürlich zu viel verlangt. Weshalb man sich einerseits fragen könnte, ob Wahlsendungen und die nachfolgende kakofonische Anne-Will-Show mit sechs Gästen tatsächlich so kurzatmig ablaufen müssen, wie sie das tun (dass keine der Politikerinnen angesichts der ungewöhnlichen Mehrheitsverhältnisse sich vor einem Mikrofon um 18.21 Uhr zu einer Koalitionsaussage wird hinreißen lassen, ist wiederum auch verständlich).

Und man andererseits wissen könnte, dass es einfach nichts bringt, mit AfD-Politikern zu reden, weil die selbst dann ausweichen, wenn man sie mit ihren Worten konfrontiert. Was bei Lichte betrachtet absurd ist: Die Partei, die von sich behauptet, "Klartext" zu reden, tritt nach der ersten Gegenfrage die Flucht in semantischen Dadaismus an, in dem nichts in der Sprache irgendetwas bedeutet.

Muss man mit ihnen reden, wie an diesem Wahlabend, könnte der Journalismus sich mehr trauen, etwa direkter und deutlicher markieren, dass man sich nicht für blöd verkaufen lässt – eine Eigenschaft, die ihm auch im Gespräch mit den Vertretern anderer Parteien helfen würde.