Krieg der Streamer – Seite 1

Auf den meterhohen Werbeplakaten, die das Stadtbild von Hollywood prägen, konkurrierten früher Kinofilme und Fernsehsender um die Aufmerksamkeit der Autofahrer. Jetzt, Anfang November, preisen die alten und neuen Streamingdienste ihre neuesten Produkte an: Netflix seine Satire The Politician und hoch über dem Sunset Boulevard wirbt ein Sternenkrieger vor rot glühendem Sonnenuntergang für die neue Star-Wars-Serie The Mandalorian, die am 12. November auf Disney+ erscheint.

Oliver Schütte arbeitet seit 30 Jahren als Autor von Drehbüchern, Romanen und Sachbüchern. Er unterrichtet an Filmhochschulen und berät Autoren sowie Produktionsfirmen. Er lebt in Berlin und Kalifornien. Zuletzt erschien von ihm das Sachbuch "Die Netflix-Revolution: Wie Streaming unser Leben verändert". © Olivier Favre

Sieht man all diese Banner, versteht man, was Branchenexperten unter dem "Krieg der Streamingplattformen" oder dem "D-Day" verstehen. Denn nach dem eher unspektakulären Start von Apple TV+ am 1. November zieht nun das Traditionsunternehmen Disney nach. Der Streamingdienst Disney+ startet am 12. November in den USA, Kanada und den Niederlanden; in Deutschland soll er Mitte 2020 verfügbar sein.

Dem Start der neuen Plattform ging eine der erbittertsten Übernahmeschlachten der amerikanischen Entertainment-Industrie voran, die in manchen Momenten spannender war als die Filme der beteiligten Hollywoodstudios. Der Wettbewerb brach 2017 aus, als Bob Iger, Chef des börsennotierten Unternehmens Walt Disney, ankündigte, den Konkurrenten 20th Century Fox übernehmen zu wollen. Dem Fox-Konzern gehörte unter anderem ein Hollywoodstudio, das über die Rechte an Filmen wie Titanic, Avatar und Slumdog Millionär verfügt, und der Bezahlsender Sky. Robert Murdoch, der Besitzer des Konzerns, war bereit, sich von seinem Unternehmen zu trennen. Der Medienunternehmer, der mit Boulevardzeitungen erfolgreich geworden war, hatte erkannt, dass in der Branche nur derjenige eine Zukunft hat, der sich einen eigenen Vertriebskanal im Internet verschafft. Die damit verbundenen finanziellen Risiken wollte der heute 88-jährige Murdoch nicht mehr eingehen.

Es kam schließlich zu einem Bieterstreit zwischen Disney und der Comcast Corporation. Der größte Kabelnetzbetreiber in den USA war vor allem am europäischen Pay-TV-Anbieter Sky interessiert. Die Angebote schaukelten sich immer höher, bis Bob Iger im Juni 2018 sein Gebot auf 71,3 Milliarden US-Dollar erhöhte. Am 19. Juli 2018 stieg Comcast aus dem Rennen aus, Disney übernahm Fox und verkaufte den Pay-TV-Sender Sky an den Konkurrenten.

Dieser Schritt war der letzte einer schon vor Jahren begonnenen Expansion. Zwischen 2009 und 2012 hatte sich Disney bereits das Animationsstudio Pixar (Findet Nemo, Toy Story) und den Comic-Konzern Marvel Entertainment mit seinen mehr als 5.000 Figuren (Spiderman, X-Men) und Lucasfilm (Star Wars) einverleibt.

Die Ankäufe des Firmenchefs Bob Iger waren sehr geschickte Schachzüge, denn er hatte nicht nur alte Filme erworben, sondern ganze Storyworlds eingekauft, in denen sich unendlich viele Geschichten erzählen lassen. Und – für einen Streamingdienst besonders wichtig – auch Serien. Neben dem Star-Wars-Ableger The Mandalorian von Jon Favreau (König der Löwen) wird ab 2020 die Miniserie The Falcon and the Winter Soldier aus dem Marvel-Universum online gestellt. Bestätigt wurde außerdem eine Serie über die Rückkehr des Jedi-Meisters Obi Wan-Kenobi, verkörpert von Ewan McGregor und ein Spin-off des Star-Wars-Films Rogue One: A Star Wars Story.

Der Einstieg Disneys in die Streamingwelt markiert den Anfang einer Entwicklung, in der die klassischen Hollywoodstudios ihre eigenen Plattformen aufbauen. Disney, Warner und NBCUniversal betreten den Markt spät, andere branchenfremde Unternehmen haben sich schon einen kaum einholbaren Vorteil erkämpft. Netflix ist seit Jahren Marktführer und der Versandhändler Amazon gehört in diesem Bereich ebenso zur alten Garde.

Gegenüber diesen beiden Konkurrenten und auch dem neuen Anbieter AppleTV+ hat Disney aber einen wichtigen Vorteil: Der Konzern hat nur wenige Lizenzen seiner alten Filme an Fernsehsender vergeben. Daher kann Bob Iger nun die so genannte Disney Vault, die Schatzkammer des Unternehmens, öffnen und seinen Abonnentinnen und Abonnenten dauerhaft 400 Titel, darunter Klassiker wie Bambi und Das Dschungelbuch, zur Verfügung stellen. Dazu kommen erfolgreiche Filme aus den Studios, die Disney aufgekauft hat, wie etwa Fluch der Karibik, Avatar und die Star-Wars-Reihe. Das Unternehmen hat zudem angekündigt, die meisten seiner Filme und Serien von den anderen Streamingplattformen abzuziehen, zum Beispiel die beliebten Pixar-Animationsfilme Toy Story oder Findet Nemo. Nach Informationen der New York Times will Disney bereits im ersten Jahr zehn neue Filme und 25 neue Serien auf seiner Plattform veröffentlichen. 

Nur noch "Themenparks" in Zukunft?

Die Konkurrenz der Streamingdienste wird auf zwei Ebenen stattfinden. Wer die besten talents (wie die Amerikaner ihre Filmkünstler nennen) an sich binden kann, wird in der Gunst des Publikums einen Vorteil haben. Deshalb läuft in Hollywood schon seit Längerem das Rennen um die Großen des Geschäfts – so besetzte etwa AppleTV+ seine Serie The Morning Show prominent mit Jennifer Aniston.

Das zweite entscheidende Kriterium ist der Preis für das Abonnement. Disney befindet sich mit seinem Betrag von 6,99 US-Dollar pro Monat ziemlich genau in der Mitte zwischen Netflix (in den USA wurde der Basispreis im Januar von 8 auf 9 US-Dollar erhöht) und AppleTV+ mit seinem Schnäppchenpreis von 4,99 US-Dollar.

Es wird sich erst in den kommenden Jahren herausstellen, ob die klassischen Hollywoodstudios, die natürlich auch weiter Kinostoffe herausbringen, eine Chance auf dem Streamingmarkt haben werden. Zwar besitzen Netflix, Amazon und Apple keine Schatztruhe mit alten Filmen, aber sie konnten in der Vergangenheit wichtige Erfahrungen sammeln: Wie aus den Daten der Zuschauer Algorithmen programmiert werden können, die jedem sein eigenes Programm offerieren. Darüber hinaus stellen sich den klassischen Studios neben dieser technischen Unkenntnis gänzlich neue Herausforderungen, wenn es darum geht, das Portfolio einer Streamingplattform aufzubauen im Gegensatz zum bekannten Geschäft.

Disney hat durch die Strategie von Bob Iger vergleichsweise gute Karten, ob sie aber Netflix vom Thron stoßen können, ist fraglich. Der Konzern selbst ist zurückhaltend in seinen Prognosen und rechnet mit 60 bis 90 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten im Jahr 2025. Damit würde Disney weit hinter seinem Rivalen Netflix zurückliegen – vorausgesetzt, dieser kann seine Abozahlen halten.

Für Zuschauer und Filmemacher verändert sich indes sehr viel. Bisher waren die Welten von Kino und Fernsehen klar getrennt. Im amerikanischen TV liefen Serien und auf der Leinwand waren sowohl Spielfilme zu sehen, die  den Massengeschmack bedienten, als auch die vergleichsweise kleinen, anspruchsvollen Werke von Autorenfilmern. Für diese Werke ist in Zukunft im Kino kaum noch Platz. Sie werden jetzt immer häufiger für die Streamingplattform produziert und mit einem Schlag weltweit online gestellt. Einzig um sich wie etwa Alfonso Cuaróns Roma für den Oscar zu qualifizieren, zeigen die Streamingdienste sie für wenige Tage in ausgesuchten Kinos.

Die Leinwände sind inzwischen für Filme mit einem großen Budget und einer bereits eingeführten Marke reserviert. Der deutsche Regisseur Roland Emmerich beklagte zuletzt in der Süddeutschen Zeitung, im "mittleren Bereich" wolle fast niemand in Hollywood mehr investieren. "Billige Horrorfilme für fünf Millionen und Superheldenfilme für 300 Millionen sind kein Problem – aber 100 Millionen schon."

Er reihte sich damit ein in die Klagen der etablierten Regiekollegen. Im Oktober hatte Martin Scorsese für Aufregung gesorgt, als er in einem Interview sagte, Marvel-Produktionen seien für ihn keine Filme, sondern eher "Themenparks". Unterstützung bekam er von Francis Ford Coppola, der sich ebenfalls abfällig über die Blockbuster äußerte. Vergangene Woche präzisierte Scorsese seine Kritik in einem Artikel für die New York Times. Er und seine Kollegen des New Cinema der Sechziger und Siebzigerjahre verstünden Filmemachen als Kunstform. Heute kämen "perfekte Produkte" ins Kino, "hergestellt zum sofortigen Konsum". Er beobachte einen zunehmenden Mangel an Risikofreude, schreibt Scorsese, und eine "brutale und feindselige" Einstellung gegenüber der Kunst.

Filme wie Bird Box, Scorceses The Irishman oder auch Noah Baumbachs Marriage Story wären noch vor Jahren für das Kino gedreht worden. Heutzutage erscheinen sie auf Netflix und erreichen damit mehr als 160 Millionen Abonnenten. Fraglich ist, ob diese Entwicklung langfristig dazu führt, dass Qualitätsproduktionen nur noch auf Streamingplattformen stattfinden. Oder ob das Gegenteil der Fall sein wird: dass auch dort bald nur noch "Themenparks" zu finden sind.