Die Konkurrenz der Streamingdienste wird auf zwei Ebenen stattfinden. Wer die besten talents (wie die Amerikaner ihre Filmkünstler nennen) an sich binden kann, wird in der Gunst des Publikums einen Vorteil haben. Deshalb läuft in Hollywood schon seit Längerem das Rennen um die Großen des Geschäfts – so besetzte etwa AppleTV+ seine Serie The Morning Show prominent mit Jennifer Aniston.

Das zweite entscheidende Kriterium ist der Preis für das Abonnement. Disney befindet sich mit seinem Betrag von 6,99 US-Dollar pro Monat ziemlich genau in der Mitte zwischen Netflix (in den USA wurde der Basispreis im Januar von 8 auf 9 US-Dollar erhöht) und AppleTV+ mit seinem Schnäppchenpreis von 4,99 US-Dollar.

Es wird sich erst in den kommenden Jahren herausstellen, ob die klassischen Hollywoodstudios, die natürlich auch weiter Kinostoffe herausbringen, eine Chance auf dem Streamingmarkt haben werden. Zwar besitzen Netflix, Amazon und Apple keine Schatztruhe mit alten Filmen, aber sie konnten in der Vergangenheit wichtige Erfahrungen sammeln: Wie aus den Daten der Zuschauer Algorithmen programmiert werden können, die jedem sein eigenes Programm offerieren. Darüber hinaus stellen sich den klassischen Studios neben dieser technischen Unkenntnis gänzlich neue Herausforderungen, wenn es darum geht, das Portfolio einer Streamingplattform aufzubauen im Gegensatz zum bekannten Geschäft.

Disney hat durch die Strategie von Bob Iger vergleichsweise gute Karten, ob sie aber Netflix vom Thron stoßen können, ist fraglich. Der Konzern selbst ist zurückhaltend in seinen Prognosen und rechnet mit 60 bis 90 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten im Jahr 2025. Damit würde Disney weit hinter seinem Rivalen Netflix zurückliegen – vorausgesetzt, dieser kann seine Abozahlen halten.

Für Zuschauer und Filmemacher verändert sich indes sehr viel. Bisher waren die Welten von Kino und Fernsehen klar getrennt. Im amerikanischen TV liefen Serien und auf der Leinwand waren sowohl Spielfilme zu sehen, die  den Massengeschmack bedienten, als auch die vergleichsweise kleinen, anspruchsvollen Werke von Autorenfilmern. Für diese Werke ist in Zukunft im Kino kaum noch Platz. Sie werden jetzt immer häufiger für die Streamingplattform produziert und mit einem Schlag weltweit online gestellt. Einzig um sich wie etwa Alfonso Cuaróns Roma für den Oscar zu qualifizieren, zeigen die Streamingdienste sie für wenige Tage in ausgesuchten Kinos.

Die Leinwände sind inzwischen für Filme mit einem großen Budget und einer bereits eingeführten Marke reserviert. Der deutsche Regisseur Roland Emmerich beklagte zuletzt in der Süddeutschen Zeitung, im "mittleren Bereich" wolle fast niemand in Hollywood mehr investieren. "Billige Horrorfilme für fünf Millionen und Superheldenfilme für 300 Millionen sind kein Problem – aber 100 Millionen schon."

Er reihte sich damit ein in die Klagen der etablierten Regiekollegen. Im Oktober hatte Martin Scorsese für Aufregung gesorgt, als er in einem Interview sagte, Marvel-Produktionen seien für ihn keine Filme, sondern eher "Themenparks". Unterstützung bekam er von Francis Ford Coppola, der sich ebenfalls abfällig über die Blockbuster äußerte. Vergangene Woche präzisierte Scorsese seine Kritik in einem Artikel für die New York Times. Er und seine Kollegen des New Cinema der Sechziger und Siebzigerjahre verstünden Filmemachen als Kunstform. Heute kämen "perfekte Produkte" ins Kino, "hergestellt zum sofortigen Konsum". Er beobachte einen zunehmenden Mangel an Risikofreude, schreibt Scorsese, und eine "brutale und feindselige" Einstellung gegenüber der Kunst.

Filme wie Bird Box, Scorceses The Irishman oder auch Noah Baumbachs Marriage Story wären noch vor Jahren für das Kino gedreht worden. Heutzutage erscheinen sie auf Netflix und erreichen damit mehr als 160 Millionen Abonnenten. Fraglich ist, ob diese Entwicklung langfristig dazu führt, dass Qualitätsproduktionen nur noch auf Streamingplattformen stattfinden. Oder ob das Gegenteil der Fall sein wird: dass auch dort bald nur noch "Themenparks" zu finden sind.