Eine gewisse kognitive Dissonanz muss es natürlich auslösen, Heidi Klum in ihrer neuen Show Queen of Drags zu sehen. Die Sendung ist eine deutsche Adaption des US-amerikanischen Hitformats RuPaul's Drag Race, das bisher für 23 Emmy-Awards nominiert und neunmal ausgezeichnet wurde. Drag Race wiederum war immer als Parodie von Castingshows wie Germany's Next Topmodel angelegt, im besten Sinne noch als Hommage. In dieser Mischung aus heiligem Ernst und Persiflage, den auch die Fans der Show an den Tag legen, liegt der Erfolg des amerikanischen Originals begründet. Und diese Mischung hat, bei aller Kritik, die man an dieses Format richten kann, seinen Erfolg doch auch etwas leichter erträglich gemacht. Um zu ermessen, was Heidi Klums Show für ein deutsches Fernsehpublikum bedeuten könnte, hilft ein Blick darauf, was RuPauls Show für die Akzeptanz der Dragcommunity in den USA erreicht hat.

In RuPaul's Drag Race treten 15 (ursprünglich waren es neun) Dragqueens in großen und kleinen "Challenges" gegeneinander an. Sie schneidern sich ihre Kostüme selbst, studieren Choreographien ein und tragen das Ganze einer Jury vor. Am Ende jeder Folge messen sich zwei der Queens im "Lipsync for your Life" (Playback um dein Leben). Das Wettbewerbsprozedere wird begleitet von viel Humor und den formattypischen inszenierten Querelen. RuPaul, der selbst eine Dragqueen ist, gibt dabei einerseits den weisen Mentor und andererseits die divenhafte Moderatorin, die sich in ihren Urteilen auch gern mal über die Juroren hinwegsetzt.

Die "RuGirls", wie die Stars der mittlerweile zwölf Staffeln und vielen Ableger der Sendung genannt werden, haben die US-amerikanische Dragszene aufgemischt. Selbst der kleinste Dragabend kann zum ausverkauften Happening werden, wenn ein RuGirl seinen Besuch angekündigt hat. Sie haben dank der Show eine große Sichtbarkeit in der Community erreicht und noch dazu die Sichtbarkeit der gesamten Community verstärkt. Mittlerweile treten die ersten Dragqueens auf, deren Initiation in dieser Kultur vollständig über Drag Race verlief. Unterhält man sich beispielsweise mit Studierenden, entsteht der Eindruck, dass Drag heute eine breitere Akzeptanz und Beliebtheit unter jungen Menschen genießt als noch vor zehn Jahren, egal ob sie nun homo- oder heterosexuell, cis oder trans sind.

Auch die amerikanische LGBT-Community, die der Dragkultur nicht immer positiv gegenüberstand, hat mit dem Szeneboom ihren Frieden geschlossen: Im Castro District in San Francisco wird in fast allen Bars jede Folge im Kollektiv angeschaut, präsentiert von lokalen Dragstars, selbst die der neuen britischen Version und demnächst der australischen. Wie Trixie Mattel, Gewinnerin der dritten Staffel von Drag Race All Stars, der BBC sagte, hat sich die Serie in zehn Jahren "von schwarz-weiß auf IMAX" vergrößert – und die Szene gleich mit.

Mehr als die Hälfte des Publikums sei weiblich, schätzen Medien. Gerade Mädchen im Teenageralter scheinen die Show zu mögen. Klar, es geht schließlich um Schminke und Kostüme. Aber diese junge Zielgruppe ist eben auch gerade damit beschäftigt, die gesellschaftlichen Scripts von Weiblichkeit zu erlernen – möglicherweise gefällt ihr, dass RuPaul's Drag Race die performativen Aspekte von Gender betont und unterwandert. Die Theoretikerin Judith Butler hat darauf verwiesen, dass das Spiel mit Geschlechterpräsentation im Drag beleuchten kann, wie das weitaus größere Spiel, das wir Gender nennen, abläuft. Sie hat auch ein gewisses Bedauern geäußert, die zwei überhaupt in Bezug zueinander gesetzt zu haben. Aber warum sollten sich junge Menschen die soziale Konstitution von Genderkategorien nicht über Praktiken wie Drag plausibel machen?

Dass solche Überlegungen mittlerweile breite Teile der Gesellschaft erreicht haben, kommt einer Praxis wie Drag natürlich entgegen. Aber es schafft auch neue Probleme. Drag Race wurde scharf dafür kritisiert, dass Transfrauen lange außen vor blieben und dass die Sendung mit ihnen, so sie denn auftraten, nicht wirklich sensibel umging. Die Show bemüht sich mittlerweile ganz energisch um Inklusion – aber es fällt doch auf, dass sie in vielen identitätspolitischen Fragen den Amateuren, die in den Bars von Los Angeles und Houston ihre Show abziehen, weit hinterherhinkt. Drag Race kommt, anders als die meisten Reality-Formate, aus einer aktiven, quirligen Subkultur, die seit jeher bereitwillig reflektiert, was sie da eigentlich macht. Welche Begriffe von Geschlecht und Gender sie voraussetzt, wie sie mit ihnen spielt, ob die Praxis misogyn ist: Darüber kann manche Dragqueen fachkundiger Auskunft geben als viele Gendertheoretiker. In einer werbekompatiblen Fernsehhochglanzproduktion ist all das allerdings nicht verhandelbar.