Der ukrainische Regisseur und Schriftsteller Oleh Senzow hat im EU-Parlament in Straßburg ein Jahr nach seiner eigentlichen Auszeichnung den Sacharow-Preis für geistige Freiheit 2018 entgegengenommen. Als er ausgezeichnet wurde, war er in Russland inhaftiert. Bei der Annahme des Preises warnte Senzow am Dienstag die europäischen Abgeordneten, sich vor den Äußerungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Acht zu nehmen. "Ich traue Herrn Putin nicht und ich rufe Sie auf, ihm ebenfalls nicht zu trauen", sagte Senzow, der im September aus einem russischen Gefängnis entlassen worden war.

Der 43-jährige Senzow sagte in seiner Rede, dass alle, die Russland die Hand reichen wollten, an die Hunderten Toten in der Ukraine denken sollten und an die Kinder, die dort jetzt in Uniformen kämpften. Russland wolle keinen Frieden für die Ukraine, sondern das Land auf den Knien sehen und Einfluss auf die Geopolitik Europas nehmen. "Das lassen wir nicht zu – wir kämpfen für unsere Freiheit bis zum Ende", sagte Senzow.

Die Krim könne erst zu seinem Heimatland zurückkehren, wenn der russische Präsident Wladimir Putin nicht mehr an der Macht sei, sagte der Regisseur. "Erst dann ist ein Prozess möglich, der zu einer Rückkehr der Krim und des Donbass führt. Und das nur unter dem Druck der Weltgemeinschaft", sagte Senzow der Deutschen Presse-Agentur in Straßburg. "Mit Putin macht es keinen Sinn, darüber zu reden."

Es sei eine Ehre, Senzow heute begrüßen zu dürfen, sagte EU-Parlamentspräsident David Sassoli. Der Regisseur war nach fünf Jahren in russischer Haft als Teil eines Gefangenenaustauschs zwischen Moskau und Kiew freigekommen. Senzow war der wohl bekannteste politische Gefangene aus der Ukraine. Der Künstler wurde 2015 trotz internationaler Proteste wegen Terrorismusvorwürfen zu 20 Jahren Lagerhaft in Russland verurteilt. Er hatte gegen die Annexion der Krim protestiert.

"Überzeugungen treu geblieben"

"Mut ist keine Qualität des Körpers, sondern des Geistes; und Oleh Senzow ist seinen Prinzipien und Überzeugungen treu geblieben", sagte Sassoli. Er kritisierte, dass "Verteidiger der Freiheit", die bei Menschenrechtsverletzungen nicht schweigen, um ihr Leben fürchten müssten.

Dass der ukrainische Regisseur den Sacharow-Preis doch noch persönlich in Empfang nehmen könne, sei ein wichtiges Signal an seine Mitstreiter, sagte der EU-Abgeordnete Michael Gahler (CDU). "Oleh Senzow hat mit seinen friedlichen Protesten den Ukrainern auf der russisch besetzten Krim und den politischen ukrainischen Häftlingen in russischen Gefängnissen eine Stimme verliehen", so der Abgeordnete.

Im Dezember findet die Auszeichnung des diesjährigen Sacharow-Preisträgers Ilham Tohti (50) statt. Der chinesische Regimekritiker engagiert sich für die Rechte der muslimischen Minderheit der Uiguren in China. Da er inhaftiert ist, wird er den Preis wohl nicht persönlich entgegennehmen können.

Der Sacharow-Preis ist der wichtigste Menschenrechtspreis Europas und ist nach dem sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow (1921-1989) benannt. Er wurde 1988 gegründet, um Einzelpersonen oder Gruppen zu ehren, die Menschenrechte und Grundfreiheiten verteidigen.