Der erste Song, den wir in der moralisch komplizierten Krimi-Kapriole Hustlers hören, handelt von Kontrolle. Es ist der Anfang von Janet Jacksons Control und erklingt in einem New Yorker Strip Club. Dabei ist nicht klar, wer hier tatsächlich die Kontrolle hat. Die männlichen Kunden, die es Dollarscheine regnen lassen? Oder die Stripperinnen, die sich darin rekeln?

Zumindest eine von ihnen scheint ihre Wirkung, die sie auf Männer hat, gründlich auszunutzen. Jennifer Lopez spielt die Stripperin Ramona – und wenn sie auf der neonbeleuchteten Bühne des Strip Clubs zum ersten Mal auftritt, in hohen Hacken und einem String-Body aus funkelnden Strasssteinen, ertönt im Hintergrund die Melodie von Fiona Apples Criminal: "I’ve been a bad, bad girl", dröhnt es im Hintergrund, "I’ve been careless with a delicate man." Ramona legt dann an der Stange einen Pole Dance von solch exquisiter Anmut und Erotik hin, dass die Männer um sie herum völlig ausrasten. Wie eine strahlende Sirene schwebt sie an der Stange, bevor sie auf den Boden rutscht und ihre Beine zu einem Spagat spreizt. Sie ist eine Frau, die vollständige Kontrolle über ihren Körper hat, eine makellos erhaltene Göttin, auf die Männer scheinbar die Hälfte ihres Vermögens werfen. Sie badet in einem Meer von Dollarscheinen, geht dann von der Bühne und schnurrt einer anderen Tänzerin zu: "Macht dich Geld nicht auch geil?"

Diesen rauschenden Moment glamouröser Illusion verschafft die Regisseurin Lorene Scafaria (Mit den besten Absichten) ihren Figuren immer wieder. Für diese erste Szene soll die fünfzigjährige Lopez monatelang trainiert haben – es wurde die denkwürdigste des Films. Ein Vierteljahrhundert nach dem katastrophalen Stripper-Film Showgirls zeigt sie eine Arbeit, die oft als erniedrigend abgetan wird, in einem erhabenen Licht. Den männlichen Blick kontrollieren hier die Frauen – und wissen ihn zu nutzen.

Der Film, ein farbenfroher Pop-Exzess, entspricht dann leider nicht ganz der Kühnheit dessen, was Jennifer Lopez da auf der Bühne macht. Ihre Ramona ist eine mächtige, mutige, ruchlose Persönlichkeit, die jedoch in einer risikoscheuen, versöhnlichen Geschichte lebt. Immerhin: Langweilig wird es fast nie.

Hustlers basiert auf einer Recherche der Journalistin Jessica Pressler für das New York Magazine und handelt von einer Gruppe New Yorker Stripperinnen, die auf die Finanzkrise 2008 damit reagierten, dass sie die Jordan Belforts der Wall Street unter Drogen setzten und abzockten. Man könnte sagen: Es ist eine Geschichte über ein Rudel Wölfinnen, die genauso sündig sind wie die Wölfe der Wall Street.

Sie beginnt im Jahr 2007 in dem erwähnten Strip Club, wo Destiny (Constance Wu), die Tochter von Einwanderern, sich an den Lenden geiler Geschäftsmänner reibt. Sie ist die Neue im Club, und hat den Job angenommen, um sich und ihre verarmte Großmutter (Wai Ching Ho) zu versorgen. Mit Ponyfrisur und Kreolen wechselt sie in ihrem Ausdruck zwar mühelos zwischen Unschuldslamm und Femme fatale, tut sich aber anfangs dennoch schwer, von ihren erfahreneren Kolleginnen ernst genommen zu werden. Da trifft sie auf dem Dach des Clubs Ramona, eingehüllt in einen üppigen Pelzmantel. "Komm schon, kletter in mein Fell", sagt die zu ihr, zieht sie an sich und schützt sie vor der kalten Nachtluft. Im Laufe des Films wird Ramona Destinys Freundin, ihre Feindin und Mentorin. Manchmal ist sie all diese Dinge zugleich. 

Für Frauen wie Ramona ist Geld der Weg zur Freiheit in einer Welt, die von Männern dominiert wird, die sie im Stich gelassen haben. In dem Magazinartikel, der um einiges rauer ist als der Film, hat die Autorin Jessica Pressler es so wiedergegeben: "Es hat etwas besonders Befriedigendes, einen Mann, der denkt, dass Sie Müll sind, davon zu überzeugen, seine Zeit und sein Geld für Sie auszugeben. Am liebsten so viel, dass er sich am Ende dafür selbst hasst."

Die Dinge laufen zunächst gut im Strip Club. Die Frauen, zu der die Rapperin Cardi B, die Sängerin Lizzo und die Darstellerinnen Trace Lysette, Keke Palmer und später Lili Reinhart und Madeline Brewer gehören, verdienen "mehr als ein Gehirnchirurg" und Kameramann Todd Banhazl nähert sich ihren Performances eher mit einer künstlerischen als mit einer voyeuristischen Linse. Sie wirbeln lässig herum, fliegen und drehen sich und führen schwierige Bewegungen mit einer beneidenswerten Leichtigkeit vor, während Destiny – und die Zuschauerinnen – mit aufgerissenen Augen zusehen. Wenn Scafaria all dies mit eine ätherische Chopin-Etüde hinterlegt, unterstreicht sie auf seelenvolle Weise die vogelartige Schönheit dieser Bewegungen.