Es ist ja so ein Phänomen mit richtig guten Dokumentarfilmen: Da vergehen gerade einmal anderthalb, zwei, vielleicht zweieinhalb Stunden, und nichts ist mehr wie zuvor. Sie schaffen es, dass eine Welt, die einem vorher nicht nur völlig unbekannt war, sondern einen womöglich nicht einmal besonders interessierte, mit einem Mal zutiefst fasziniert.  Die dokumentarische Kamera schenkt uns Vertrauen und lockt gleichzeitig mit Geheimnissen, die ganz dringend entdeckt werden wollen. Land des Honigs ist ein solcher Dokumentarfilm.

Die Macher Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov wurden mit Preisen überhäuft, in Sundance und in Athen, bei den Critics' Choice Documentary Awards und in São Paulo. Weil sie für uns die Lebenswelt und Arbeitsweise einer Imkerin in den Bergen von Nordmazedonien entdecken. Im Zentrum der filmischen Erzählung steht die Beziehung zur Natur und speziell zu den Bienen. "Die Hälfte für mich, die Hälfte für euch!", sagt Hatidze, die Imkerin, immer, wenn sie Waben aus dem Bienenstock erntet.

Wie jeder wirklich gute Dokumentarfilm ist Land des Honigs darüber hinaus auch zur Allegorie fähig: Fast wie nebenbei, aber so exakt wie in einem durchkomponierten Spielfilm, treten Szenen hervor, die aktuelle gesellschaftspolitische Fragen eindrücklicher stellen als jeder noch so pointierte Leitartikel: Wie lässt sich das Gleichgewicht in der Lebensmittelproduktion bewahren, wie betreibt man nachhaltige Landwirtschaft? Wie geht man mit pflegebedürftigen Familienangehörigen um? Und wird vielleicht alles leichter, wenn man dabei singt? In Land des Honigs geht es um Natur, Kommunikation, um Austausch, Gleichgewicht und die Würde der Arbeit. Und natürlich um eine sehr starke Persönlichkeit.

Hatidze, die Imkerin im Zentrum des Films, ist eine Frau Mitte Fünfzig, die zusammen mit ihrer betagten Mutter in einfachsten Verhältnissen lebt – und, wie die Regisseurin und der Regisseur bei einem Gespräch im New Yorker Lincoln Center zu Recht bemerkten, "ein geborener Filmstar" ist. Ihre abgeschiedene Arbeit verrichtet sie oft singend; wenn sie den Honig schließlich auf dem Markt in der Hauptstadt Skopje verkauft, genießt sie sichtlich die Gespräche mit Händlern und Kunden.

Als eine Familie mit sieben Kindern und einem Wohnwagen gleich neben Hatidzes Haus zieht, türkischsprachig wie sie, freut sich Hatidze deshalb zunächst sehr über den neuen Kontakt. Doch als auch die Nachbarn beginnen, Honig anzubauen und dabei weniger umsichtig mit den Ressourcen umgehen als sie, gerät ihre Lebenswelt in Gefahr. Die ruhige, in beinahe traumhaften Bildern schwelgende Beobachtung entwickelt die Spannung eines Krimis. 

Der dokumentarische Blick bezieht seine Stärke aus seiner Zwischenposition: Ein Dokumentarfilm ist weder journalistische Reportage, noch fiktionaler Spielfilm, er ist narrativ geformt, aber aus echtem Material. Kondensierte Wirklichkeit. Für Land des Honigs ist diese Zwischenposition besonders entscheidend. Der Film treibt sehr weit in Richtung narrativer Dramaturgie. Das bringt perfekt komponierte, teils überwältigend schöne Bilder hervor, Lichtspiele, die es mit großen Gemälden und großer Fotokunst aufnehmen können. Gleichzeitig bietet der Film eine Erzählung, die spannend ist wie ein Krimi, mit dramatischen Wendungen, die einer Novelle würdig wären, wenn nicht gar einer Tragödie.