Es gibt nicht viel zu feiern an diesem 60. Geburtstag. Lara steht vor den Scherben eines Lebens, das sie an ihrem Traum vorbeigelebt hat. Sie ist geschieden und frühpensioniert, hat keine Freunde und der Kontakt zu ihrem erwachsenen Sohn, einem erfolgreichen Pianisten, ist abgebrochen. An diesem Abend feiert er eine wichtige Premiere, die Uraufführung seiner eigenen Komposition. Lara ist nicht eingeladen. So stellt sie sich an diesem Morgen erst mal einen Stuhl vors Fenster und schickt sich an, aus dem oberen Stock zu springen.

Das ist ein harter Anfang für den lang erwarteten zweiten Film von Jan-Ole Gerster, sieben Jahre nach seinem Überraschungserfolg Oh Boy: "Ja, das ist eine lange Zeit", räumt der Regisseur ein. "Ich war aber auch ein bisschen erschlagen. Dass ein Schwarz-Weiß-Abschlussfilm, Low Budget, über einen jungen Mann, der eine Tasse Kaffee trinken will und ansonsten relativ passiv ist, so ein Erfolg wird, damit konnte nun wirklich niemand rechnen. Ich war fast zwei Jahre mit diesem Film in der ganzen Welt unterwegs. Mich wieder zu sortieren und zu orientieren, hat danach ein bisschen Zeit in Anspruch genommen." 

Zur Unterstützung für diesen neuen Film hat er sich Blaž Kutin als Co-Autor genommen, der wiederum ein mit vielen Preisen ausgezeichnetes, aber unverfilmtes Drehbuch in der Schublade liegen hatte über eine Frau, die beträchtlich älter ist als die beiden  Männer Kutin und Gerster: "Ich war selbst überrascht, wie sehr mich dieses Drehbuch bewegt", sagt Gerster. "Das wollte ich ergründen. Irgendetwas verbindet mich mit dieser Frau, in all ihrer Niedertracht und manipulativen Energie bewegt und berührt sie mich."  

Es kommt dann natürlich anders an diesem Morgen in Lara, so wie vieles im Laufe dieses Tages anders kommen wird. Es klingelt an Laras Tür, davor stehen zwei Polizisten, die eine Zeugin brauchen für eine Wohnungsdurchsuchung beim Nachbarn und dessen mutmaßlich kriminellen Sohn. Danach geht sie in einem strengen Kostüm und einem roten Mantel aus dem Haus, lässt sich in der Bank ihre gesamten Ersparnisse auszahlen, kauft an der Kasse des Konzerthauses die letzten Karten für das fast ausverkaufte Konzert ihres Sohnes, wählt ein teures Cocktailkleid aus, besucht die alten Kollegen in der Verwaltungsbehörde, wird bei ihrem früheren Musikprofessor vorstellig.

Ähnlich wie der junge Mann in Oh Boy lässt sich nun auch diese ältere Frau durch einen Tag treiben, in dem sich ihr ganzes Leben verdichtet. Ein sonderbarer Zufall, über den Gerster sagt: "Ich habe kurz nachgedacht, ob es mich stört, bin aber relativ schnell zu dem Schluss gekommen, dass das jetzt einfach so ist, dass zwei Filme an einem Tag spielen. Ich werde ja hoffentlich noch viele Filme drehen. Und schließlich sind es ja auch eine komplett andere Figur, Welt, Atmosphäre und Tonalität."

Hier eine kleine Bemerkung, dort ein missbilligender Blick: Lara braucht nicht viel, um Welten zum Einsturz zu bringen. Sie ist eine Frau, die es niemandem leicht macht, am allerwenigsten wohl ihrer Darstellerin. Für Jan-Ole Gerster kam dafür nur eine einzige Schauspielerin infrage, glücklicherweise sagte Corinna Harfouch zügig zu. "Sie macht sich für solche Figuren stark und den verletzten Menschen dahinter sichtbar, dessen Schmerz und Verzweiflung. Das gelingt ihr auch diesmal, sonst würde man einem Menschen, der so niederträchtig wirkt, ja auch nicht zuschauen wollen."