Es gibt Liebesbriefe, die brechen einem das Herz, selbst wenn man gar nicht der Adressat oder die Adressatin ist. Der Sänger, Dichter, Schriftsteller Leonard Cohen hat einen solchen geschrieben vor drei Jahren und ihn per E-Mail von Los Angeles aus an Jan Christian Mollestad geschickt, einem engen Freund der Frau, mit der Cohen in den Sechzigerjahren zusammen war. Mollestad hatte Cohen zuvor aus dem fernen Oslo benachrichtigt, dass Marianne Ihlen dort im Sterben liegt. Cohen, der ebenfalls schwerkrank war, hatte gleich geantwortet mit ein paar Zeilen. Mollestad las Ihlen dann die Abschiedsworte Cohens vor, sie hat sie noch bei vollem Bewusstsein gehört. Zwei Tage später, am 28. Juli 2016, ist sie im Alter von 81 Jahren gestorben.

David Remnick, der Chefredakteur des New Yorker, hat den Liebesbrief in einem ergreifenden Porträt Cohens zitiert, das Mitte Oktober 2016 in dem Magazin erschienen ist. Unter anderem von dort machten Cohens Worte an Ihlen die Runde auf Social Media, sehr viele Menschen fühlten sich berührt. Cohen starb wenige Wochen später, am 6. November 2016. Er wurde 82 Jahre alt.

"Nun, Marianne, jetzt ist es so weit, dass wir wirklich so alt sind und unsere Körper auseinanderfallen, und ich glaube, dass ich dir bald folgen werde. Sei gewiss, ich bin so nah hinter dir, dass deine Hand, wenn du sie ausstreckst, die meine fassen kann. Du weißt, dass ich stets deine Schönheit geliebt habe und deine Weisheit, doch darüber muss ich gar nichts mehr sagen, denn das weißt du alles. Nun wünsche ich dir eine gute Reise. Auf Wiedersehen, alte Freundin. Endlose Liebe, wir sehen uns am Ende der Straße."

Die Sache ist nun die, dass das gar nicht der Wortlaut von Cohens Botschaft an Ihlen war. Mollestad hat ihn während eines Rundfunkinterviews aus der Erinnerung paraphrasiert, das Radiogespräch ist transkribiert worden, und so verbreitete sich eine verfälschte Version des Briefes. Das weiß man mittlerweile, weil Cohens Erben die richtige Version für ein Buch freigegeben haben.

Die Variante, die Mollestad Marianne Ihlen vorgetragen hat, als sie auf ihrem Sterbebett lag, hört man jetzt aus Mollestads Mund in dem Dokumentarfilm Marianne & Leonard: Words of Love des Briten Nick Broomfield. Der Moment ist nämlich gefilmt worden. Und eine der vielen Fragen, die man an diesen Kinofilm haben kann, ist nun, ob man diesen Moment wirklich sehen möchte. Oder ob diese Doku eine offenbar große, aber komplizierte Liebe mit den Bildern banalisiert. Hinzukommt leider, dass der Film an anderen Stellen mit merkwürdigen Klischees hantiert.

Ein privater Umstand gibt Marianne & Leonard eine besondere Perspektive. Der hochdekorierte 71-jährige Dokumentarfilmer Broomfield (Kurt and Courtney, Battle for Haditha) verrät im Laufe des Filmes, dass er selbst mit Ihlen zusammen war, ein Jahr lang etwa, Mitte der Sechziger, während Ihlen auch mit Cohen liiert war. Leonard Cohen war schon da im Leben von Marianne Ihlen ein körperlich zumeist Abwesender, aber offenbar geistig und emotional sehr wohl Anwesender. Es gab in Cohens Leben viele andere Frauen über die Jahre, nicht nur hintereinander, auch gleichzeitig. Er ließ jedoch immer mal wieder von sich hören, per Telegramm etwa, mitunter schickte er Ihlen auch Geld. Hier zeigt sich schon das Komplizierte an dieser Liebe, die auch von der Zeit erzählt, in der sie begonnen hat, und von einem bestimmten Ort.

Cohen und Ihlen haben sich im Jahr 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennengelernt. Ihlen lebte bereits dort, als der Kanadier Cohen von London aus hinreiste und sich bald entschloss, eine Weile zu bleiben. Hydra war klein, billig, idyllisch, zugleich aus der Zeit gefallen und ganz vorne mit dabei: Eine kleine Expat-Gemeinde von Künstlern hatte sich dort versammelt, man soff, nahm haufenweise Drogen und schlief miteinander. Es waren die Sechziger. Eine kleine Erbschaft von seiner Großmutter erlaubte es dem Mittzwanziger Cohen, auf Hydra ein Häuschen zu kaufen. Das Geld würde nicht ewig reichen, Cohen war Schriftsteller, er schrieb auf Acid und Speed wie ein Wahnsinniger, aber damit ließ sich auf Dauer nicht genügend verdienen. Auch deshalb fing er mit dem Singen an.

Ihlens Schilderung der ersten Begegnung mit Cohen hört man mit ihren Worten im Film. Es war eine zutiefst romantische, leicht kitschige Szene: Ihlen war mit ihrem kleinen Sohn Axel, dessen Vater der Schriftsteller Axel Jansen war, in einem Laden beim Einkaufen, als da plötzlich eine Gestalt in der Tür stand, von hinten von der Sonne beschienen. Der Fremde fragte, ob sie sich nicht zu ihm und seinen Leuten draußen setzen wolle. Ihlen wollte und ging mit Cohen.

Marianne & Leonard besteht aus manch alten und neuen Bildern von Hydra, einigen Interviewpassagen mit Zeitzeugen und sehr viel Archivmaterial, das vor allem Cohen zeigt. Aus dem ist nun einmal ein berühmter, häufig gefilmter Künstler geworden, es gibt viel von ihm zu sehen und hören. Marianne Ihlen übte, als sie auf Hydra lebte, keinen Beruf aus. Aus den alten Originaltönen von ihr im Film hört man Bedauern darüber heraus, dass sie wohl auch keine Berufung gefunden hat. In der Zeit mit Cohen auf Hydra war sie vor allem die Frau, die für ihn sorgte. Später wurde sie eine stetig länger auf ihn Wartende, Cohen begann zu reisen und blieb immer länger fort. Sie ist ihm auch hinterhergeflogen irgendwann, nach New York, wo er Ende der Sechzigerjahre einen neuen Zirkel von Künstlerfreunden und Sexpartnerinnen gefunden hatte. Cohen hielt Ihlen aus diesen Kreisen fern.