Es ist immer wieder empörend, aus welch geringen Gründen Menschen diskriminiert werden! Zum Beispiel, weil sie weiblich, weiß und heterosexuell sind. "Das ist doch gemein!" So beklagt sich jedenfalls die Moderatorin und Motivationstrainerin Heidi Klum über diesbezüglich erlittene Unbill, und zwar in der ersten Folge ihrer neuen Show Queen of Drags, die am heutigen Donnerstag bei ProSieben ausgestrahlt wird. Darin treten zehn in und um Deutschland herum lebende Dragqueens in einer Dragvilla in Los Angeles in einem Dragwettbewerb gegeneinander an; sie posieren mit toller Schminke und in spektakulären Kostümen und versuchen, bei kurzen Play-back-Auftritten mit exaltiertem Geräkel und verrückten Tanzschritten eine Jury von ihrem Showtalent zu überzeugen. In jeder Folge wird eine Kandidatin aus dem Feld herausgewählt, bis schließlich die Queen of Drags gekürt werden kann.

Heidi Klum wirkt als Gastgeberin und Jurorin, und als das Konzept der Serie im Sommer annonciert wurde, erhob sich darüber aus der Dragqueen-Gemeinschaft des Landes allgemeines Unverständnis und scharfe Kritik: Wie könne es sein, dass ein solches Format ausgerechnet einer biestigen Hetero-Castingshow-Tante überantwortet wird, die als Herbergsmutter der Germany’s Next Top Model-Show vor allem durch erniedrigende Kommentare brilliert und dadurch, dass sie die ihr ausgesetzten Kandidatinnen in maximal unbarmherziger Weise für den sexistisch-lüsternen Blick eines Mainstreampublikums zuzurichten versucht?

Heidi Klum – so erfahren wir aus der ersten Folge der Show – ist angesichts dieser Zurückweisung immer noch traurig und zornig. Sie will doch nur das Beste für ihre Schützlinge: Emanzipation, Gleichberechtigung, Empowerment. Da tut es ihr gut, dass die zehn in der Dragvilla nunmehr um sie herum versammelten Dragqueens ihr gegenüber Solidarität und Verständnis bekunden; sie finden, dass diese Art der Kritik ein "Armutszeugnis für die Dragqueen-Community" darstellt. Denn ging es dieser nicht immer darum, "inkludierend" zu wirken? Und darum, dass das eigene Spiel mit der sexuellen Abweichung und Maskerade von der Mehrheitsgesellschaft nicht nur als "normal" akzeptiert wird, sondern als vorbildliches Symbol dafür, dass es für jeden Menschen mehr Möglichkeiten gibt, sein sexuelles und sonstiges Dasein zu gestalten, als es ihm in der Ödnis des Alltags und der Gefangenheit in Herkunft und Tradition schwant? "Euer Leben kann geiler sein, als es bisher ist!" So formuliert es eine der Kandidatinnen in der Klum-Villa. Und wenn das so ist, warum sollte diese Community nicht die Chance ergreifen, den Reichtum ihrer eigenen Existenzen und Kunst auf einem so prominenten Sendeplatz für alle Welt zu demonstrieren – auch noch befeuert von der Prominenz "einer der bekanntesten Deutschen"?

Das sind die Fragen, die sich mit Queen of Drags stellen: Kann eine solche Show einen emanzipatorischen Charakter besitzen? Oder dient sie lediglich dazu, einen Schwarm bunter Vögel dem sensationsgeilen Blick eines Massenpublikums auszusetzen? Am Montag wurde die erste Folge in Berlin vor kleinem Publikum vorgestellt. Was lässt sich nach dem Betrachten darüber sagen? Jedenfalls dieses: dass sich die Organisatoren durchaus Mühe gegeben haben, die im Vorfeld erhobenen Vorwürfe zu entkräften. Allein der Umstand, dass die Kritik in der ersten Folge ausgiebig thematisiert wird, ist – bei aller Selbstgerechtigkeit, die aus Heidi Klums Diskriminierungsgejammer spricht – immerhin bemerkenswert.

Auch ist Klums Rolle in der Show weit geringer, als es zunächst den Anschein hatte. In der Jury, die über das Schicksal der Dragqueens entscheidet, sitzen neben ihr noch ihr Schwager Bill Kaulitz und die – an dieser Stelle unlängst ausführlich interviewte – Conchita Wurst. In der ersten Folge ist als Gastjurorin zudem eine Pionierin der deutschen Dragqueen-Geschichte, Olivia Jones, mit dabei. Die stärkste Präsenz entfaltet Conchita Wurst, die bei der Preview in Berlin übrigens in einer ballettrosafarbenen Tüllwolkentoga auf die Bühne kam, unter welcher ihr behaarter, nahtlos gebräunter Körper den allerbesten Eindruck erweckte. In der Sendung ist Wurst nah an den Kandidatinnen, einfühlsam und verständnisvoll. Sie hat es offenkundig als ihre wesentliche Aufgabe verinnerlicht, dass sie dieser insgesamt heiklen Unternehmung den richtigen Ton schenken muss: Würde, Kredibilität und Respekt. An ihrer Seite verblasst insbesondere Klum zu einer Nebenfigur, die am Ende nur noch als Schirmherrin wirkt; als Ankerfrau, die den Weg in die Primetime des Fernsehens geebnet hat, sich bei der Durchführung aber nun lieber und angemessenerweise im Hintergrund hält.