Wie groß Berlin ist, daran erinnert Das Leben nach dem Tod (RBB-Redaktion: Josephine Schröder-Zebralla). Der neue Fall des Berliner Teams Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker) spielt nämlich nicht in den üblichen bürgerlichen Quartieren, für die man die Hauptstadt nicht bräuchte, weil in denen auch in Ludwigshafen oder Münster ermittelt werden kann, sondern in einer der Trabantenstädte im Ostteil der Stadt. Ein Rentner-Richter (der große Otto Mellies) wird von zwei Teenagern nach dem Einkauf an der Wohnungstür überfallen und ausgeraubt (wobei die beiden Girls tatsächlich Ehrenmedaillen aus den DDR-Jahren mitnehmen, deren Wert eher als symbolisch beziffert werden dürfte). Der Rentner-Richter bleibt niedergeschlagen am Boden zurück.

Dann folgt ein Insert ("Acht Wochen später"), und eine mumifizierte Leiche wird aus einem Neubauhochhaus geholt. Nicht die des Rentner-Richters, sondern die von Karows Nachbarn. Damit beginnt Das Leben nach dem Tod (Drehbuch: Sarah Schnier) sein verwirrendes Spiel mit vielen Fäden, die in der ersten Hälfte des Films lose in der Hand gehalten werden.

An einem zappelt der Tatortreiniger Hajo Holzkamp (Christian Kuchenbuch), dem übel wird in der Wohnung des mumifizierten Karow-Nachbarn, der Blut sieht, wo keines ist, und sich in einen Schrubbzwang unter die Dusche flüchtet. Holzkamp ist sehr lange eine sehr wunderliche Figur.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Vage bleibt zunächst, was der Richter-Rentner, der per Aushang nach seinen Orden sucht, mit dem Fall zu tun hat. Ein fescher Jugendsozialarbeiter (Slavko Popadic) tritt auf, die beiden Girls werden in einem Kleintransporterausflug gen östliche Landesgrenze als Teil eines organisierten Räuberclans markiert. Und man weiß immer noch nicht, was es bedeuten soll.

Dabei erweist sich der Berliner Tatort als ziemlich klug gebaut. Der mumifizierte Tote war ein Mörder, der in den Siebzigerjahren die Schwester und Eltern von Hajo Holzkamp umgebracht hatte. Dafür hatte ihn genau der Richter, der heute hier Rentner ist, zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde auf Intervention von Erich Honecker allerdings in lebenslänglich umgewandelt und mit der Übernahme des westdeutschen Justizsystems nach 1989/90 als abgegolten begriffen.

Der Mord am Karow-Nachbarn macht erzählerisch-formal in dem entworfenen Zusammenhang eine, wenn man das so sagen kann, gute Figur. Ein Richter, der sein Urteil selbst vollstreckt, und zwar so wie früher in der DDR vollstreckt wurde ("unerwarteter Nahschuss"), klingt fast nach einer Superheldenfigur. Ob gut oder böse, darüber müsste man gerade streiten.

Ein Richter, der den Mord zudem inszeniert via Handlangerin. Die heißt Liz (Britta Hammelstein), ist die Frau von Hajo Holzkamp und selbst traumatisiert. Das Arrangement des Rentner-Richters zielt darauf, die Tat unter den Teppich von bekannten Vereinsamungsnews ("Toter lang wochenlang in Wohnung") zu kehren. Wobei dem gewesenen Juristen das Wissen hilft, das eigentlich der Aufklärung dienen sollte – Mumifizierungstricks, die etwa die Entdeckung der Leiche durch geöffnete Fenster hinauszögern sollen.

Das Leben nach dem Tod kombiniert seine hübsch ausgewählten und nicht so verbreiteten Motive und Details also auf prägnante Weise. Die Figuren kriegen den Mund auf, die Muffeligkeit von Karow wirkt weniger aufgesetzt als in manch früherer Folge. Die Zerrissenheit von Rubin macht sich interessant, zumal die Kommissarin, die ihre Familie nach Bayern verloren hat (was den Drehbuchautorinnen natürlich entgegenkommt), am Ende mit dem Jugendsozialarbeiter anbändeln darf. 

Und dennoch wirkt Das Leben nach dem Tod auf merkwürdige Weise gebremst (Regie: Florian Baxmeyer). Der Film mit seinen schicken Dekors (Szenenbild: Wolfgang Arens), die selbst die Rentner-Richter-Wohnung geschmacklich schon gentrifiziert kriegen, ist zuerst mit Stimmungsverbreitung beschäftigt. Musik (Boris Bojadzhiev) und Tempo rufen öfter zum Innehalten auf. Statt mit seinem tollen Plot Achterbahn im Kopf der Zuschauerin zu fahren, balanciert der Tatort lieber auf den Mollsaiten des Lebens. Obwohl diese Melancholie-Anwandlungen viel leichter zu haben sind als komplexe und zugleich klare Geschichte, die das Das Leben nach dem Tod erzählt.