Meine Ehe hat nicht gehalten – Seite 1

Was bei der Erinnerung an 30 Jahre Mauerfall zu oft vergessen wird: 1989 heißt auch 30 Jahre Lena Odenthal. Am 29. Oktober 1989 lud nicht allein Bürgermeister Erhard Krack in Ost-Berlin zum Sonntagsgespräch mit Bürgerinnen ein. Nein, am Abend desselben Tages strahlte das Westfernsehen auch den ersten Tatort mit der Ludwigshafener Ermittlerin aus. Titel: Die Neue.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

So richtig populär machte die heute dienstälteste, wenn auch nicht meistermittelnde Kommissarin aber erst Folge drei, die 1991 lief: Tod im Häcksler. Weil die pfälzische Gemeinde, in der das fiktive Zarten aufgebaut wurde, nach der Ausstrahlung Sturm lief gegen das rückschrittliche Bild, das von seinen Bewohnern vermittelt worden sei.

Klassischer Fall von fehlender Medienkompetenz, könnte man seufzen, auch wenn Tod im Häcksler (Regie: der spätere Unsere Mütter, unsere Väter-Tröster-Produzent Nico Hofmann) kein Highlight der Reihe ist – in der Rangliste von tatort-fundus.de rangiert der Film knapp im oberen Mittelfeld.

Der SWR hat zum Odenthal-Jubiläum und Neue-Folge-Vorglühen einen süffigen Halbstünder über die Aufregung damals gedreht. Und, ab hier wird es interessant, einen Film in Auftrag gegeben, der die Geschichte von 1991 weitererzählt. Die Pfalz von oben (SWR-Redaktion: Ulrich Herrmann). Heißt vor allem: die (Liebes-)Geschichte zwischen Lena Odenthal und Stefan Tries, dem Dorfpolizisten, den Ben Becker spielte (und zwar nicht als erste Rolle in einem Tatort, wie die erfolgshungrige SWR-Doku behauptet).

Dieser Stefan Tries ist nun, wiederum gespielt von Becker, erneut mit von der Partie. Für Philologinnen des ARD-Sonntagabendkrimis – und so viel Zeit muss sein – ist aber auch von Belang, dass der aktuelle schon der dritte Auftritt Beckers als Stefan Tries im Ludwigshafener Tatort ist. 1995 trat er in Die Kampagne einmal auf dem frei gewordenen Platz als Odenthal-Assistent auf –  im Interregnum zwischen den Seidel-Jahren (sechs Folgen bis 1994: Michael Schreiner) und vor der Kopper-Ära (1996-2018: Andreas Hoppe).

Die Kampagne (Buch und Regie: Thomas Bohn) – und so viel Zeit muss leider auch noch sein – ist ein in seiner Übelkeit beredtes Dokument über den geschlechterpolitischen Rollback der neunziger Jahre und den traurigen Stand des Gleichstellungsdiskurses in Westdeutschland generell. Ein Kind wird von seinem Ziehvater umgebracht, weil die Mutter sich unbedingt als workoholische "Powerfrau" selbst verwirklichen muss.

Man kommt aus dem Staunen kaum raus, wie vor gerade 25 Jahren Misogynie schnurstracks mit Päderastie kurzgeschlossen wird. Die Frau, die arbeitet, versagt ihrem Kind die mütterliche Liebe, die der Patchwork-Vater durch sexuelle Nähe aufzufangen versucht, damit das Kind später kein gestörtes Verhältnis zu Frauen haben soll. Viel gestörter als die Beziehung, die dieser Tatort zu berufstätigen Frauen hat, kann das eigentlich nicht sein.

So richtig weiter will der Film mit der Figur nicht

Becker und Folkerts im dritten Odenthal-Fall "Tod im Häcksler“, 1991 © SWR/​Johannes Hollmann

Dass dieses Tries-Zwischenspiel sowohl aus der Jubiläums-Doku als auch aus Die Pfalz von oben rausgehalten wird, hat wohl nicht nur mit Scham gegenüber dem Machwerk zu tun. Die unerfahrene Tries-Figur fungiert in der Folge von 1995 nämlich lediglich als Spiegel für die schnepfigen Überheblichkeitsperformances der Frau Kommissarin und des schmierigen Manns von der Sitte (Hannes Jaennicke als "Lord").

In Die Pfalz von oben hat wieder Stefan Dähnert das Buch geschrieben, der Tries 1991 als Greenhorn erfunden hatte und ihn nun zum kaputten Zyniker weiterentwickelt. Auf dem Provinzrevier ist nicht viel los, nur ein junger, eifriger und vor allem gesetzestreuer Kollege (Max Schimmelpfennig) will, statt ein Fußballspiel zu gucken, lieber Streife fahren in regennasser Nacht. Und dann auch noch auf den Wegen, auf denen – mit Revierleiter Tries abgesprochen – eigentlich ein Lkw mit Schmugglerware ungestört passieren sollte.

Der junge Kollege wird erschossen, aber der korrupte Revierchef war's am Ende doch nicht. Auch wenn Tries in die gut und zum Wohle des Orts laufenden Geschäfte (Fußballplatz mit Flutlicht, günstige Wohnungen) mit einem dubiosen französischen Maître eingebunden war.

Es ist ein wenig merkwürdig, wie der Film den müden, Medikamente schnupfenden Revierleiter lange im Dunkel des Verdachts belässt, um ihn final ins Licht des Tragischen zu verschieben: Die Mails an Lena Odenthal, die auf die Korruption im Revier aufmerksam machen, kamen von keinem geringeren als – ihm. Tries himself. So versucht das Drehbuch, in Erinnerung an den jugendlichen Idealismus, den es Tries in Richtung Verbitterung hat verlassen lassen, ihn für den versöhnlichen und finalsten Abgang immerhin vor sich selbst zu schützen.

Ob Lena Odenthal allerdings die große Hilfe ist, weiß man nicht. Im grundlos-uncharmanten Rumpampen ist die Kommissarin auch hier wieder groß, was auf das eigentümliche Missverhältnis von ausgestellten Checkergesten und tatsächlichem Checkertum verweist. In amerikanischen Erzählzusammenhängen, in denen der Professionalismus etwas gilt, wäre so eine Figur nur schwer denkbar.

Am deutlichsten wird das Unausbalancierte an der Figur im Aufflackern der Liebesgeschichte mit Tries. Eigentlich gibt es viel zu viele Zweifel am Revierleiter, als dass die Kommissarin in ihm einen Verbündeten erkennen könnte. Dennoch kommt sie privat vorbei, schnupft auch Medikamente und bleibt wie damals über Nacht. Um am Morgen danach kühl die Hausdurchsuchung zu befehlen, für die sie spätestens nach der Nacht doch zu befangen sein müsste. 

An dieser Stelle zeigt sich die Grenze der Idee vom Tries-Comeback. So richtig weiter will der Film mit der Figur nämlich nicht – es geht diesem Tatort vor allem darum, möglichst häufig am Beckenrand des alten anzuschlagen. Und eben noch mal Bob Dylans Lay, Lady, Lay aufzulegen, damit das Paar noch mal so dazu schwofen kann, dass die Bilder aus dem alten Film einmontiert werden können.