Nach den vergangenen beiden Wochen muss die neue Folge Lakritz (WDR-Redaktion: Nina Klamroth) des Tatort aus Münster als Wohltat erscheinen. Wenn man, wie in Wiesbaden und Luzern, gesehen hat, was passiert, wenn Unvermögen an den Turntables sitzt, fällt die Dankbarkeit für einen in sich stimmigen Film gleich noch mal größer aus.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110", auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Auch wenn der, wie in Münster üblich, nicht viel will. Lakritz ist nach der letzten, erzählerisch etwas gewagteren und darin nicht ganz glücklichen Folge Spieglein, Spieglein, eine fast klassische Episode (Drehbuch: Thorsten Wettcke, der schon mehrfach für den Schauplatz geschrieben hat).

Marktmeister Wagner (Pierre Siegenthaler) ist tot, eine skurrile Figur des öffentlichen Lebens, die sich Status und Wohlstand durch Erpressung von so ziemlich allen anderen gesichert hat – durch akribische Dokumentation kompromittierenden Materials, eine Art Stasi auf zwei Beinen zur Finanzierung des eigenen sonnigen Lebensstils.

Solch ein viel gehasstes Ekel hat den Vorteil, dass der Verdacht schon mal weit streut. Über die tödliche, weil vergiftete Lakritze führt die Geschichte außerdem noch zurück in die Kindheit Boernes (Jan Josef Liefers). Als der kleine Karl-Friedrich (Vincent Hahnen) verliebt war in Monika, die Tochter des Lakritz-Laden-Betreibers Maltritz, die ihr Glück aber lieber mit einem scheinbar aufregenden Halbstarken versuchte.

Wie die Erinnerung beim Öffnen der Lakritzdose comicbuchhaft über das Filmbild wirbelt, ist ein hübscher Einfall der klugen Regie von Randa Chahoud. Mitunter leidet das Komische im Tatort ja darunter, dass zu behäbig inszeniert wird. Lakritz leistet sich dagegen schöne Rhythmuswechsel wie das flinke: "Nein!" – "Nein?" – "Nein!" – "Nein?" – "Nein!" – "Gut" als Schuss-Gegenschuss-Auflösung (Kamera: Kristian Leschner), mit dem Thiel zum Ende einen Verdächtigen, den schlecht gealterten Halbstarken von einst (Patrick von Blume als mürrischer Hohlkopf), verhört. 

Um dann, etwas langsamer, ausführlicher, genüsslicher, den eigentlichen Täter, Vater Maltritz (Walter Hess), in den Blick zu nehmen. Der wendet sich, nach ein wenig Erklärung Thiels, an Boerne mit der Frage: "Was redet der da?", die Boerne an Thiel weitergibt ("Wirklich, Thiel, was reden Sie da?"), damit aber auch noch mal ein kurzes Echo der "Nein!"-"Nein?"-Nummer bewirkt.

Die Rückschau auf die unglückliche Boerne-Kindheit dient nicht nur dem Sentiment und der Illustration. Sie macht die Verbindung zum aktuellen Fall erst möglich, indem sie zugleich die Boerne-Figur um eine Facette erweitert: Der kleine Karl-Friedrich hatte kein Glück bei den Mädchen, war aber damals schon der Klugscheißer (der Thiel mit Genitivsetzungen korrigiert), weshalb er den scheinbaren Selbstmord der Maltritz-Mutter seinerzeit für unwahrscheinlicher hielt als der damalige Kommissar.