Vom Fluch, keine Meinung haben zu dürfen – Seite 1

In einer der lustigsten Szenen der dritten Staffel von The Crown sitzt die königliche Familie vor dem Fernseher im Buckingham Palace. Prinz Philip hat der BBC die Türen geöffnet, damit sie mit einer Dokumentation über das Leben am Hofe das angeschlagene Image der Royals verbessern. Man solle sich einfach so verhalten wie an einem ganz normalen Abend, schlägt der Regisseur schüchtern vor. Also drapieren sich Queen, Queen Mum, Prinzessin Margaret und Prinzessin Anne lustlos auf den königlichen Sofas und tun so, als schauten sie fern, während sie fürs Fernsehen aufgenommen werden. "An Banalität wohl nicht zu übertreffen", ätzt Margaret.

Es ist ein hübsch verpacktes Eigenlob, das sich Peter Morgan, der Schöpfer von The Crown, an dieser Stelle gönnt. Denn das, was sich Prinz Philip in der Serie so sehr wünscht – einen persönlichen Einblick in die Normalität des Außergewöhnlichen zu schaffen und damit die Anteilnahme eines großen Publikums zu gewinnen –, genau das hat Morgan mit seiner Netflix-Serie geschafft. 

Die erste Staffel setzte im November 2016 mit der überraschenden Krönung der damals erst 25-jährigen Elizabeth im Jahr 1952 ein. Claire Foy spielte diese junge Queen als naive Unbedarfte, die sich gerade erst von ihren Eltern emanzipiert hatte durch die Eheschließung mit dem ungestümen Flieger und Navy-Veteranen Philip Mountbatten. Die außen- und innenpolitischen Probleme ihres Landes meisterte diese Königin mit dem Charme der Anfängerin und dem Vorteil einer Frau, die permanent unterschätzt wird.

Staffel drei beginnt 1964, die Turbulenz der frühen Jahre ist dem Pragmatismus des täglichen Repräsationsgeschäfts gewichen. Am Respekt innerhalb und außerhalb der Mauern des Buckingham Palace mangelt es der Queen nicht mehr, dafür aber an der bedingungslosen Liebe, die ihr einst entgegengebracht worden war. Und während durch die Londoner Palastmauern ein Hauch der wilden Sechziger dringt, hat Prinz Philip Angst vor einem Wahlsieg der Labour-Party: "Diese Leute wollen unsere Köpfe aufgespießt sehen."

Zwei Jahre hat es gedauert von der Veröffentlichung der zweiten bis zu der der neuen Staffel nun, was sicher auch daran liegt, dass die Besetzung komplett ausgewechselt wurde. Die königlichen Personen der Zeitgeschichte werden, das war immer der Plan bei der auf sechs Staffeln ausgelegten Serie, von Schauspielerinnen und Schauspielern verkörpert, die etwa im Alter der prominenten Vorbilder zum Zeitpunkt der Handlung sind. Der Übergang ist in fast allen Fällen geglückt, vor allem Olivia Colman als Queen fügt der Figur eine Schärfe hinzu, die dieser bisher gefehlt hat. Für die 45-jährige Colman ist Elizabeth II. die zweite Königinnenrolle innerhalb kurzer Zeit, für ihre Darstellung der extravaganten und liebeshungrigen Queen Anne in The Favourite ist sie im Februar mit dem Oscar ausgezeichnet worden. Mit ihrer harschen Interpretation der aktuellen Königin, die ja in Großbritannien nie nur eine Rolle ist, wird sich Colman sicher nicht nur Freunde machen.

Doch ihre Elizabeth II. ist die folgerichtige Weiterentwicklung dieser Figur innerhalb der Serie und zugleich Vertreterin eines Rollenfachs, in dem Colman schon in anderen Serien wie Broadchurch oder Fleabag brilliert hat: der Frau, die in der zweiten Lebenshälfte angekommen ist und ahnt, dass nun viele Dinge unwiederbringlich verloren sind. In der ersten Szene der neuen Staffel sieht man die Queen von hinten, wie sie ihr ausgetauschtes Konterfei auf neuen Briefmarken betrachtet. Man erkenne auf diesem Porträt, flötet einer der Hofleute, wie sich die Königin gewandelt habe, "von einer jungen Frau zu einer…" – "...alten Schachtel", ergänzt diese trocken. 

Colman, die aus einem working-class-Background stammt (ein britischer Kolumnist monierte allen Ernstes, die Schauspielerin habe ein left-wing face, ein "linkes Gesicht"), fügt der Queen eine weitere neue Nuance hinzu: das Eckige, manchmal sogar etwas Trampelige, was diese Regentin in manchen Momenten tatsächlich ausstrahlt. Die gewisse Bodenständigkeit, für die viele Britinnen und Briten sie lieben. Perfekt kopiert hat Colman den Gang der Queen, sie bewegt sich in der Serie durchgehend, als sei sie eingeschnürt in ein unsichtbares Korsett und als seien ihre Füße mit einer Kette aneinander gebunden.

Was wie Übertreibung wirkt, ist wahr. Nebensächliches dafür nicht

Von der Mutter zum Schweigen gebracht: Josh O'Connor als bemitleidenswerter Prinz Charles © Sophie Mutevelian/​\u200bNetflix

In welch starrem Gebilde aus Palastregeln, Verfassungsgrundsätzen und ungeschriebenen Traditionen sich die Queen stets bewegen muss, bleibt das Leitmotiv auch dieser dritten Staffel. Die Zeiten haben sich geändert, im Jahr 1964 beginnt London zu swingen, die Queen muss dann auch tatsächlich wie von ihrem Gatten befürchtet den ersten Labour-Regierungschef während ihrer Regentschaft willkommen heißen, Harold Wilson. Gerüchte kochen hoch, es gäbe einen für die Sowjetunion tätigen Spion in hoher Position, und die Queen hält es für möglich, dass ihr neuer Premier eben dieser sein könnte. Es stellt sich jedoch heraus, dass es jemand ist, der ihr viel näher ist: Der Verwalter der königlichen Gemäldesammlung, der bedeutende Kunsthistoriker Anthony Blunt, ist ein Doppelagent gewesen, tätig für den MI5 ebenso wie den NKWD.

Es ist schon verrückt: an den Stellen, an denen man in The Crown Übertreibungen vermutet, handelt es sich um wahre Tatsachen (Blunts Agententätigkeit wurde erst 1979 von Margaret Thatcher höchstselbst öffentlich gemacht). An anderen Stellen sind es unbedeutende Kleinigkeiten, die einfach nicht stimmen. So mokierte sich etwa die britische Times über eine Szene, in der die Queen und ihr Mann 1964 Frühstücksfernsehen gucken – das aber erst 1983 in Großbritannien eingeführt wurde. Und auch die Geschichte, dass Richard Cawstons BBC-Dokumentation Royal Family eine Reaktion auf Prinz Philips missglückten Auftritt im US-Fernsehen war, ist nicht ganz richtig. Die Doku wurde 1968 gedreht, Philips Auftritt bei Meet the Press erfolgte erst im November 1969. Und Royal Family war auch keineswegs ein Misserfolg, wie The Crown suggeriert, sondern wurde gleich mehrfach im TV wiederholt.

Nun, Historikerinnen und Hofapologeten wird das sicher wahnsinnig machen, fürs Publikum sind es eher lässliche Sünden, denn der Plot läuft immer noch geschmeidig, ist stringent erzählt und von einem großartigen Ensemble getragen. Helena Bonham Carter (Zimmer mit Aussicht, Harry Potter) spielt die verbitterte Prinzessin Margaret, die mit einem jungen Lover noch einmal versucht, aus ihrer Rolle auszubrechen. Und Tobias Menzies (Outlander, Game of Thrones) verkörpert Prinz Philip als einen Mann, der lange versucht, Anzeichen einer Depression zu unterdrücken, aber schließlich einer Selbsthilfegruppe beitritt.

"Wir müssen damit leben, keine Stimme zu haben"

Der beste Neuzugang in der Darstellerriege ist Josh O'Connor als überaus liebenswerter, schüchterner Prinz Charles, der permanent von seiner Mutter gegängelt wird. Nachdem er sich darüber beschwert, dass er keine Stimme habe, nicht gehört werde, schnauzt die Queen ihn an: "Die Leute wollen, dass wir lächeln, zustimmen, die Stirn runzeln oder etwas sagen." Aber eine eigene Meinung – das sei etwas, das der königlichen Familie verwehrt bleibe. "Wir müssen damit leben, keine Stimme zu haben."

An dieser Stelle kann man die Serie auch als Kritik auf die zeitgenössische Politik der Emotionen lesen. Auch wenn man (in der Serie wie in der Realität) der Queen des Öfteren zurufen möchte "Sag doch, was du denkst! Blas ihnen gefälligst allen den Marsch!" – genau das nicht zu tun, macht ihre Rolle aus. Die professionelle Freundlichkeit, die Disziplin, eben niemals die Contenance zu verlieren. Der eiserne Wille, neutral zu erscheinen, sich mit keiner politischen Agenda gemein zu machen.

Das Beste an The Crown ist, dass die Serie theoretisch permanent weiter an die Gegenwart hingeschrieben werden könnte. Filmreife Szenen jedenfalls hat Großbritannien in den vergangenen Monaten und Jahren zuhauf produziert, besonders hervorgetan haben sich dabei die Abgeordneten im Unterhaus. Wie die Mitglieder der königlichen Familie das Treiben dort betrachten, wäre ein fantastischer Stoff für eine fiktionale Aufarbeitung durch den Crown-Showrunner Peter Morgan.

Allein die aktuellste Wiedereröffnung des Parlaments durch die Queen Mitte Oktober könnte ein Höhepunkt sein in einer künftigen Crown-Folge. In ihrer traditionellen Queen's Speech verliest die Königin zwar nie ihre eigenen Worte, sondern immer die des jeweiligen Regierungschefs. Im Fall von Boris Johnson war zum Zeitpunkt, als Elizabeth II. die Rede vortrug, bereits klar, dass dem die Mehrheit im Unterhaus fehlte für die Umsetzung der Ankündigungen, die die Königin vorlas. Es war faktisch eine Wahlkampfrede Johnsons – und die Queen wurde dazu benutzt, dieser eine königliche Würde zu verleihen. Eine Szene, wie sie im Crown-Buch steht.

Nein, der Stoff wird dieser Serie so schnell nicht ausgehen, doch je näher The Crown an aktuelle Geschehnisse rückt, desto schwieriger wird die Fiktionalisierung von bestimmten Erzählsträngen. "Je näher wir dem Hier und Heute kommen, desto unwohler fühle ich mich", gestand die aktuelle Queen-Darstellerin Olivia Colman im Gespräch mit der Times. "In der nächsten Staffel befinden wir uns in den Achtzigern, es ist also kein Historienstück mehr." In der vierten Staffel wird es außerdem um den Diana-Komplex gehen (in der aktuellen bandelt Charles gerade mit Camilla an, die ihn dann aber für ihren späteren Ehemann Parker-Bowles verlässt). Hier betritt Peter Morgan gefährliches Terrain. Denn bei Prinzessin Diana verstehen weder die Royalisten noch die Nicht-Royalisten Spaß. 

Noch können sich Produzenten und Autoren entspannen. Die Queen hat ihre Fiktionalisierung bisher königlich ignoriert.

Die dritte Staffel von "The Crown" läuft ab 17. November auf Netflix.