Noch einmal großes Kino, diesmal auf Netflix – Seite 1

Martin Scorseses The Irishman dauert 208 Minuten, also etwa dreieinhalb Stunden. Diesen Film zu sehen, besonders sein langes anmutiges Ende, ist, als würde sich ein Kreis schließen. Als er 47 Jahre alt war, drehte Scorsese sein preisgekröntes Mafiadrama Good Fellas, in dem der Protagonist sagt, er wollte schon "immer ein Gangster sein". Mit 76 Jahren konzentriert der Filmemacher sich nun auf einen traurigen Mafioso, der nur will, dass seine Tochter zurückruft.

Scorsese ebnete mit seinen einflussreichen Mafiafilmen den Weg für Serien wie Die Sopranos, die wiederum den Beginn des Serienbooms einläuteten. Doch ironischerweise blitzte der Filmemacher mit seinem Projekt The Irishman in Hollywood zunächst ab. Netflix hat schließlich sein "teures Experiment", wie Scorsese es nennt, finanziert. Am 14. November kam es in die deutschen Kinos, ab dem 27. November steht es nun exklusiv auf dem Streamingdienst bereit. Scorsese hat oft betont, dass er das Drama ohne Netflix nie hätte machen können, aber natürlich tut es ihm auch weh, dass die Menschen sein bildgewaltiges Epos vielleicht vom Sofa aus sehen.

The Irishman beginnt mit einer ähnlichen Kamerafahrt wie Good Fellas. Auch hier schlängelt sich die Kamera reizvoll vorwärts. Doch diesmal folgt sie nicht einem aufstrebendem Mobster und dessen Geliebter in das schillernde Gekröse eines Nachtclubs, sondern während das wunderschöne In the Still of the Night seinen wehmütigen Doo-Wop-Zauber versprüht, schleicht die Kamera den Teppichflur eines langweiligen Altersheims entlang, vorbei an Ärzten und Pflegern, bis sie schließlich bei einem weißhaarigen, alten Mann verharrt. Verlassen sitzt er in einem Rollstuhl. Hier landen sie also, die Mafiosi von Scorsese, wenn sie nicht von einer Autobombe in die Luft gejagt worden sind.

Der Mann ist Frank Sheeran (Robert De Niro), der Ire im Titel des Films, und die Geheimnisse, die ihn einst bedroht haben könnten, bedeuten nun nichts mehr. Er erzählt den Zuschauerinnen und Zuschauern seine Version der Geschichte seines Lebens: wie er nach dem Zweiten Weltkrieg vom Fleischlieferanten zum Handlanger für Russell Bufalino wurde (mit traurigen, wachsamen Augen dargestellt von Joe Pesci), einem Mafiaboss der amerikanischen Cosa Nostra, und dann zur rechten Hand des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa (Al Pacino) aufstieg. 

Das alles basiert auf realen Personen und Ereignissen: Im Juli 1975 verschwand Hoffa spurlos, und Spekulationen darüber, was mit ihm geschah, waren viele Jahre lang Stoff wilder Verschwörungstheorien. 1982 wurde er gesetzlich für tot erklärt, obwohl seine Leiche nie gefunden wurde. Erst Jahrzehnte später erzählte der reale Auftragsmörder Frank Sheeran dem ehemaligen Staatsanwalt Charles Brandt seine Lebensgeschichte, woraus 2004 das dokumentarische Buch I Heard You Paint Houses entstand. Es ist die Grundlage für das Drehbuch des Films. Sheeran behauptet demnach, Hoffa in jenem Sommer '75 erschossen zu haben. Einige glauben diesem Geständnis, andere halten Sheerans Version für Quatsch.

Heutzutage, meint Sheeran im Film, weiß niemand mehr, wer Jimmy Hoffa war, aber damals, "in den Fünfzigerjahren, war er wie Elvis". Und weiter: "In den Sechzigern war er größer als die Beatles." Sheeran sagt das über den Mann, der sein guter Freund war und den er dennoch selbst erschossen hat. Hoffa wiederum ist im Film ein cholerischer Hitzkopf mit einem aufgeblasenen Ego, und Pacino, der zum ersten Mal mit Scorsese zusammenarbeitet, kann solche Figuren im Schlaf spielen. Die lauten Ausbrüche, die zu einem Teil seiner schauspielerischen Persönlichkeit geworden sind, fühlen sich hier genau richtig an.

Der Titel der Memoiren, I Heard You Paint Houses, der so harmlos klingt, soll sich auf den ersten Satz beziehen, den Jimmy Hoffa einst zu Frank Sheeran gesagt haben soll. "Häuser anmalen" steht dabei für das Ermorden von Menschen: Sheeran malt Häuser nicht mit Farbe, sondern mit dem Blut an, das dabei an die Wände spritzt. Im Film erledigt er das mit einem Achselzucken. Er mag es nicht, Menschen zu töten, es stört ihn aber auch nicht. Es ist einfach ein Job für ihn.

Damit der inzwischen 76-jährige Robert De Niro und die anderen Darsteller jüngere Versionen ihrer Figuren spielen können, verpasste Scorsese ihnen sehr teure digitale Facelifts. Das Resultat ist verbesserungswürdig. Jede dieser Figuren sieht unnatürlich rosig aus und hat ein aufgedunsenes Gesicht – wie 50-Jährige, die Haarfärbemittel und Botox für sich entdeckt haben. Das größte und gruseligste Problem liegt in Robert De Niros digital verjüngten blauen Augen (er hat eigentlich braune), oder genauer gesagt darin, dass nichts dahintersteckt. Aus De Niros Blick ist alles Lebendige verschwunden, die Augen sind zwei leblose, unheimliche Täler.

Optisch atemberaubend, dunkel und intensiv wie eine Oper

Man kann davon ausgehen, dass Scorsese um die Unmöglichkeit weiß, jemanden wieder zu dem zu machen, was er einst war. Die Technik nutzt er, um diese Sehnsucht mit seiner Geschichte zu verweben, sie in sie hineinzuschreiben. Er inszeniert Sheerans Jugenderinnerungen als Träumereien, die bald von der traurigen Gegenwart der Figur eingeholt werden. De Niro verkörpert das ganz wunderbar. Der Schauspieler zeichnet sich dadurch aus, dass er verschlossene Charaktere spielen kann, die zunächst ein bisschen langweilig wirken könnten, dann aber ein traumatisiertes Innenleben enthüllen. Sein Sheeran ist ein Mann der Tat, ein Fußsoldat, der so damit beschäftigt ist, schlechte Dinge zu tun, dass er kaum Zeit zum Nachdenken hat.

Nur eine seiner vier Töchter, Peggy (schön gespielt von Lucy Gallina als Kind und Anna Paquin als junge Frau), fällt mit ihrem Schweigen ein furchtbares Urteil über ihren Vater und dessen Tun. Als Kind sieht sie ihm schweigend dabei zu, wie er eine Pistole packt und nachts "zur Arbeit" geht. Als Erwachsene ahnt sie rasch, was mit Hoffa, den sie geliebt hat, passiert ist – und spricht daraufhin nie wieder mit ihrem Vater. Als stummes moralisches Gespenst, das den kriminellen Lebensstil des Vaters verurteilt, tritt Peggy nur wenige Male auf. Dadurch wirkt sie beinahe ebenso wenig lebendig wie die Statuen der Jungfrau Maria, die Sheeran in seinem katholischen Altersheim vorwurfsvoll anstarren.

Die schweigende Rolle Peggys ist wenig überraschend. Wie häuig Frauen in Scorseses Filmen sprechen, kann man beinahe an einer Hand abzählen. Die Welten, über die der Regisseur Filme dreht, wurden immer schon von Männern für Männer gebaut. In diesen Geschichten stehen die Frauen am Rand, sie spielen die Geliebte und das schöne Accessoire, vielleicht auch die nörgelnde Ehefrau. Als in The Irishman zum ersten Mal eine Frau spricht, beschwert sie sich darüber, dass ihr Ehemann ihr untersagt, im Auto zu rauchen.

Dennoch stammt die vielleicht wichtigste Zeile in Scorseses neuem Gangsterepos nicht von einem seiner Stars De Niro, Pacino oder Pesci. Sie kommt von Anna Paquin alias Peggy: "Warum?", fragt sie ihren Vater, den Auftragskiller, in einem entscheidenden Moment. Es ist eines der sehr wenigen Worte, die von der Schauspielerin gesprochen werden, und doch durchschneidet sie damit das beinahe mythische Bild eines postulierten Gangsterethos, das Scorsese seit den Siebzigern in seinen Gangsterdramen mitentworfen hat.

Bereits zu Beginn seiner Karriere ist Scorsese dafür kritisiert worden, dass es seinem Œuvre an interessanten weiblichen Rollen mangelt. Zwar hat er durchaus einige wenige geschaffen: Lorraine Braccos mitschuldige Pöbelfrau in Good Fellas oder Sharon Stones Femme fatale Ginger in Casino, sie sind aber Ausnahmen geblieben. Als ein italienischer Journalist Scorsese während einer Pressekonferenz nach dessen von Männern dominierten Werk fragte, antwortete der Filmemacher verärgert: "Wenn die Geschichte nicht danach verlangt, (...) ist es eine Verschwendung von jedermanns Zeit."

Nun muss freilich gesagt werden, dass Scorsese großartig in dem ist, was er tut. Er konzentriert sich auf das Milieu, in dem er aufgewachsen ist und das er bis aufs Mark versteht. Und er hat sich in seinen Filmen schon mit schwierigen Männern beschäftigt, lange bevor "giftige Männlichkeit" zum Modewort wurde. Dennoch ist es im Jahr 2019 zutiefst befremdlich, zu sehen, wie eine oscarprämierte Darstellerin wie Paquin gleichsam mundtot gemacht wird. Es wäre schön gewesen, wenn sie neben all den stillen, wütenden Blicken mindestens eine prickelnde Dialogszene abbekommen hätte.

Spät im Film, als Peggy aufgehört hat, mit ihrem Vater zu sprechen, bittet Sheeran eine seiner anderen Töchter (Marin Ireland), ihm zu helfen, Peggy zu erreichen. Es ist ein entscheidender Moment sowohl für Sheeran als auch für manche Zuschauerin. Bis dahin hat das Publikum die Geschichte durch Sheerans Augen gesehen. Jetzt sagt die Tochter mit Tränen in den Augen: "Du weißt nicht, wie es für uns war." Wer will, kann das auch als eine Art Zugeständnis Scorseses hören, vielleicht nicht gewusst zu haben, wie er diese anderen Geschichten hätte erzählen sollen.

Nachdenkliches Spätwerk

The Irishman ist das nachdenkliche Spätwerk eines Künstlers, der über seine eigene Sterblichkeit sinniert und über die Klassiker, die er geschaffen hat: Mean StreetsTaxi DriverGood FellasCasino, Departed. Sein neuer Film ist optisch atemberaubend, dunkel und so intensiv wie eine Oper. Er ist voller kurvenreicher Kamerafahrten (von Rodrigo Prieto), bietet kluge Voiceover, gefällige Retromelodien und natürlich Mafiosi, die sich etwa darüber streiten, warum man nie einen Fisch im Auto liegen lassen sollte. The Irishman ist lebhaft, ironisch und witzig. Doch nach und nach verwandelt Scorsese sein Drama in etwas viel Nachdenklicheres. Es ist auch eine Geschichte des Machismo durch die Augen eines kleinen traurigen Mafioso, der an seiner eigenen Wichtigkeit festhält. The Irishman zeigt viel vom kontemplativeren Mut der spirituellsten Filme Scorseses wie Silence von 2016, einem erhabenen 161-minütigen Epos über Glauben, Zweifel und Leiden.

Das neue Epos erinnert daran, dass Scorsese nicht nur ein alternder und möglicherweise inzwischen weiserer Filmemacher ist, sondern immer auch ein bekennender Katholik war, der einst Priester werden wollte. Im Laufe seiner Karriere hat er sich immer wieder mit Schuld, Sünde und Erlösung beschäftigt. Auch in The Irishman sucht er nach einem Sinn mithilfe katholischer Symbolik. In einer Szene, die natürlich an eine berühmte Szene in Good Fellas erinnert, bricht Sheeran mit dem Mafiaboss Bufalino Brot und trinkt Traubensaft. Er sagt einem Priester, dass er nicht sicher sei, ob er irgendetwas bereue, das er getan hat, und der Priester erinnert ihn daran, dass wir uns dafür entscheiden können, etwas zu bereuen. Da sehen wir das seltene Aufflackern von Zweifel in Robert De Niros Blick. Sein Sheeran dient abwechselnd als Judas und treuer Diener. In ihm verhandelt Scorsese eine der schwierigen moralischen Fragen, die ihn umtreiben: Was ist die Reue wert, wenn ein Mensch an die Sünde gebunden ist wie die Sonne an den Sonnenaufgang? Am Ende lässt der Film die Antwort auf die Frage offen, vor der wir alle stehen: Was ist ein gut gelebtes Leben? Und was, wenn wir es zu spät herausfinden?