Die Scheune so perfekt mit ihren weißen Konturen, der Himmel so sommerferienblau, das Gras so saftig-grün, dass man reinbeißen möchte – würde man es nicht den Pferden gönnen, die auf dieser Fotografie auch besser aussehen, als Pferde sonst so aussehen; selbst unter Pferden muss es Topmodels geben. In solcher Form präsentiert sich die Welt in den Anzeigenkampagnen von Ralph Lauren: das Wetter top, die Haare glänzend, das Befinden vorzüglich.

In dieser Welt wolle man leben, in einer dieser Scheunen, sagt Judith Thurman, modesachverständige Autorin des Magazins New Yorker, in der HBO-Dokumentation Very Ralph, die in Deutschland jetzt auf Sky läuft. Feiner Unterschied: dass sie sich gleich nur in die Scheune und nicht in das Haus hineinträumt, das zu einem solchen Lebensstil gehört. Der sieht nämlich sehr nach WASP-Welt aus, nach dem Kosmos der White Anglo-Saxon Protestants, jener Oberschicht, die sich höchstens darüber grämen muss, ob sie nicht mal wieder ihr Ferienhaus auf Long Island renovieren sollte. Mindestens Großer Gatsby also, Eleganz, Martinis und funkelnde Abendkleider. Für die Verfilmung des Gatsby von 1974, in der eine Frau über die Schönheit von Herrenhemden ins Schluchzen gerät, hat Ralph Lauren übrigens die Ausstattung beigetragen.

Im Prinzip übersetzt Lauren, der keine Modeschule besucht hat und keine Skizzen anfertigt, die Klassiker eines bestimmten Lebensstils in Kollektionen: Trenchcoats, Dinnerjacketts, Tweedsakkos, dazu die sandfarbenen Gabardine-Stoffe einer gehobenen Safari und Westernelemente in der Art, dass dazu eine eigene Ranch in Colorado gehört, auf deren Ausdehnungen man beim morgendlichen Ausritt zufrieden blickt. Die Einstiegsdroge in diese Welt ist das Polohemd. Mit dem Label Polo hatte sich Lauren 1967 selbstständig gemacht, zuerst gab es Krawatten, dann Männermode, ab 1971 dann auch Damenkleidung sowie diverse weitere Label. Der eingestickte Polospieler auf der Brust, den Schläger hoch erhoben, repräsentiert ebenfalls eine elitäre Schicht. Ralph Lauren sagt, er sei von allen Sportarten begeistert, aber "Baseball Ralph Lauren" hat er seine Marke nun mal nicht genannt.

Susan Lacys Dokumentation zeichnet ein halbes Jahrhundert Modeunternehmertum nach – von dem, der "am besten amerikanische Mode in der Welt verkörpert". So erklärt es zumindest Karl Lagerfeld, der in dem Film kurz vor seinem Tod im Februar 2019 als einer von vielen A-Ligisten der Branche zu sehen ist. Wie sich amerikanische Mode, deren Inspiration primär aus der Sachlichkeit der Sportbekleidung stammt, von der europäischen unterscheidet, die auf sehr viel ältere Traditionen und Trachten und auch Aneignungen verweist: Das wäre spannend gewesen. Nur fällt Very Ralph so monochrom bewundernd aus, als sei es ein Imagefilm des Unternehmens. Neben Lagerfeld sprechen auch Calvin Klein, Diane von Furstenberg und Naomi Campbell freundliche Worte. Ach, und sogar Hillary Clinton schaut vorbei und erzählt, mit völlig untypischer Aufregung, wie Lauren einmal 13 Millionen Dollar ausgegeben hat, damit das originale Star Spangled Banner – die mehr als 200 Jahre alte US-Flagge – restauriert werden kann. "Er versteht Ikonen", sagt Clinton, "denn er ist selbst eine."

Na ja, vielleicht wäre es auch mal ohne Superlative gegangen? Und mit mehr Nuancen? Ralph Laurens erster Schritt in Richtung Karriere war eine Namensänderung, seine Eltern Fraydl und Frank Lifshitz stammten aus einer aschkenasischen Familie, die aus Belarus eingewandert ist; in der New Yorker Bronx wurde aus Lifshitz Lauren. Das alles erzählt Susan Lacy brav dokumentarisch weg, doch ganz ohne Einordnung, ohne die Frage, wie klug man sein muss in seiner Assimilation, um als Sohn eines Anstreichers und als Studienabbrecher Erfolg zu haben im melting pot Amerika; wie sehr man eine Schicht studiert haben muss, um ihre traditionelle Kleidung zu adaptieren und als Mode zu verkaufen. Die dann im Idealfall wie ein Familienerbstück aussieht, also die Lizenz zum Altern hat.

Auch das passt natürlich zur traditionellen Idee des Lauren-Konzerns, und es fügt sich wiederum historisch hervorragend, dass heutzutage das schnelle saisonale Schnappen nach neuer Mode als fragwürdig gilt. Laurens Mode-die-nicht-nur-Mode-sein-will entspricht also dem Zeitgeist, nur fällt vor lauter Staunen über seine Erfolge – sein Vermögen wird vom Forbes Magazine auf 7,5 Milliarden Dollar geschätzt – dieser Aspekt flach.