Wenn man oben viel hineinträufelt, muss unten auch viel hinauslaufen. Das ist die simple Logik, die im Film Yung anschaulich wird. Da sind die vier Hauptdarstellerinnen. Sie tröpfeln sich mit Pipetten ständig gegenseitig die Flüssigdroge GHB – auch genannt "G", englisch ausgesprochen – in den Mund und spülen mit Wasser, Cola, Alkohol nach. Vielleicht runden sie die Wirkung noch mit einem geschnupften Pülverchen ab. Später pinkeln sie dann in die Öffentlichkeit, bleiben etwa mitten im angeregten Partynachbereitungsspaziergangsgespräch mit der Freundin stehen, ziehen das Höschen runter und lassen laufen, in einer Straßenecke. Na, was denn, wir sind doch hier in Berlin!

Ja, man könnte Yung für einen total unmöglichen Film halten. Soll man auch. Der Film stellt seine jungen Darstellerinnen schamlos aus. Die vier waren zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, vor drei Jahren, Abiturientinnen und treten hier unter ihren Klarnamen auf: Janaina (Janaina Liesenfeld), Emmy (Emily Lau), Joy (Joy Grant) und Abbie (Abbie Dutton). Die vier Berlinerinnen sind zwischendurch immer mal wieder nackt. Eine von ihnen räkelt sich als vorgeblich 17-jähriges Webcamgirl vor ihrem Laptop, steckt sich auf Zuschauerkommando ihre Finger in die Vagina und leckt daran, so wie im Porno. Eine andere dealt mit Drogen. Sie alle nehmen Drogen. Die, die das Webcamgirl spielt, lässt sich auch von Männern, die ihre Opas sein könnten, in Hotelzimmern penetrieren. Für 150 Euro. Der Film zeigt das sehr realistisch. Und mit dem Geld haben die vier Freundinnen dann Spaß auf sehr realistisch aussehenden Technopartys und auf den endlosen After-After-After-Hours danach.

Nur würde man es dem Regisseur Henning Gronkowski halt nur recht machen, wenn man sein Spielfilmdebüt nun skandalisieren würde. Yung ist als Riesenskandal kalkuliert, da gibt es gar keinen Zweifel. Der Film ist auf maximale Krassheit hingeschnitten, jede moralisierende Kritik wäre aus PR-Sicht ein Beweis, dass man es mit dem neuen Berliner Kultfilm zu tun hat, hart, brutal, echt, irgendwo zwischen Wir Kinder vom Bahnhof Zoo und Berlin Calling. Das Update des Tanzes am Abgrund – diesmal eben mit der Generation, die nicht mehr ihre Jugend verschwendet, sondern ihre "Yugend". Weil sie, außer Techno zum Feiern, viel Emo-Trap-Musik hört von Rappern, die so heißen: Yung Hurn, Yung Lean, und so weiter.

Berlin, das "Riesen-K-Hole"

Und was soll man sagen: Die Darstellerinnen machen ihre Sache vor der Kamera wirklich toll. Wie die lesbisch begehrende Emmy mit ihren eher heterosexuell orientierten Freundinnen darüber fachsimpelt, wie unattraktiv Penisse sind: herrlich. Oder wie Emmy die ganze Stadt Berlin zum "Riesen-K-Hole" erklärt – womit das dissoziativ-verzerrte Erleben von Körper-, Raum- und Zeitlosigkeit gemeint ist, welches Nutzer der Narkose-Droge Ketamin genießen, wenn die Wirkung den Höhepunkt erreicht.

Oder Janaina: Sie monologisiert darüber, dass sie sich früher nicht habe vorstellen können, überhaupt älter als 30 zu werden, aber jetzt könne sie sich das schon vorstellen, nur habe sie keine Ziele im Leben, was aber nicht daran liege, dass sie keine Ziele haben wolle, sondern nur daran, dass sie nicht wüsste, was überhaupt ihre Ziele sein sollten. Doch, man lacht auch über diese Figuren in diesem halb tragischen, halb unfassbar polytoxikomanen Berliner Schulmädchen-Report mit Lizenz zum Strullen.

Henning Gronkowski spielt dabei mit noch mehr Referenzen: Dass alles stark improvisiert wirkt, als sei die Kamera einfach hinter den Darstellerinnen hergelaufen und habe festgehalten, was eben passiert, wenn es nur ganz wenige Anweisungen gibt – das hat sich Gronkowski beim Obercowboy des deutschen Films abgeguckt, bei Klaus Lemke, in dessen Low-Budget-Filmen er früher selbst mitgespielt hat (Schmutziger Süden, Unterwäschelügen). Ja, Yung entwickelt einen sehr ähnlichen, speziellen, schmuddeligen Lemke-Sog.

Dazu kommt das Prinzip "Confessional", also: Jede Akteurin sitzt zwischendurch immer wieder allein vor neutralem Hintergrund und spricht über sich und das Leben. Man kennt das aus dem Realityfernsehen. Oder aus dem ausgezeichneten Dokumentarfilm Feiern, den die Berliner Regisseurin Maja Classen 2006 mit Praktizierenden des exzessiveren Partylebens in der Hauptstadt drehte. Außerdem kommt noch hinzu, dass eine Drogenküche in einem Wohnwagen untergebracht ist, was an die TV-Serie Breaking Bad erinnern soll. Für die internationale Auswertung von Yung wird das sicher nicht schädlich sein. Es gibt sogar schon eine eigene Merchandise-Linie für den Film: T-Shirts, Pufferjacken und Hoodies mit dem Aufdruck "Yung Depute" oder "Depute Yung", die Reihenfolge ist nicht ganz klar, weil die beiden Worte typografisch so ineinandergesetzt sind, dass sie ein hübsch morbides Kreuzmotiv ergeben. Es sterben ja wirklich Menschen an zu vielen Drogen, vor allem: an zu vielen durcheinander gemixten Drogen. Nicht nur in Berlin. Damit kann man kokettieren, auch auf Klamotten. Aber hoffentlich passiert es nicht wirklich.

Wie also wirkt Yung auf Publikum? "Ääähh!" und "Iiieeh!": Bei der Berliner Premiere im Kino Babylon in der vergangenen Woche fanden die Zuschauer vor allem die Szene schlimm, in der sich eine der vier Freundinnen auf einem Spielplatz ohne Betäubung ein Piercing durch die Nasenscheidewand schieben lässt. Blut ist halt immer noch am ekligsten. Nicht so schlimm hingegen, zumindest den Reaktionen im Saal nach zu urteilen: die Szene, in der ausgerechnet der Junge, der im Panorama der Yung-Nebenfiguren noch als der Bravste erscheint, eines der Mädchen auf einer Party mit "G" bewusstlos tröpfelt und sie dann vergewaltigt. Vielleicht muss man also doch fragen: All diese junge, weibliche, lesbisch-queer-fluide, bedrogte, verkaufte, teils sogar erzwungene Sexualität wurde inszeniert von einem zehn Jahre älteren Mann, Gronkowski – könnte daran eventuell etwas problematisch sein?

Wie immer in solchen Fällen ist es aber doch am besten, sich an die Frauen selbst zu halten. Im Kino Babylon, wo bei der Premiere eine elektrisierte, hochgeschäftig-superwichtige, man möchte fast sagen: eine bekokste Stimmung herrschte, gab es jedenfalls keinen Eklat, keine Beschwerde. Auch nicht, als Gronkowski vor dem "Film ab!" wie ein Zirkusdirektor seine vier Sensationen pries und sie konsequent als "Mädchen" bezeichnete. Sind seine vier Darstellerinnen, drei Jahre nach dem Dreh, nicht inzwischen längst junge Frauen?

Alle vier wirkten aber sehr gut beisammen und schienen auch recht stolz auf ihren Film. Keine protestierte. Auch die Eltern und Familien der Darstellerinnen sind mit allem offenbar wunderbar einverstanden. Am Ende des Films treten in vier kurzen Standsequenzen tatsächlich die echten Mütter, Väter und Geschwister mit auf – da wird es dann fast heimelig. Sprich: Trotz der fragwürdigen Prostitutions-, Drogen-, Vergewaltigungs- und Piss-Exploitationen ist Yung ein familientauglicher Film. Womit wohl auch mal wieder bewiesen wäre, was für eine außergewöhnliche Stadt Berlin doch ist.

Der Film "Yung" läuft vom 28. November an in deutschen Kinos.

Korrektur vom 28.11.2019: In einer ersten Version des Textes hieß es über den Begriff "K-Hole", damit sei das Loch gemeint, "in das Nutzer der Droge Ketamin fallen, wenn die Wirkung nachlässt, oft begleitet von Bewusstlosigkeit." Wir haben die Stelle entsprechend geändert.