"Putting food on the table" ist eine dieser stehenden Wendungen in den USA, die aus anderen Zeiten stammen und doch weiter benutzt werden, derzeit zum Beispiel von den Frauen und Männern, die sich um das Präsidentschaftskandidatenamt der Demokraten bewerben: Essen muss auf den Tisch. In einem Land, das bis heute über ein nur rudimentäres soziales Netz verfügt, ist das eine existenzielle Frage. In den anderen, den patriarchalen Zeiten, fiel dem Familienvater die Rolle des Ernährers zu. Wenn der ausfiel, musste die Frau ran. Oder die Kinder selbst. Nein, früher war wirklich nicht alles besser, und noch heute bedeutet Not in den USA, wenn man an der Supermarktkasse mit staatlichen Lebensmittelmarken bezahlen muss.

Ein Leben wie das des Schauspielers Danny Aiello, der am Donnerstag im Alter von 86 Jahren gestorben ist, lässt sich nicht erzählen und wohl auch nicht verstehen, wenn man die existenziellen Sorgen nicht bedenkt, die dieses Leben lange bestimmt haben. Aiello, der 1933 in Manhattan geboren wurde, aber in ärmlichen Verhältnissen in der Bronx aufwuchs, musste notgedrungen früh die Rolle des Ernährers übernehmen: Danny Aiellos Vater Daniel, ein einfacher Arbeiter italoamerikanischer Abstammung, hatte seine Familie im Stich gelassen, so nannte man das damals. "Es schien so, als komme er nur einmal im Jahr nach Hause, und später bekam meine Mutter dann das nächste Kind", zitiert der Reporter Michael Norman den Schauspieler in einem umwerfenden Porträt, das 1990 im Magazin der New York Times erschienen ist. Als Kind, sagte Aiello zu Norman, habe er den Leuten in der Nachbarschaft erzählt, sein Vater sei deshalb nie da, weil der ein Detective sei, der in Cleveland, Ohio ausgebüchste Strafgefangene jage. Aiellos Mutter Frances, eine Näherin, die aus Neapel stammte, habe ihren Ehemann trotzdem bis zu ihrem Tode im Jahr 1988 geliebt. Sohn Danny tat sich offenbar erheblich schwerer, dem Vater zu verzeihen.

Zeitungen austragen, Schuhe putzen, in einem Lebensmittelladen und in einer Bowlingbahn arbeiten: Damit verdiente Aiello sein erstes Geld. In der Bowlingbahn hat er nach eigenen Aussagen dann wiederholt mit seiner Jungs-Gang den Zigarettenautomaten geknackt, um an Münzen zu kommen. Nach der achten Klasse verließ Aiello die Schule, mit 16 ging er für drei Jahre zur Army (dafür brauchte er gefälschte Papiere, auf denen stand, er sei bereits volljährig). Aiello war in Deutschland stationiert. Seine Hauptaufgabe als Soldat scheint es gewesen zu sein, in einem Baseballteam der Army zu spielen, das der Truppenunterhaltung diente. 

Ein Leben wie aus "Es war einmal in Amerika"

Zurück in New York, Ende der Fünfzigerjahre, bekam er bei der Greyhound-Busgesellschaft zunächst einen Job als Gepäckträger, wurde Gewerkschaftsmitglied und später zum Chef der lokalen Unterorganisation gewählt. Nach zehn Jahren schmiss Greyhound Aiello raus, weil er einen nicht genehmigten Streik unterstützt hatte. Aiello war bereits verheiratet, mit der Jüdin Sandra, was damals beide gesellschaftliche Seiten ungern sahen. Danny und Sandra hatten da schon vier Kinder. Eine Weile lang hielt Aiello die Familie damit über Wasser, dass er Safes knackte.

Als Danny Aiello ungefähr mit 40 ernsthaft Schauspieler wurde und später einer der Größten unter den stets in Nebenrollen Besetzten, klang sein Leben längst wie ein Filmstoff mit Anleihen bei Sergio Leones Es war einmal in Amerika (1984) und Martin Scorseses aktuellem Film The Irishman: ein Italoamerikaner, der sich in eine Jüdin verliebt (wie die Hauptfigur des Leone-Films), und die noch stets bunte Rolle der Gewerkschaften in den USA, wie man auch bei Scorsese sieht.

In Leones Mafia-Epos spielte Aiello tatsächlich mit, zwei Stunden Film sind bereits vorbei, als Aiello zum ersten Mal zu sehen ist als korrupter New Yorker Polizeichef, der den gleichen Nachnamen trägt wie der Schauspieler. Aiello tritt in Paradeuniform hinaus vor das Polizeipräsidium, eine Gruppe von Reportern wartet auf ihn. Aiello grinst über beide Wangen und zwinkert mit den Augen, Knick-Knack, er ist ein Ausbund an Jovialität, Lebensfreude und Gerissenheit: Man muss ihn einfach mögen. Die Szene dauert kaum eine Minute lang, eine weitere mit ihm folgt noch, dann taucht er nicht mehr auf in dem Film mit Robert De Niro in der Hauptrolle (eine von Aiellos ersten Filmauftritten war als Statist im zweiten Teil des Paten 1974, in dem De Niro den jungen Don Corleone spielte).

Die Ambivalenz, die Aiello der Figur des Polizeichefs in Es war einmal in Amerika in gerade einmal zwei Szenen verlieh, ist ganz typisch für Aiellos Spiel gewesen; es hat sich später sicher auch auf die Rollen ausgewirkt, die ihm angeboten wurden. Aiello brauchte nicht viel Material, um eine Figur zu skizzieren, die man nicht so schnell vergisst – weil sie eine zweite Ebene bei ihm bekam. Ein moralisch verwerflich Handelnder wie der Polizeichef kriegt etwas unschuldig Lustiges und durch Aiellos massige Gestalt zudem Gemütliches. Auch die ernsten Figuren hatten bei Aiello stets etwas Komödiantisches; und den komischen gab er oft etwas Sentimentales, häufig Melancholisches. Wirklich flach konnte er offenbar gar nicht spielen.

Aiellos Weg zum Schauspiel – zum Broadway wie nach Hollywood – hat Anfang der Siebzigerjahre in Manhattan begonnen. Als Türsteher (was sonst!) der legendären Standup-Bühne The Improv auf der 44. Straße wurde er hin und wieder auch als Ansager und Anspielpartner für Comedians auf die Bühne geholt. Aiello gefiel es dort ganz augenscheinlich. In dem Cop-Film The Bronx (1981), dessen Schauplatz Aiellos alte Gegend in der South Bronx war, hatte er seinen bis dahin größten Filmauftritt. Paul Newman spielte den Protagonisten, und Aiello nahm den bald gewohnten Stammplatz als Sidekick ein.