Das Grauen der Colonia Dignidad – Seite 1

Diese Serie erzählt von der Angst, wenn du vor Paul Schäfer stehst. Von der Angst, wenn er dir über das Gesäß streicht und dir sagt: "Wie ich höre, hast Du etwas Böses getan, etwas Schmutziges." Wenn er sagt, du müsstest dich jetzt reinwaschen. Die Serie erzählt von der Angst vor dem Badezimmer, vor der laufenden Dusche, deren beige-rot-gestreifter Vorhang das Unzeigbare verdecken wird. Von der Angst vor dem Ausziehen, vor der Nacktheit. Von der Angst, wenn Paul Schäfer hinter dir das Badezimmer betritt. Und die Tür schließt. 

Das Erlebnis des kleinen Pedro steht für den Horror mehrerer Jahrzehnte im Lager einer deutschen Sekte in Chile. Colonia Dignidad: Das war eine von der Außenwelt mit Stacheldraht und Wachtürmen abgeschottete Christen-Kolonie im damals diktatorisch regierten Chile. Die Serie Dignity, die auf dem Streamingportal Joyn von ProSiebenSat.1 und Discovery läuft, erzählt von den Verbrechen ihres Führers Paul Schäfer, eines sadistischen Ex-Sanitäters und Pädophilen, und der aktiven Mitbeteiligung vieler anderer.

Die deutsch-amerikanische Firma Story House Production hat diesen Stoff in einer achtteiligen Serie neu aufbereitet. Herausgekommen ist ein Thriller, der eine fesselnde Serienhandlung mit historischer Dokumentation verbindet. Es ist eine deutsch-chilenische Produktion, das ist wichtig, denn der Schatten der Colonia Dignidad stand lange zwischen beiden Ländern. Auch weil die Bundesregierung sich damals so blind wie schäbig verhalten hat.

Die Handlung des Films beginnt 1977. Der Staatsanwalt Leo Ramirez, gespielt von Marcel Rodriguez, nimmt auf den Fingerzeig des chilenischen Justizministers Ermittlungen gegen die Kolonie auf. Später lässt die ministerielle Unterstützung nach, aber Ramirez arbeitet aus eigenem bitteren Antrieb. Er selbst ist im Folterlager Colonia Dignidad aufgewachsen und hat unter Paul Schäfer gelitten. Nun will er ihn festnehmen und vor Gericht bringen lassen. 

Doch Ramirez hat viele Feinde. Da ist die Colonia selbst, in der Schäfer, dargestellt von einem überzeugenden Götz Otto, sich rechtzeitig in einem Kellergewölbe vor der Außenwelt versteckt hat. Seine Gehilfen, allen voran der Colonia-Arzt Bernard Hausmann, gespielt von Devid Striesow, schützen den Haupttäter und führen den Staatsanwalt auf Abwege.

Da ist aber auch die Bevölkerung der Gegend, die die Colonia schätzt, weil die Leute so "nett" sind und das Anwesen in der abgelegenen Ecke Chiles die einzige Krankenstation weit und breit bietet. Ramirez bekommt Todesdrohungen. Er wird in seinem Auto von zwei Geländewagen abgedrängt und kommt gerade noch mal davon. Da sind aber auch das chilenische Regime unter dem Diktator Augusto Pinochet und die lokalen Behörden, die den politisch geistesverwandten Schäfer schützen.

Am meisten jedoch stehen Leo Ramirez seine eigenen familiären Verstrickungen im Wege. Er entkam der Colonia Dignidad, sein Bruder Pedro wurde umgebracht. So dachte Leo zumindest. Dann aber taucht ein Klaus (Nils Rovira-Muños) aus der Colonia auf, der behauptet, Pedro zu sein. Leo geht mit seiner Schwester und Pedro alias Klaus in Familienklausur und versucht herauszufinden, was an der Geschichte dran ist.

Über der Familienfindung vernachlässigt Leo seine Frau Caroline (Martina Klier), die nichts von seiner schrecklichen Vergangenheit in der Colonia weiß. Caroline aber ist selbst an der Aufklärung und der Fahndung nach Schäfer beteiligt. Als Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft in Santiago de Chile versucht sie, die Haltung der deutschen Behörden zu ändern, die Schäfer bisher schützten. Sie stößt auf massive Ablehnung ihrer Kollegen und des Botschafters.

Ein düsteres Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte

Schäfer, sein Gehilfe Dr. Hausmann (Devid Striesow, re.) und Leo Ramirez' Bruder Pedro (Mitte)

Hier greift der Film ein besonders düsteres Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte auf. Die sozialliberale Regierung in Bonn und Außenminister Hans-Dietrich Genscher sahen an den Verbrechen in der Colonia Dignidad lange Jahre vorbei. Jahre, in denen viele Kinder misshandelt wurden. Paul Schäfer und seine Kolonie galten als eigenartige, aber durchaus erfolgreiche Variante deutschen Exports. Die Mischung aus Bachkantate, Blasmusik, Zopf oder Kurzhaarschnitt, Sauberkeit, Zucht und Frühaufstehen erinnerte an jene Sekundärtugenden, die in deutschen Schulen und Internaten der Siebzigerjahre durchaus noch populär waren.

Besonders blind oder geradezu komplizenhaft verhielt sich der damalige deutsche Botschafter Erich Strätling. Nach Vorwürfen der Vereinten Nationen und von Amnesty International wies das Auswärtige Amt in Bonn ihn an, sich selbst ein Bild zu machen. Strätling besuchte 1977 die Colonia Dignidad für mehrere Tage und sah nichts außer den glatt gewienerten Oberflächen. Seine Botschaft verlieh Schäfers schmierigem Kinder- und Gouvernantenlager das Prädikat "ordentlich und sauber – bis zu den Schweineställen".

Kinder und Erwachsene, denen die Flucht aus der Colonia gelang, wurden zurückgeschickt, wenn sie sich um Hilfe an die Botschaft wandten. Strätling wurde 1979 noch mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt und durfte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik viele Jahre als Vizepräsident vorstehen. 

Erst Frank-Walter Steinmeier machte sich als Bundesaußenminister 2016 an die Aufarbeitung der Mitschuld seines Amtes. Er öffnete die Archive vorzeitig, damit die Verbrechen aufgearbeitet werden können. Er rief im Auswärtigen Amt zu einer großen Gedenkveranstaltung mit den Opfern zusammen. Dort bekannte er: "Im Spannungsfeld zwischen dem Interesse an guten Beziehungen zum Gastland und dem Interesse an der Wahrung von Menschenrechten ging Amt und Botschaft offenbar die Orientierung verloren." Wohl wahr.

María Elena Wood und Patricio Pereira führen in Dignity ihre Zuschauer zurück in die Schrecken, die Versäumnisse, das Wegsehen und konfrontiert auch sie mit der Mauer des Schweigens, unter denen die Opfer von Paul Schäfer so lange gelitten haben. Die Topbesetzung des Thrillers macht die Geschichte authentisch wie einen Dokumentarfilm, die Landschaftsaufnahmen zeigen die Gegend am Río Perquilauquén, deren überwältigende Schönheit im schrillen Kontrast zur Hässlichkeit des Lebens in der Kolonie stand.

Von der allerdings bekommen die Zuschauer nur einen etwas distanzierten Eindruck. Bis auf die Szene von Pedro und Schäfer im Badezimmer und einer wahrlich erschütternden Episode einer Scheinbeerdigung spart die Regie in den ersten zwei Folgen mit Einblicken in den psychischen Druck und die physische Gewalt, die in der Kolonie geherrscht hatte. Auch erzählt das sonst schlüssige Drehbuch von Andreas Gutzeit die familiären Verwicklungen von Ermittler Leo Ramirez teilweise zu kurzatmig und verwirrend. Zu viel Aufmerksamkeit geht an das bloße Verstehen der Handlung verloren, zu wenig bleibt für den Film selbst. 

Doch wer einmal durchblickt, der bleibt dran an dieser im besten Sinne krimihaft inszenierten Geschichte und fragt sich vor der nächsten Folge: Wird es Leo Ramirez, Ermittler und Opfer in einer Person, schaffen, seinen Peiniger Paul Schäfer seiner Strafe zuzuführen? Die Geschichte der Colonia kennen wir, die Geschichte von Leo noch nicht.

Die acht Folgen von "Dignity" sind kostenpflichtig im Premiumbereich von Joyn abrufbar.