Verdient eigene filmwissenschaftliche Abhandlungen: das Eigenleben des Glitzer-Make-ups der "Euphoria"-Schülerinnen. © 2019 Home Box Office

Unter der stylischen Oberfläche wimmelt es jedoch vor innovativen, oft auch humorvollen Ideen: So klärt etwa Rue in einem schwungvollen Handlungsschwenker über den korrekten Tindereinsatz von Penisfotos auf. Highlight jeder Folge sind die mehrminütigen Anfangssequenzen, mit denen Euphoria den Werdegängen seiner Nebenfiguren Tiefe verleiht. Eine liebevoll gestaltete Clique schwirrt mit eigenen Motiven und Problemen um Rue und Jules herum. Kat (Barbie Ferreira) führt ein geheimes Zweitleben als Webcamstar. Cassie (Sydney Sweeney) kämpft um die Anerkennung ihres Highschool-Schwarms. Maddy (Alexa Demie) pflegt und verflucht ihre toxische Beziehung zum Star-Quarterback Nate (Jacob Elordi).

Ständig setzen sich diese Clique und ihre Machtverhältnisse neu zusammen. Bis zum Ende von Euphoria bleibt unklar, wer sich wie gut mit wem versteht. Aus dieser Unverbindlichkeit der Beziehungen spricht ein realistisches Verständnis von jugendlicher Freundschaft, das Levinson auch auf die brüchigen Identitäten seiner Protagonistinnen überträgt. Selten zuvor hat eine Highschool-Serie die heteronormativen Vorstellungen ihres Mehrheitspublikums so konsequent aufgelöst. Sexualität und Geschlecht befinden sich in Euphoria angenehm selbstverständlich im Fluss. Ganz beiläufig enthüllt die Serie in ihrer dritten Folge, dass Jules als Transfrau lebt.

Freie Verfügbarkeit jeder erdenklichen Pornodisziplin

Was die Schülerinnen eint, sind zerstörerische Erfahrungen, die sie insbesondere mit männlicher und erwachsener Sexualität sammeln. Der Blick der Serie ist hier ähnlich fatalistisch wie im Fall der Opioidkrise: Die freie Verfügbarkeit jeder denkbaren Pornodisziplin prägt das Liebesleben der Figuren ebenso wie die Anonymität des Internets. Smartphones übermitteln die wenigen zärtlichen Botschaften zwischen den Charakteren, zersetzen aber auch jede Aussicht auf Intimität. Kein Sex ohne Sextape in Euphoria. Wann immer zwei Menschen zusammenfinden, scheint die ganze namenlose Stadt zuzusehen.

Die Jugendlichen imitieren mit ihrem On- und kaum noch existenten Offlineverhalten jedoch nur, was ihnen die Eltern vorleben. Nicht mit der Generation Z rechnet Sam Levinson ab, sondern mit jenen Erwachsenen, die ihre Kinder in eine Welt voller Zynismus entlassen. Eine schlimmere Einführung in die Zusammenhänge von Sex, Gewalt und Macht, als sie Jules durch ihre Vergewaltigung erfährt, ist kaum vorstellbar. Das oben erwähnte Football-Söhnchen Nate wird von seinem Vater zum Soziopathen erzogen und geprügelt. Die Mutter von Cassie ist kaum einmal ohne Weinglas in der Hand zu sehen – und geht im Euphoria-Kosmos trotzdem als Stimme der Vernunft durch.

Rührt daher womöglich der ganze Ärger? Ist es nicht der eigene Nachwuchs, um den sich jene Journalisten und Elternverbände sorgen, die Euphoria als Katastrophenporno kritisieren – sondern das eigene Image? Mit seiner Serie demontiert Levinson die amerikanische Idealvorstellung eines sauberen Vorstadtidylls bis zur letzten Holzlatte der weiß gestrichenen Gartenzäune. Zugleich gelingt ihm, was auch weniger explizite Vorläufer wie Beverly Hills, 90210 und Dawson’s Creek zu wegweisenden Teenager-Shows machte: Er schöpft eine Welt, die für Erwachsene so unergründlich bleibt, dass sie nur noch als zerstörerische Kraft darin wirken können.

Die acht Folgen von "Euphoria"sind auf Sky Go zu sehen.