Gott und Teufel der Coolness – Seite 1

Als Miles Davis im August 1959 vor dem Birdland in New York kurz frische Luft schnappte, meinte jemand, er solle gefälligst den Weg freimachen. Davis hatte gerade Kind Of Blue veröffentlicht, das das erfolgreichste Album der Jazz-Geschichte werden sollte. Er war ein Star und arbeitete in dem Club am Broadway gerade an seinen nächsten musikalischen Großtaten. Und dann kam ein Polizeibeamter an, sagte, er solle verschwinden, und gab ihm, als Davis auf seinem Recht als freier Bürger in einem freien Land beharrte, vor Publikum seinen Gummiknüppel auf den Schädel.

Die Episode ist ein zentraler Moment in Miles Davis: Birth Of The Cool, dem Dokumentarfilm, der nun, über 60 Jahre nach dem Vorfall, in die Kinos kommt. Es ist der Augenblick, in dem Biografie und Zeitgeschichte, das Selbstbewusstsein eines musikalischen Revolutionärs und rassistische Erniedrigung blutig aneinander gerieten.

Die wichtigsten Töne waren die, die er gar nicht spielte, heißt es über Miles Davis. Er sagte das auch selbst, eines seiner beliebtesten Bonmots lautet: "Es kommt nicht auf die Noten an, die du spielst. Sondern auf die, die du nicht spielst." Davis gründete eine Weltkarriere darauf, nicht einfach alles Mögliche zu tun, sondern immer nur das Richtige – und das immer wieder neu. Damit wurde er zu einem der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts, bekannt als Pionier und Innovator, als Junkie und Frauenhasser, als Gott und Teufel der Coolness. Das meint Davis' einzigartigen lyrischen Ton und seine Ökonomie an der Trompete genauso wie seine berüchtigte Ihr-könnt-mich-alle-Attitüde.

In dem Sinne muss man auch den Titel der Dokumentation von Regisseur Stanley Nelson verstehen. Es geht in Miles Davis: Birth Of The Cool nicht speziell um die Phase Ende der Fünfziger, als Davis mit seinen Mitstreitern die Hektik des Bebop in einen unerhört smoothen und ungemein populären Whisky-Gurgel-Sound verwandelte. Der Film hat im Gegenteil eher damit zu kämpfen, dass nicht der kleinste Pieps in diesem wechselvollen Leben ausgelassen werden soll, von den ersten Fotos der wohlsituierten Zahnarztfamilie Davis in East St. Louis bis zu einem der letzten Auftritte beim Jazz-Festival in Montreux. Das wäre genug Stoff für eine sechsteilige Miniserie, mindestens, der hier in knapp zwei Kinostunden chronologisch runtergerattert wird.

So atemlos hat man den Tonfall des Cool noch nicht erlebt. Zäsuren setzt Nelsons Film durch rasante Diashows, die alle weltgeschichtlichen, politischen, kulturellen Marker zu einem Potpourri der Beliebigkeit schrumpfen lassen. Als würde man sagen: Ja, irgendetwas ist wohl passiert im Jahre soundso, aber was genau ist jetzt auch nicht so wichtig.

Ein Grundpfeiler des Films ist der Off-Kommentar eines Miles-Davis-Imitators: Schauspieler Carl Lumbly liest mit der längst zum Klischee geronnenen Käsereibestimme Passagen aus Davis' Autobiografie vor, und zwar hauptsächlich die jugendfreien. Als zweite Säule wurde – brav nach dem Handbuch des Dokumentarfilms – ein Interviewpuzzle aus Gesprächen mit Zeitzeugen und heutigen Experten zusammengestückelt.

Die Materiallfülle ist überwältigend, der Anspruch allumfassend, die Gästeliste so lang wie erlesen. Eine Festtagsparade sprechender Köpfe mit funky Halstüchern: Herbie Hancock, Wayne Shorter, Quincy Jones, Ron Carter, Marcus Miller, Carlos Santana. Dazu ein ganzes Institutsaufgebot an Historikern, ein paar von Davis' Nachkommen und einige seiner Ex-Partnerinnen. Mehr als zwei, drei Mal kommen die wenigsten von ihnen zu Wort. Der Film wird so streckenweise zu einer Aneinanderreihung sich an Superlativen übertrumpfender Lobhudelei. "Ein Künstler wie Strawinski." – "Unser schwarzer Superman." – "Die einzigartigste Persönlichkeit, die ich kannte."

Die verbrannte Erde eines rastlosen Lebens

Als narrative Bögen werden immer wieder Liebesgeschichten eingeführt. Sängerin Juliette Gréco etwa, mittlerweile 92, erzählt höchstpersönlich, wie sie und Davis sich 1949 in Paris lieben lernten, wie er das Leben der Philosophie-und-Chanson-Boheme aufsog – und ein paar Augenblicke später ist sie aus  Miles Davis: Birth Of The Cool auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ihre Story mit Davis bekommt, wie viele andere in diesem Film, kein Ende. All die Neuanfänge, die unverbunden in der Luft hängen bleiben, verstärken die Stoßrichtung des Films: Es geht um einen Mann, der rastlos immer wieder zu Neuem aufbrach und dabei gern verbrannte Erde hinterließ. Man bekommt so nebenbei auch eine Ahnung von Davis' Arschlochqualitäten.

Den grandiosesten Auftritt hat Frances Taylor, Davis' Ehefrau von 1959 bis 1968. Vor gut einem Jahr ist sie gestorben, jetzt kann man noch einmal bewundern, wie sie mit ihrem Humor und ihrem Selbstbewusstsein allen die Show stiehlt. Ihre Egomanie ist irrwitzig, gibt aber wohl nur eine leise Vorstellung von der ihres Gatten. Als sie und Davis heirateten, hatte sie als Tänzerin in West Side Story gerade das Engagement ihres Lebens ergattert. Der eifersüchtige Davis aber beschloss, dass sie lieber für die Kinder kochen solle. Und sie tat es. Taylor erzählt das entwaffnend direkt. Sie spricht über die Schläge, die sie aushalten musste, und findet doch Entschuldigungen für die Gewalttätigkeit des Künstlergenies. Kokain, Schnaps und rezeptpflichtige Arzneien seien eben eine ungesunde Mischung, erklärt sie. Und: Sie spüre Liebe, immer noch.

In solchen Momenten zeigt sich Nelsons Größe als Dokumentarfilmer. Er hat sich als kluger Chronist afroamerikanischer Geschichte einen Namen gemacht, hat Dokumentationen über die Black Panther Party gedreht und über den Lynchmord an Emmett Till im Jahr 1955. Zuletzt wurde Nelson nach einem rassistischen Vorfall bei der Frappuccino-Kette Starbucks im April 2018 beauftragt, die Belegschaft in einem Kurzfilm über Diskriminierung im öffentlichen Raum aufzuklären. Er drehte ein auf acht Minuten komprimiertes Denkmal für die historische Last und die alltäglichen Ängste von Millionen Menschen.

Vergleichbare Prägnanz geht Miles Davis: Birth Of The Cool leider eher ab. Aber Nelson ist clever und cool genug, nicht immer genau auszubuchstabieren, was in seinem Material an Sprengkraft steckt. Er spielt mit dem Gesamtklang, der sich aus den einzelnen Elementen ergibt, der Reibung, die auch ohne weiteren Kommentar auskommt. Zum Beispiel der Tatsache, dass fast alle interviewten Musiker schwarz sind, die zentralen Veranstalter, Booker und Manager, die zu Wort kommen, aber ausnahmslos weiß. Auch Frances Taylors Aussagen über ihren prügelnden Mann und die Bilder von Davis' blutigem Hemd nach der Polizeiattacke von 1959 ergeben zusammen einen Akkord, der wie ein Grundton im Hintergrund mitschwingt: Sexismus und Rassismus als Konstanten im Leben eines schwarzen Musikers, als permanenter Widerstreit von Macht und Ohnmacht.

Hier noch ein berühmtes Miles-Davis-Bonmot: "Spiel nicht, was da ist, spiel, was nicht da ist!" Die Partitur für diesen Film ist regelrecht zugemüllt vor lauter Noten, die alle gehört werden wollen. Aber in einigen Momenten gelingt Nelson genau das: Da erklingen Töne, die er gar nicht gespielt hat.

"Miles Davis: Birth Of The Cool" läuft in den deutschen Kinos.